Interview Janine Meyer“Ich jage keine Rekorde”

Jens Claussen

 · 25.07.2026

Überwältigt: Bei ihrem ersten Sieg beim Ötztaler Radmarathon 2023 genießt Janine Meyer den Jubel der Zuschauer im Ziel
Foto: Sportograf
Janine Meyer ist die erfolgreichste Radsportlerin der Jedermann-Szene. Den Ötztaler Radmarathon hat sie schon dreimal gewonnen, auch in diesem Jahr gilt sie als haushohe Favoritin. Wie die 48-Jährige trotz Vollzeitstelle immer neue Bestleistungen erzielt, erläutert sie im TOUR-Interview

TOUR: Mit Erfolgen bei nahezu allen großen Marathonveranstaltungen darfst Du Dich wohl mit Fug und Recht als beste Marathonfahrerin Europas bezeichnen. Wie fühlt sich das an?

MEYER: Das höre ich immer wieder, kann das selbst aber eigentlich gar nicht so richtig begreifen. Natürlich ist es für mich eine große Ehre, so bezeichnet zu werden, selbst würde ich das aber von mir niemals behaupten.

TOUR: Warum so bescheiden?

MEYER: Ich bin schon eine, die tiefstapelt, eher eine ruhige und sehr konzentrierte Person. Struktur ist mir sowohl bei der Arbeit als auch im Sport sehr wichtig. So schaue ich von Tag zu Tag und arbeite meine Aufgaben eine nach der anderen ab.

TOUR: Um ein solches Niveau zu erreichen und zu halten, muss Dein Trainingspensum enorm sein. Wie bringst Du das mit Deinem Arbeitsalltag in Einklang?

MEYER: Nachdem ich Betriebswirtschaftslehre studiert hatte, entschied ich mich für eine zusätzliche Ausbildung zur Bilanzbuchhalterin.

In diesem Job arbeite ich seit Jahren in Vollzeit. Ich kann mir immer Überstunden erarbeiten und diese als Freizeitausgleich nehmen. Anders wäre auf diesem Niveau die Kombination aus voller Stelle und Radsport gar nicht möglich. Ich habe aber keine Sonderrolle bei meinem Arbeitgeber.

TOUR: Wie hast Du den Weg zum Radsport gefunden?

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MEYER: Ursprünglich komme ich vom Tanzen und habe davor als Kind Ballett gemacht. Als ich dann 2001 meinen Mann Michael in einer Studentendisco in Köln kennengelernt habe, bin ich durch seine Radleidenschaft selbst zum Radfahren gekommen. Mein erstes Rennrad war das Rad meiner Schwiegermutter – noch mit Rahmenschaltung.

TOUR: Von da bis zu Deiner Faszination für Wettkämpfe ist es aber noch ein weiter Weg. Du hast im vergangenen Jahr an 19 schweren Radmarathons bzw. ­Rennen teilgenommen …

MEYER: Ich habe bei Gruppenausfahrten schnell erkannt, dass ich gut bergauf bin und dann gemeinsam mit meinem Schwiegervater im Jahr 2007 die TOUR-Transalp bestritten. Damals war das noch ganz anders als heute. Wir mussten ganz hinten starten und haben im Camp geschlafen. Da war nichts mit Regeneration (lacht). Am Ende sprang Platz 68 in der Mixed-Wertung heraus.

TOUR: Hattest Du den Ötztaler Radmarathon, den Du inzwischen schon dreimal ­gewonnen hast, damals schon im Visier?

MEYER: Ja. Zur ersten Erfahrung beim Ötzi kam es aber erst im Jahr 2011. Da bin ich bei den Frauen in der Gesamtwertung immerhin schon Neunte geworden und habe in meiner Altersklasse Rang fünf belegt.

TOUR: Hattest Du ein Schlüsselerlebnis, das erahnen ließ, zu welchen Leistungen Du noch in der Lage sein würdest?

MEYER: Ja, das gab es! Im Jahr 2013 fand der Endura-Alpentraum von Sonthofen nach Sulden statt. Mit 268 Kilometern war der nicht nur länger, sondern mit 6.000 Höhenmetern auch härter als der Ötztaler.

Das war mein Durchbruch mit meinem ersten großen Sieg. Danach hatte ich begriffen, dass ich lange Distanzen gut kann und womöglich solche Erfolge auch bei anderen Radmarathons in Reichweite wären.

TOUR: Es ist nicht ungewöhnlich, dass man trotz zunehmendem Alter durch die ­Lebenskilometer und regelmäßiges Training ein hohes Niveau stabilisieren kann. Mit der Verbesserung der Streckenrekorde beim Ötztaler, Mallorca 312, dem Glöcknerkönig und zuletzt beim ­Maratona dles Dolomites wirst Du aber immer noch schneller. Wie ist das mit 48 Jahren möglich?

MEYER: Da steckt natürlich mittlerweile eine große Portion an Erfahrung dahinter. Zudem habe ich mit meinem Mann gleichzeitig einen sehr akribisch arbeitenden Coach. Trainingssteuerung, das Thema Ernährung und ein perfekt auf mich zugeschnittenes Rad, das lasse ich alles in den Händen von Michael. Er sagt, mein Rad habe beim letzten Ötztaler 5,5 Kilogramm gewogen. Ich könnte beispielsweise gar nicht sagen, mit welcher Übersetzung ich da gefahren bin. Alles muss passen und es ist die Summe all dieser Dinge, damit das Ganze funktioniert.

