Robert Kühnen
· 10.06.2026
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Dass Reifen am Gesamtsystem der Fahrrad-Aerodynamik einigen Anteil haben, ist keine ganz neue Erkenntnis. Mavic experimentierte als erster Hersteller mit Reifen-Laufradsystemen, um die Aero-Performance zu optimieren. Bislang am erfolgreichsten war aber eine Kooperation von Swiss Side, Continental und DT Swiss: Der Conti Aero 111 zeigte im TOUR-Windkanaltest bemerkenswert gute Eigenschaften. Das spezielle Profil verhindert, dass die Strömung am Vorderrad abreißt – und das über einen weiten Geschwindigkeitsbereich von Freizeit- bis Renntempo. Der Vorteil für das Gesamtsystem kann nach unseren Windkanaltests mehrere Watt betragen, zudem verbessert sich das Handling des Reifens bei böigem Wind, das Vorderrad zappelt weniger, wenn der Aero-Reifen montiert ist.
Ähnliches hat Pirelli nun mit dem neuen P Zero Race SL-R erreicht. Allerdings sieht der Trick der Italiener etwas anders aus. Pirelli setzt nicht auf ein spezielles Profil wie Continental, sondern manipuliert die Form des Reifens, um den Luftstrom gefügig zu machen. Konkret verdickt Pirelli dazu den Reifen knapp oberhalb des Felgenhorns. Der Reifen geht steiler in die Felge über, die Seitenwände stehen fast senkrecht und nehmen - im Querschnitt betrachtet - keine Birnenform an. „PAAS“ nennt Pirelli dieses patentierte Feature, es steht für Pirelli Advanced Aero System. Entwickelt wurde im virtuellen Windkanal, überprüft in vier (!) physischen Windkanälen. Das Strömungsmanagement soll mit verschiedenen Felgenformen und -breiten funktionieren.
Unser Testmodell ist die schlankeste Ausführung des Reifens und nominell 28 Millimeter breit; auf einer Felge mit 23 Millimetern Innenweite wölbt er sich auf 30 Millimeter Breite; auf der nach ETRTO-Regeln nicht kompatiblen 25er-Felge sogar 31 Millimeter. Oberhalb des Felgenhorns lässt der Reifen einen Spalt von 1,8 Millimetern.
Die Montage der leichten Tubeless-Ready-Karkasse gelingt von Hand, mit einem durchflussfreudigen Reserve-Fillmore-Ventil springt der Reifen auch sofort ins Felgenhorn. Beim klassischen Presta/Sclaverand-Ventil mussten wir den Ventilkern entfernen, um schnell genügend Luft in den Reifen zu pumpen. In der Mitte der Lauffläche ist der Pneu dank nur zweier Karkasslagen auffällig flexibel und dünn.
Auf dem Rad rollt der 277 Gramm schwere Reifen sehr leicht. Er lenkt agil ein, liegt satt in der Kurve und ist sehr leise. Während der Fahrten bei böigem Wind läuft das Vorderrad ruhig, was aber auch der aerodynamisch gutmütigen Leeze-Felge geschuldet sein mag. Der Grip des Reifens ist in freier Fahrt immer schwierig zu beurteilen. Der Reifen verhält sich jedoch makellos und fühlt sich während der 1000 Testkilometer allzeit sicher an, auch auf nasser Straße.
Welchen Anteil der Reifen an der Laufrad-Aerodynamik hat, offenbart der Aerodynamik-Test, den wir im GST-Windkanal in Immenstaad durchgeführt haben. Zum Einsatz kommt unser Referenzrad Canyon Ultimate, aber auch ein sehr schnelles, bislang noch nicht veröffentlichtes Aero-Rennrad. Wir montieren den Reifen auf verschiedenen Laufrädern und vergleichen die Aero-Performance mit dem Klassiker Conti 5000 STR in 28 Millimetern Breite sowie Contis Aero 111 in 26 und 29 Millimetern Breite. Als Set-up wählen wir unseren tretenden Dummy, um der Realität so nahe wie möglich zu kommen.
Pirelli legt den P Zero Race SL-R nicht als speziellen Vorderreifen aus, sondern sieht ihn für Vorder- und Hinterrad vor; unter anderem, weil auch der Rollwiderstand optimiert wurde. Messbare Aerodynamikvorteile durch den Reifen lassen sich nach unserer Erfahrung aber nur am Vorderrad erwarten. Wir haben unsere Aero-Untersuchungen daher auf das Vorderrad beschränkt, um kostbare Windkanalzeit zu sparen.
Getestet habe wir den Reifen auf Laufrädern mit Innenbreiten von 19 bis 25 Millimetern und 40 bis 60 Millimeter hohen Felgen. Die Messungen zeigen, dass Pirellis 28er bei Renntempo 45 km/h, in einem schnellen Aero-Rennrad und montiert auf einem schnellen Laufrad (DT Swiss ARC 1100 65), in der Aerodynamik fast gleichzieht mit Contis Aero 111 in 29 Millimetern Breite. Nur bei sehr schräger Anströmung ist Contis Aero-Reifen einen Tick schneller, im gewichteten Mittel um 0,5 Watt.
