Der moderne Radsport ist längst nicht mehr nur ein Wettkampf auf der Straße. Hinter den Erfolgen der Profis steckt heute ein riesiger Apparat aus Datenanalysen, Trainingssteuerung und Ernährungswissenschaft. Kaum ein Bereich hat sich in den vergangenen Jahren dabei so stark verändert wie die Ernährung. Das wurde bei unserem Besuch bei Team Visma | Lease a Bike deutlich. Die Head of Performance, Daphne Steensma erklärte uns dort, auf was es bei der Ernährung ankommt und wie die Profis bei der Ernährung ticken.
Noch vor wenigen Jahren lief vieles deutlich einfacher ab. Erst 2018 begann das Team damit, bei den großen Rundfahrten regelmäßig einen eigenen Koch mitzunehmen. Heute gehört das längst zum Standard. Ernährung ist inzwischen ein fester Bestandteil der Leistungssteuerung und wird bis ins kleinste Detail geplant.
Im Zentrum steht ein digitales System, das alle relevanten Daten der Fahrerinnen und Fahrer zusammenführt. Jede Athletin und jeder Athlet besitzt einen eigenen Account in einer Ernährungs-App. Diese berechnet fortlaufend den individuellen Bedarf an Energie und Nährstoffen.
Die Grundlage dafür liefern die Leistungsdaten aus dem Training und den Rennen. Die Werte, die ein Radcomputer während einer Etappe aufzeichnet, werden automatisch ausgewertet. Das System errechnet daraus den Energieverbrauch des Tages und bestimmt anschließend, wie viele Kalorien, Kohlenhydrate, Proteine oder Ballaststoffe benötigt werden.
Die Arbeit endet jedoch nicht mit der Berechnung. Auch die Mahlzeiten selbst werden exakt erfasst. Das Performance-Team trägt die zubereiteten Gerichte in das System ein. Anschließend errechnet die Software aufs Gramm genau die benötigte Portion für jede einzelne Person. Wie viel Pasta auf den Teller kommt und wie groß die Portion Sauce sein darf, ist damit keineswegs dem Zufall überlassen.
Eine Frage lag dabei auf der Hand: Was passiert eigentlich, wenn ein Profi keinen Appetit hat oder umgekehrt deutlich mehr Hunger verspürt als geplant?
Ganz so strikt wie es zunächst klingt, ist das System laut Steensma nicht. Kleinere Abweichungen seien durchaus möglich. Gleichzeitig komme es aber auch auf die Rolle und die Ziele des jeweiligen Fahrers oder der jeweiligen Fahrerin an. Während einer großen Rundfahrt soll die Energieversorgung möglichst exakt stimmen.
Kein Wunder, denn die Anforderungen sind enorm. Bei den wichtigsten Rennen stehen für viele Profis fünf Mahlzeiten am Tag auf dem Programm. Dazu kommen verschiedene Snacks zwischen den Mahlzeiten. Insgesamt müssen viele Fahrer knapp 8000 Kilokalorien am Tag aufnehmen, um den Energieverbrauch auszugleichen.
Ein Begriff fiel während des Vortrags immer wieder: „Low Fibre“. Gemeint ist eine ballaststoffarme Ernährung. Ballaststoffe gelten grundsätzlich als wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung und spielen außerhalb von Rennen weiterhin eine wichtige Rolle. Während langer und intensiver Belastungen können sie jedoch die Verdauung zusätzlich belasten oder die Aufnahme der benötigten Energie erschweren. In Wettkampfphasen liegt der Fokus deshalb vor allem auf einem Nährstoff: Kohlenhydraten.
Interessant ist dabei die Rolle der Kartoffel. Obwohl sie klassisch als Kohlenhydratquelle gilt, landet sie während einer Rundfahrt meist nur an Ruhetagen auf dem Speiseplan. Der Grund ist simpel. Gekochte Kartoffeln liefern auf 100 Gramm ungefähr 17 Gramm Kohlenhydrate. Reis oder Pasta enthalten bei gleicher Menge nahezu doppelt so viele.
