Die Tour de France soll bleiben, wie sie ist. Drei Wochen, 21 Etappen, das unumstrittene Zentrum des Radsports. Für Giro d'Italia und Vuelta a España könnte die Zukunft dagegen anders aussehen.
Im Rahmen ihrer umfassenden Konsultation zur Zukunft des Profiradsports prüft die UCI neue Rennformate und ausdrücklich auch verkürzte Grand Tours. In ihrem Abschlussbericht nennt der Weltverband standardisierte kürzere Rundfahrten und sogar "Three-Weekend Grand Tour Formats", also Grand Tours, die sich über drei Wochenenden erstrecken und damit deutlich kürzer wären als die heutigen dreiwöchigen Rundfahrten. Ziel sei es, Überschneidungen zu reduzieren und Starts bei mehreren Grand Tours innerhalb einer Saison zu erleichtern. Damit liegt erstmals ein offizielles Dokument auf dem Tisch, das eine grundlegende Neuordnung der größten Etappenrennen nicht ausschließt.
Die Diskussion ist nicht neu. Neu ist jedoch, dass sie inzwischen aus der Mitte des Systems kommt. In der Konsultation war der Rennkalender das mit Abstand meistdiskutierte Thema. Teams, Fahrer und Veranstalter forderten mehr Übersichtlichkeit, weniger Überschneidungen und eine bessere geografische Struktur der Saison. Gleichzeitig wurde mehrfach die Dauer bestimmter Rennen, darunter auch einiger Grand Tours, hinterfragt.
Aus Sicht der UCI steckt dahinter ein offensichtliches Problem: Immer mehr Renntage treffen auf eine begrenzte Zahl professioneller Teams und Spitzenfahrer. Gleichzeitig wächst der internationale Kalender. Die Folge ist eine Verdichtung des Programms. Wer heute Giro fährt, anschließend die Tour bestreitet und später noch bei der Vuelta starten will, bewegt sich bereits am Limit. Das macht aktuell kein Fahrer, Sepp Kuss mal außenvor genommen. Kürzere Rundfahrten würden dahingehend zusätzliche Freiräume schaffen.
Auffällig ist, dass sich die Diskussion nur um Giro und Vuelta dreht. Die Gründe liegen auf der Hand. Die Tour de France ist wirtschaftlich und sportlich in einer anderen Dimension unterwegs. Allein mehr als zehn Millionen Zuschauer säumen laut UCI jedes Jahr die Strecke. Die Frankreich-Rundfahrt gehört zu den größten Live-Sportveranstaltungen der Welt.
Für die UCI wäre es kaum vorstellbar, das erfolgreichste Produkt ihres Sports anzutasten. Entsprechend dürfte jede Reform vor allem die beiden anderen Grand Tours betreffen. Das birgt allerdings politischen Sprengstoff. Denn eine Verkürzung könnte als indirekte Hierarchisierung verstanden werden: Die Tour bleibt der Maßstab, Giro und Vuelta werden zu kleineren Versionen derselben Idee. An der Stelle haben die Veranstalter der Rennen sicherlich auch noch nicht ihr letztes Wort gesprochen.
Befürworter einer Verkürzung sehen genau darin einen Vorteil. Ein 16-Tage-Giro oder eine 16-Tage-Vuelta wäre deutlich leichter in die Saison zu integrieren. Die Wahrscheinlichkeit würde steigen, dass mehr Topfahrer mehrere Grand Tours pro Jahr bestreiten.
Aktuell fokussieren sich die meisten Klassementfahrer auf ein einziges Hauptziel. Ein kompakteres Format könnte dagegen häufiger direkte Duelle der größten Stars ermöglichen. Auch aus Zuschauersicht gäbe es Argumente. Die UCI verweist in ihrem Bericht auf die Vorhersehbarkeit vieler Männer-Rundfahrten als Herausforderung für die Attraktivität des Sports. Kürzere Rennen könnten aggressiver gefahren werden und weniger Raum für taktisches Abwarten bieten.
Die Gegenargumente sind allerdings ebenso offensichtlich. Der Mythos einer Grand Tour beruht auf ihrer Länge. Drei Wochen bedeuten nicht einfach drei zusätzliche Etappen. Sie erzeugen eine besondere Form der Belastung, die nur wenige Fahrer beherrschen. Vor allem die dritte Woche gilt traditionell als Moment der Wahrheit. Dort entstehen große Einbrüche, überraschende Wendungen und die legendären Krisen, die eine Grand Tour von einer einwöchigen Rundfahrt unterscheiden.
Zudem könnten verkürzte Grand Tours das Rennen für Ausreißer deutlich schwieriger machen. Heute entsteht gerade in den letzten Tagen großer Spielraum für Fahrer, die im Gesamtklassement keine Rolle spielen. Favoritenteams haben nach zwei Wochen oft nicht mehr die Kraft oder das Interesse, jede Fluchtgruppe zu kontrollieren. So entstehen jene Etappensiege, mit denen sich Fahrer wie Richard Carapaz oder Mathieu van der Poel unsterblich machen.
Fallen fünf oder sechs Renntage weg, steigt dagegen der Wert jeder einzelnen Etappe. Die Mannschaften der Klassementfahrer dürften deutlich häufiger Kontrolle ausüben, während auch die Sprinterteams mehr Möglichkeiten hätten, auf Etappensiege zu fahren. Das Risiko besteht, dass sich die Zahl der erfolgreichen Fluchtgruppen verringert und die Favoriten einen noch größeren Teil der prestigeträchtigen Etappensiege unter sich aufteilen.
Wichtig ist, die Debatte nicht isoliert zu betrachten. Die UCI denkt derzeit über eine umfassende Neuordnung des Profiradsports nach. Dazu gehören geografisch sortierte Rennblöcke, neue Teilnahmeverpflichtungen für Teams, eine Stärkung der ProSeries-Rennen und eine insgesamt klarere Kalenderstruktur.
Die Grand Tours sind dabei nur ein Teil eines größeren Plans. Entscheidend ist deshalb nicht die Frage, ob Giro und Vuelta künftig tatsächlich 16 statt 21 Tage dauern. Entscheidend ist, dass die UCI erstmals bereit ist, selbst die traditionsreichsten Formate des Sports zu hinterfragen. Bis vor wenigen Jahren wäre eine solche Diskussion praktisch undenkbar gewesen. Heute gehört sie ganz offiziell zur Zukunftsagenda des Radsports. Ob die Kürzung der Grand Tours letztendlich gut oder schlecht ist, gilt es nun abzuwägen.

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