TOUR: Also ist Erfahrung die wichtigste Komponente für den Erfolg?

MEYER: Zusammen mit der immer mehr perfektionierten Ernährung im Wettkampf. Ich persönlich habe in der Vergangenheit sehr von der Debatte um die Menge an Kohlenhydraten, die ein Körper pro Stunde zu sich nehmen kann, profitiert. Das „Fueling“ im Wettkampf wurde dadurch in den letzten Jahren revolutioniert. Ich habe Glück und kann mittlerweile 120 Gramm pro Stunde zuführen – und das ohne Probleme bis zum Finish. Das Resultat ist, dass ich mich beim Ötztaler im Ziel nicht komplett leer fühle. Das ist sicherlich ein weiterer Schlüssel für meine Leistungssteigerung in der Vergangenheit.

TOUR: Der Hype um den Ötztaler, der demnächst seine 45. Austragung erlebt, ist ungebrochen. Ist der Mythos rund um die Veranstaltung gerechtfertigt?

MEYER: Auf jeden Fall! Als ich dort 2023 zum ersten Mal gewonnen habe, bekam ich viel mehr Aufmerksamkeit als bei anderen Erfolgen.

Der Ötztaler ist und bleibt die inoffizielle Weltmeisterschaft im Radmarathon. Und: Man fährt auf komplett gesperrten Straßen, das ist keine Selbstverständlichkeit!

TOUR: Du hast die Leistungsdaten Deiner Rekordfahrt beim Ötztaler 2025 öffentlich gemacht: Über 7:22:32 Stunden konntest Du eine „normalized Power“ von 3,8 Watt pro Kilogramm Körpergewicht realisieren. Mit solchen Werten könntest Du zumindest im Mittelfeld im internationalen Profiradsport mithalten.

MEYER: Das muss man relativieren, da der Profiradsport eine andere Art erfordert, Rennen zu fahren als Marathons. Beim Ötztaler kann ich mir meine Wattleistung an den Anstiegen sehr gut einteilen, was im Profisport durch plötzliche Attacken so nicht möglich ist. Das kann man wirklich nicht vergleichen, zumal es einer Marathonfahrerin immer an Spritzigkeit fehlt.

TOUR: Reisen, Startgelder, Material und vieles mehr – auf dem Niveau ist der Sport kostspielig. Wirst Du von Sponsoren unterstützt?

MEYER: Ich habe vier Sponsoren, die mich hauptsächlich im Materialbereich auffangen. Bezüglich der Startgelder habe ich häufig das Glück, als Vorjahressiegerin einen freien Startplatz zu erhalten. Den Großteil aller Kosten übernehmen wir aber selbst. Ich habe die Suche nach weiteren Sponsoren auch nie intensiviert.

TOUR: Warum nicht?

MEYER: Ich möchte machen, was ich will und vor allem selbst bestimmen, welche Rennen ich fahre.

TOUR: Dein Palmarès listet 212 Siege auf. Was treibt Dich nach den vielen Erfolgen und Rekordfahrten noch an?

MEYER: Ich liebe die Community bei den Rennen, das ist immer wie ein Familientreffen. Ich gebe einfach gerne mein Bestes und bin dann gespannt, was dabei herauskommt. Das muss dann kein Streckenrekord sein, ich jage keine Rekorde.

Mich fasziniert es immer noch, wenn ich bis zum Rennende konstant meine Leistung halten kann. Dieser Zustand gefällt mir sehr.

Natürlich, ich werde nicht jünger. Deshalb schaue ich von Rennen zu Rennen, und solange ich diese Leistungen noch bringen kann, mache ich weiter.

TOUR: Neben der Jedermann- und Marathon-Szene wächst derzeit auch die Gravel-Community sehr schnell. Kannst Du Dir vorstellen, auch Gravelrennen zu bestreiten?

MEYER: Überhaupt nicht. Ich bin früher auch Mountainbike gefahren, technisch aber eine absolute Niete. Ich höre von Freunden, wie technisch anspruchsvoll die Gravelrennen wohl sind. Das ist nichts für mich, ich bekomme schon die Krise, wenn auf Split mein Hinterrad wegrutscht (lacht).

Janine Meyer - zur Person

  • Geboren: 19.5.1978 in Regensburg
  • Wohnort: Köln
  • Größe: 1,65 Meter
  • Gewicht: 48 Kilogramm
  • Radmarathons: seit 2011
  • Beruf: Bilanzbuchhalterin

Teams

Team Cycle Basar (2011-2015), Team LeXXi (seit 2016)

Wichtigste Erfolge

  • Siegerin Ötztaler Radmarathon (2023, 2024, 2025 – jeweils mit Streckenrekord)
  • Siegerin Mallorca 312 (2026 – mit Streckenrekord)
  • Siegerin Maratona dles Dolomites (2026 – mit Streckenrekord)
  • Siegerin TOUR-Transalp (2016, 2019, 2023-2026 – Einzel, Damen-Team, Mixed)
  • Siegerin Glocknerkönig (2023-2026 – dreimal mit Streckenrekord)
  • Siegerin Kitzbüheler Radmarathon (2021, 2024, 2025 – zweimal mit Streckenrekord)
  • Siegerin Giro Dolomiti (2016, 2022, 2025)
  • Siegerin Tour de Kärnten (2014-2018, 2021)
  • Masters-Weltmeisterin Straße/Einzelzeitfahren (2014)

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