227 Kilometer, 5.500 Höhenmeter und vier Alpenpässe standen bei der 45. Auflage des Ötztaler Radmarathons auf dem Programm. Die Strecke führte von Sölden über Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch zurück ins Ziel. 4.279 Radsportler aus 38 Nationen nahmen die Herausforderung an - 3.971 kamen erfolgreich im Ziel an. 432 Frauen gingen an den Start, was erstmals einem Anteil von über zehn Prozent am Gesamtstarterfeld entspricht. Acht ehemalige Sieger stellten sich erneut dem Rennen, das 1982 erstmals ausgetragen wurde. Der Termin für das kommende Jahr steht bereits fest: Die nächste Auflage findet am 29. August 2027 statt.
Der erste Anstieg aufs Kühtai brachte die erste Entscheidung. Rund 15 Fahrer mit allen Top-Favoriten setzten sich ab und passierten gemeinsam den Brennerpass. Am Fuße des Jaufenpasses attackierten Jack Burke und der ehemalige WorldTour-Profi Toni Palzer. Palzer konnte dem Tempo von Burke aber nicht folgen und erreichte die Passhöhe mit etwas mehr als einer Minute Rückstand. Vorjahressieger Daniel Federspiel lag zwei Minuten zurück und startete eine waghalsige Abfahrt nach St. Leonhard. Der Österreicher holte Palzer ein und beide erreichten das Timmelsjoch eine knappe Minute hinter Burke.
Im Vorjahr hatte Federspiel Burke am Timmelsjoch noch gestellt. Dieses Szenario drohte erneut, als Federspiel nur noch wenige Meter hinter dem Kanadier lag. Burke verschärfte jedoch das Tempo und passierte das 2.474 Meter hohe Timmelsjoch als Solist. Er fuhr seinem dritten Sieg entgegen und stellte mit 6:29:21,2 Stunden einen neuen Streckenrekord auf. Die bisherige Bestzeit von Mathias Nothegger aus Vorarlberg lag bei 6:47:02,3 Stunden. Die besten sechs Männer unterboten Notheggers Rekord, was die hohe Geschwindigkeit des Rennens zeigt.
Tränen der Freude gab es im Ziel aus doppeltem Grund. Nach der Zieleinfahrt machte Burke seiner Freundin Melanie einen Heiratsantrag. Burke hatte den Ring die ganze Strecke über unter dem Trikot mitgeführt. Der Kanadier hatte den Antrag seit Februar geplant und nur einige Freunde eingeweiht. Federspiel belegte den zweiten Platz und erklärte, dass ihm am Timmelsjoch die Kraft fehlte. Rang drei ging an den ehemaligen Weltcuprodler Miguel Brugger.
Stefano Cecchini aus Italien, ebenfalls ein ehemaliger Sieger, wurde Vierter. Toni Palzer landete an der fünften Stelle und zeigte sich beeindruckt vom Tempo der Spitzenfahrer. Seine Attacke kurz vor dem Jaufenpass kostete ihn später Kraft. Der ehemalige WorldTour-Profi kündigte aber an, wieder in Sölden zu starten. Hinter dem Italiener Luc Pierantozzi wurde der Osttiroler Alban Lakata Siebenter.
Janine Meyer dominierte das Frauenrennen von Beginn an. Auch ein kleiner Sturz in Innsbruck, wo sie mit ihrem Teamkollegen kollidierte, konnte die Deutsche nicht stoppen. Die 48-jährige Kölnerin hielt ihre Landsfrauen Julia Jedelhauser (4. Platz) und Eva Schien (2. Platz) stets auf Distanz. Meyer unterbot ihren Streckenrekord aus dem Vorjahr mit einer Zeit von 7:15:46,2 Stunden um sieben Minuten. Die vierte Siegerin in Folge erklärte, dass sie von Berg zu Berg schaue und nicht auf die Zeit achte.
Die Deutsche Eva Schien lag das gesamte Rennen über an der zweiten Stelle und erreichte das Ziel nach 7:28:10,3 Stunden. Die gebürtige Kehlheimerin war bereits im Vorjahr auf den zweiten Rang gefahren. Damit verbesserte sie ihre Vorjahreszeit um rund elf Minuten - 2024 hatte sie noch 8:05 Stunden gebraucht. Die Vorarlbergerin Melanie Geiger schaffte am Timmelsjoch noch den Sprung aufs Podest. Die zweifache Mutter und bautechnische Zeichnerin überholte Julia Jedelhauser, die lange an dritter Stelle lag. Geiger zeigte sich überwältigt von ihrem Erfolg und betonte die Unterstützung ihrer Familie.
Teilnehmer aus 38 Nationen bewältigten die Strecke. Anreisen erfolgten unter anderem aus Australien, Brasilien, Indonesien, Südafrika und den USA. Über 25.000 Bewerbungen für knapp über 4.000 Startplätze zeigen die internationale Anziehungskraft des Radmarathons. Die Veranstaltung fungiert als touristischer Impulsgeber für die Region. Erstmals gingen mehr als 400 Frauen an den Start - ihr Anteil stieg damit auf über zehn Prozent.
Über 1.300 Helfer stehen hinter dem Ötztaler Radmarathon, viele davon ehrenamtlich. Sie sichern die Strecke, betreuen die Labestationen und koordinieren das Rennen. Als Partner von Green Events Austria setzt die Veranstaltung auf Müllvermeidung, Mehrwegsysteme, regionale Partner, E-Mobilität und öffentliche Anreise. Der Bike4Help-Prolog unterstützt bedürftige Familien in Tirol. In diesem Jahr wurden 6.500 Euro gesammelt, in den letzten sieben Jahren insgesamt 35.000 Euro.
Werner Heel, Manfred Mölgg und Florian Scheiber gehörten zu den bekannten Namen aus dem Skisport. Scheiber nahm den Ötztaler bereits zum dritten Mal in Angriff und arbeitet als Trainer des norwegischen Weltcupteams. Der ehemalige deutsche Radprofi Jörg Ludewig und der amtierende Ultracycling-Weltmeister Lukas Kaufmann stellten sich ebenfalls der Herausforderung. Manfred Mölgg legte mit 7:25:48,0 Stunden und Gesamtplatz 89 die beste Zeit der Prominenten hin.
Martin Strobl aus Graz bestritt mit 81 Jahren seinen 36. Ötztaler Radmarathon. 26 Teilnehmer standen bereits mehr als 20 Mal am Start. OK-Chefs Heike Klotz und Dominic Kuen betonten, dass die wahren Helden jene sind, die erst viele Stunden nach den Schnellsten ins Ziel kommen.
Ab Freitag drehte sich in Sölden alles ums Rad. Der karitative Bike4Help-Prolog eröffnete das Rennwochenende. Die Bike Expo „Ötztaler Sattelfest" präsentierte aktuelle Trends aus der Radsportwelt. Am Samstag folgten der ÖRM Live Podcast und das Fahrerbriefing. Der 45. Ötztaler Radmarathon am Sonntag bildete den sportlichen Höhepunkt.

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