Im etwas weniger windschnittigen Rahmen des Canyon Ultimate und auf einem 50 Millimeter hohen DT Swiss ARC 1100-Laufrad funktioniert der Pirelli-Reifen etwas weniger gut, er platziert sich aerodynamisch zwischen dem Conti 5000 (28 mm) und dem Conti Aero 111 (29 mm). Die gemittelten Abstände sind mit je 1,5 Watt aber noch gering.
Die Messungen zeigen, dass Pirellis 28er bei Renntempo 45 km/h, in einem schnellen Aero-Rennrad und montiert auf einem schnellen Laufrad (DT Swiss ARC 1100 65), in der Aerodynamik fast gleichzieht mit Contis Aero 111 in 29 Millimetern Breite. Nur bei sehr schräger Anströmung ist Contis Aero-Reifen einen Tick schneller, im gewichteten Mittel um 0,5 Watt.
Im etwas weniger windschnittigen Rahmen des Canyon Ultimate und auf einem 50 Millimeter hohen DT Swiss ARC 1100-Laufrad funktioniert der Pirelli-Reifen etwas weniger gut, er platziert sich aerodynamisch zwischen dem Conti 5000 (28 mm) und dem Conti Aero 111 (29 mm). Die gemittelten Abstände sind mit je 1,5 Watt aber noch gering.
Auf einem breiten Leeze-Laufrad mit 42 Millimeter hohen Felgen und 25 Millimetern Innenmaß fügt sich der Pirelli-Reifen sehr gut ins gutmütige Strömungsbild der Felge. Es kommt zu keinem Abriss der Strömung bis 20 Grad Schräganströmung. Übersetzt aufs Fahrverhalten bedeutet das: sichere Fahrt auch bei böigen Winden, der P Zero belegt damit seine aerodynamische Wirksamkeit.
Kommen wir zum Rollwiderstand. Wir messen wie üblich mit unserer herstellerunabhängigen Messmethode auf zwei Untergründen, einer sehr schnellen Betonpiste und einer rauen Piste. Danach gehört der P Zero Race SL-R zur Gruppe der schnellsten Reifen auf dem Niveau spezieller Zeitfahrreifen. Bei 35 km/h messen wir für 85 Kilogramm Systemgewicht einen Rollwiderstand von nur 13,2 Watt bei 5 Bar. Das ist im Rahmen der Messgenauigkeit das Niveau des Zeitfahrreifens Conti TT in 28 Millimeter Breite und ein exzellenter Wert. Den Conti-Allrounder GP 5000 S schlägt der neue Pirelli-Pneu damit im Rollwiderstand und erfüllt das Versprechen, schneller geworden zu sein als der P Zero RS.
Der Reifen arbeitet auf rauem Untergrund besonders effektiv. Zur Einordnung: Pirellis Rennpelle rollt auf der sehr rauen Teststrecke leichter als ein durchschnittlicher Pneu auf perfekt glattem Asphalt. Faszinierend!
Trotz des großartigen Leichtlaufs bietet der Reifen genügend Gummi für eine normale Laufleistung. Im Zentrum ist der Reifen zwar nur 1,9 Millimeter stark, was sehr wenig ist. Davon entfallen dank sehr dünner, im Zentrum nur zweilagiger Karkasse rund 1,5 Millimeter auf die Gummischicht. Über die 1.000 Kilometer der Testfahrten verlor der hintere Reifen ein Viertel seines Gummis, das deutet auf eine mögliche Laufleistung von 4.000 Kilometern hin. Der Hinterradreifen blieb frei von Schnitten. Verschleißindikatoren, die Orientierung geben könnten, wann ein Austausch ansteht, hat der Reifen keine.
Eine dünne Pannenschutzlage ist integriert, sie zeigt aber nur unterdurchschnittliche Wirkung. Wir messen 330 Newton Durchstechkraft, das liegt am unteren Ende des Spektrums. Zum Ende der Testfahrten schneidet ein unbekanntes Objekt mitten durch die Lauffläche des Vorderradreifens. Die Dichtflüssigkeit ermöglicht die Weiterfahrt, aber ein Austausch bietet sich an.
Pirelli gelingt mit dem P Zero Race SL-R ein herausragend schneller Rennsportreifen, der viele Eigenschaften in sich vereint: Der Leichtlauf ist exzellent wie bei einem Zeitfahrreifen, die Aero-Performance bei hohem Tempo sehr gut, das Fahrgefühl top. Gummierung und Pannenschutz sind für den Renneinsatz angemessen, für den Rennrad-Alltag aber eher schwach.
Zum Start des Verkaufs ist der Reifen in 28 und 30 mm Breite erhältlich, ein 32er Modell soll nach dem Sommer folgen. Die Preisempfehlung liegt bei 99,99 Euro pro Reifen. Hergestellt wird der Reifen in Bollate bei Mailand.
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