Wer an das Hauptquartier von Visma | Lease a Bike denkt, hat vermutlich ein hochmodernes Gebäude mit riesigem Teamlogo, glänzenden Glasfassaden und jeder Menge Prestige vor Augen. Als ich im niederländischen Hauptquartier ankomme, ist mein erster Gedanke allerdings ein anderer: Wow, wie unscheinbar.
Tatsächlich verrät zunächst nur wenig, dass hier eines der erfolgreichsten Radsportteams der Welt zuhause ist. Das auffälligste Merkmal sind die Fahrzeuge rund um das Gebäude. Zwischen mehreren Teamautos parke ich meinen Wagen und erkenne sofort Details, die mir bekannt vorkommen. Die Rennsticker auf den Windschutzscheiben kenne ich noch von der Tour de France. Ein Auto war offenbar zuletzt bei der Vuelta im Einsatz, ein anderes bei der Bretagne Classic. Das kleine Teamlogo vor dem Eingang ist ansonsten fast der einzige Hinweis darauf, was sich hinter den Türen verbirgt.
Sobald sich diese öffnen, betrete ich allerdings eine andere Welt. Im Eingangsbereich springen mir sofort ausgestellte Rennräder und Trikotwände ins Auge. Bevor das eigentliche Programm beginnt, wird erst einmal alles genau begutachtet. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag die Gelegenheit, dort zu stehen, wo die Grundlagen für große Siege gelegt werden.
Der Tag startet mit Kaffee und einigen Snacks. Vor allem der Kaffee kommt mir gelegen. Anschließend übernimmt die Head of Performance Daphne Steensma das Wort und gibt Einblicke in einen Bereich, der im Profiradsport immer wichtiger wird: Ernährung.
Wie schafft es ein Team mit so vielen Fahrerinnen und Fahrern, jedem Athleten exakt die Nährstoffe zu liefern, die er oder sie benötigt? Steensma erklärt die Prozesse dahinter und streut immer wieder Anekdoten von großen Rundfahrten ein. Schnell wird klar: Erfolgreiche Ernährungskonzepte entstehen nicht erst am Renntag, sondern werden über Monate geplant und ständig angepasst.
Nach dem Vortrag folgt eine Führung durch das Headquarter. Auf den großen Konferenzraum beim Team Visma | Lease a Bike hatte ich mich eigentlich besonders gefreut. Leider ist dieser belegt. Durch eine Glasscheibe können wir jedoch einen kurzen Blick hineinwerfen. Einige der gewonnenen Trophäen und Pokale stehen dort ausgestellt. Dahinter befindet sich noch ein weiterer, besonders wichtiger Raum, wie wir später erfahren.
Zunächst geht es jedoch an den Ort, der mich am meisten beeindruckt: die Werkstatt und das Materiallager. „Zwischen 300 und 500 Räder haben wir hier“, erklärt uns einer der Mechaniker. Der Niederländer war selbst acht Jahre lang rund um die Welt bei Rennen unterwegs und arbeitet inzwischen überwiegend vom Headquarter aus. Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen bereitet er Räder, Material und Trucks für die zahlreichen Rennen der Saison vor.
Beim Blick durch die Werkstatt wird das Ausmaß des Materialaufwands deutlich. An einer Werkbank werden Laufräder zentriert, an der nächsten Räder aufgebaut und gewartet. Überall herrscht konzentrierte Betriebsamkeit. Leider gilt gerade hier eine klare Regel: keine Fotos, keine Videos. Warum eigentlich? Die Antwort gibt der Mechaniker mit einem kleinen Grinsen. „Wir bereiten gerade die Räder für die kommende Saison vor. Die darf offiziell noch niemand sehen.“ Nachvollziehbar. Schade ist es trotzdem.
Anschließend geht es zurück in den Präsentationsbereich. Dort übernimmt Robby Cobbaert und spricht über die sportliche Strategie des Teams. Seine wichtigste Botschaft: Ein Radsportteam besteht nicht nur aus den acht Fahrern, die am Renntag im Fernsehen zu sehen sind. Rund 250 Mitarbeitende arbeiten bei Visma | Lease a Bike an den unterschiedlichsten Projekten und Bereichen. Von Trainern über Ernährungswissenschaftler bis hin zu Mechanikern, Datenanalysten und IT-Spezialisten trägt jeder seinen Teil zum Erfolg bei.
Besonders spannend finde ich die Einblicke in die Talententwicklung. Während andere Topteams oft auf etablierte Stars setzen, verfolgt Visma | Lease a Bike bei Neuverpflichtungen teilweise einen anderen Ansatz. Dabei spielt auch das Budget eine wichtige Rolle. Nicht jede Entscheidung wird mit dem größten Geldbeutel getroffen. Stattdessen setzt das Team darauf, Potenziale frühzeitig zu erkennen und langfristig zu entwickeln. Noch viel interessanter finde ich jedoch, dass das Team die großen Rennen mittlerweile aus dem Raum hinter dem Konferenzraum steuert. Mit zahlreichen Bildschirmen werden von hier Entscheidungen getroffen, die im Rennen vor Ort umgesetzt werden.
Der Höhepunkt des Tages wartet allerdings noch. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Teams geht es auf eine rund 40 Kilometer lange Ausfahrt. Unser Guide ist Wesley de Veer, der sich im Team um die IT kümmert. In seiner Freizeit macht er vor allem eines: Radfahren. Überraschend ist das bei einem der größten Radsportteams der Welt wohl nicht.
Dazu spielt das Wetter perfekt mit. Die Sonne scheint, die Straßen sind leer, und immer wieder rollen wir über die typischen niederländischen Deiche. Es sind genau die Straßen, auf denen man stundenlang unterwegs sein möchte. Eine echte Trainingseinheit wird die Ausfahrt allerdings nicht. 29 km/h stehen am Ende auf meinem Radcomputer. In einer Gruppe von zehn Personen bedeutet das für mich knapp 100 Watt Durchschnittsleistung. Selbst als ich einige Zeit neben Wesley vorne fahre, halten sich die Anstrengungen in Grenzen.
Aber darum geht es an diesem Tag auch gar nicht. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, die bleibt: Die Erfolge von Visma | Lease a Bike entstehen nicht erst im Rennen. Sie entstehen in unscheinbaren Büros, in Werkstätten voller Räder, in Besprechungsräumen, in Ernährungsplänen und durch die Arbeit von Hunderten Menschen, die man nie im Fernsehen sieht. Von außen wirkt das Hauptquartier überraschend unspektakulär. Hinter den Türen steckt jedoch eine beeindruckende Maschinerie, die jeden Tag daran arbeitet, die besten Radrennen der Welt zu gewinnen.

Redakteur
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