Für die hohen Energieanforderungen im Profiradsport wären deshalb enorme Kartoffelmengen notwendig. Das Problem wäre weniger die Energieversorgung als vielmehr das Völlegefühl. Anders gesagt: Die Profis könnten die benötigten Mengen kaum essen.
Überraschend locker geht das Team dagegen außerhalb des Wettkampfgeschehens mit dem Thema Ernährung um. Zwar erhalten die Fahrerinnen und Fahrer weiterhin Empfehlungen über die App, doch niemand ist verpflichtet, sich minutiös an einen Ernährungsplan zu halten.
Wer möchte, kann sogar Mahlzeiten fotografieren und hochladen. Die Software analysiert die Speisen und berechnet die entsprechenden Nährwerte. Trotzdem stehe nicht die Kontrolle im Vordergrund, sondern die Eigenverantwortung der Athleten.
Ganz ohne Konsequenzen bleibt das allerdings nicht. Die regelmäßigen Leistungsdiagnostiken sowie Wiege- und Körpermessungen folgen schnell genug. Spätestens dort zeigt sich, ob die Ernährung zur angestrebten Form passt. Denn am Berg will niemand ein Kilogramm mehr mit nach oben tragen als nötig. Steensma verrät, dass diese Freiheiten ganz unterschiedlich genutzt werden. Manche Profis halten sich weiterhin strikt an den Plan, andere lassen es durchaus auch mal entspannt angehen mit der Ernährung. Ein Satz der mir dabei im Kopf bleibt: “Am Ende ist das einfach ihr Job, sie verdienen damit ihr Geld.”
Neben den wissenschaftlichen Einblicken brachte Steensma auch einige unterhaltsame Geschichten aus dem Teamalltag mit. So sei bei kleineren Rennen und Hotels die Stromversorgung manchmal ein größeres Problem als die Ernährung selbst. Wenn mehrere Teams im selben Hotel untergebracht sind, könne es durchaus vorkommen, dass schlicht nicht genügend Steckdosen für Computer, Küchengeräte und weiteres Equipment vorhanden seien. Dann beginne regelrecht ein Wettkampf um die besten Plätze an den wenigen verfügbaren Anschlüssen.
Auch bei den Essensplänen offenbarte sich ein interessanter Unterschied zwischen Frauen- und Männerteam. Auf die Frage, ob Athletinnen und Athleten Wünsche für den Speiseplan äußern, musste Steensma schmunzeln. Die Männer würden sich den Plan meist erst kurz vor der jeweiligen Mahlzeit anschauen. Gegessen werde dann in der Regel einfach das, was vorbereitet wurde.
Bei den Frauen sehe das hingegen oft anders aus. Dort werde der Speiseplan nicht selten bereits Tage zuvor studiert. Änderungswünsche oder Vorschläge für bestimmte Gerichte seien keine Seltenheit. Manche Fahrerinnen melden sich sogar gezielt, wenn sie ein Lieblingsgericht auf dem Menü vermissen.
Der Vortrag zeigte eindrucksvoll, wie professionell Ernährung im modernen Radsport inzwischen betrieben wird. Was früher häufig auf Erfahrung und Bauchgefühl basierte, wird heute durch Leistungsdaten, Software und wissenschaftliche Erkenntnisse gesteuert.
Trotz aller Technik bleibt jedoch auch bei Team Visma | Lease a Bike der Mensch im Mittelpunkt. Denn am Ende entscheidet nicht nur ein Algorithmus über Erfolg und Misserfolg, sondern auch die Fähigkeit, individuelle Bedürfnisse mit den Anforderungen einer der härtesten Ausdauersportarten der Welt in Einklang zu bringen. Und manchmal eben auch die Frage, ob im Hotel noch eine freie Steckdose zu finden ist.

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