Viele Rennradler empfinden eine Klingel am Lenker als Verrat am Sport – oder an einer gewissen imaginierten Sportlichkeit. Hat man je einen Radprofi mit einer Klingel am Rad gesehen? Eben. Ein harter Antritt, ein schneller Haken – und weg. Bevor der schusselige Fußgänger oder der unaufmerksame Autofahrer das Klingeln einer Radglocke auch nur gehört haben könnte, sind wir schon längst über alle Berge. Schneller als der Schall, sozusagen. Und dann noch das unnötige Gewicht am asketischen Carbongeröhr. Ne, ne. Klingel geht gar nicht.
Ich sage dazu: Mein Leben als Rennradfahrer ist deutlich entspannter geworden, seit ich eine Klingel am Lenker habe. Gut, das mag damit zu tun haben, dass ich in einer Region zuhause bin, die radtouristisch sehr gut erschlossen und bei Wochenendausflüglern wie Urlaubern sehr beliebt ist. Es gibt viele Radwege, auch viele gute, und sie sind viel befahren. Oft sind es auch gemeinsame Rad- und Fußwege, dann tummeln sich darauf auch noch Spaziergänger, Jogger und Wanderer. Nicht selten wuseln auch noch Kinder herum.
Ich habe viele Jahre damit zugebracht, herauszufinden, wie man Fußgänger oder andere Radfahrer voraus am besten auf sich aufmerksam macht. Rufe wie „Hallo“ – „Huhu“ – „Achtung“ – „Radfahrer von hinten“ – „Klingeling“ oder ein Pfiff, wahlweisefreundlich flötend oder Typ Schiri: Das changiert alles zwischen peinlich bis leise unverschämt und führt letztlich zu genau der Reaktion, die der Situation am wenigstens dient: Die Menschen voraus drehen sich um und gucken, wer da ruft bzw. pfeift. Ist man auf dem Rad (zu) schnell, huscht man genau in dem Moment zentimeterdicht an ihnen vorbei. Oder die Leute erschrecken ob des heranrasenden Radfahrers und springen zur Seite. Meistens in die falsche Richtung. Bremsen, Schlenker, Gegrummel auf beiden Seiten sind die Folgen – wenn’s harmlos ausgeht.
Um wieviel entspannter hingegen verläuft das unter Einsatz einer Klingel. Ein helles „Pling“ im richtigen Moment, und die Fußgänger streben zum Wegrand. Viele drehen sich gar nicht um, weil das „Ping“ ihnen eindeutig signalisiert: Fahrrad von hinten. Eltern pflücken ihre Kinder aus der Spur, langsamere Radfahrer greifen ihren Lenker fester und halten sich rechts. Niemand erschrickt. Wenn man dann beim Passieren noch freundlich lächelt oder sogar „Danke“ sagt, haben alle einen schönen Nachmittag.
Bevor ich’s vergesse: Es gibt meines Erachtens genau eine Klingel, die es verdient hat, an einen – bzw. meinen – Rennradlenker geklemmt zu werden: Die Knog Oi. Sie fügt sich unauffällig ins Bild, ist schlicht und edel designt, wertig gemacht und versendet einen relativ lauten, gut hörbaren aber trotzdem angenehmen Ton. In der Basisversion mit dem – allerdings biegeempfindlichen – Kunststoff-Federklöppel kostet sie etwa 20 Euro, mit der Wippe 30 Euro und mit dem Messingbügel 40 Euro. Es gibt sie in zwei Größen für Lenker mit rundem Querschnitt (small: 22,2 Millimeter; large: 23,8 bis 31,8 Millimeter).
Die Klingel ist übrigens auch das Einzige, was bei mir an den Lenker darf. Aber das ist wieder eine andere Geschichte …
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