Kristian Bauer
· 06.06.2026
Der dänische Investigativ-Journalist Peter Bengtsen hat in jahrelangen Recherchen (2022–2025) Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft (debt bondage) von Migranten in der taiwanischen Exportindustrie aufgedeckt. Seine Vorwürfe erschütterten die Fahrradbranche und führten u. a. zu einem Importstopp von in Taiwan gefertigten Giant-Produkten in die USA. Jetzt hat Bengtsen unter dem Titel „Speeding up“ ein Update zu seinen anhaltenden Recherchen veröffentlicht. Das beschriebene Kernproblem: Arbeitsvermittler in südostasiatischen Ländern vermittelten gegen Gebühren Wanderarbeiter nach Taiwan. Die Arbeiter nahmen für die Vermittlungsgebühr Kredite auf und gerieten in eine Schuldenspirale und dadurch in Schuldknechtschaft.
In seinem Update lobt Bengtsen die Fahrradindustrie und kritisiert, dass andere Industriezweige kaum reagiert hätten. Innerhalb Taiwans Fertigungsindustrien ist es vor allem die Fahrradbranche, die aktiv geworden ist. „Seit der Veröffentlichung von Speed Up! hat die Fahrradindustrie in erheblichem Maße an Fahrt aufgenommen. Dies steht im Gegensatz zum offensichtlichen Fehlen vergleichbarer branchenweiter Bemühungen in der Elektronik-, Automobil- oder anderen Fertigungsindustrien in Taiwan“, lautet das Fazit von Bengtson. Taiwan ist mit einem Anteil von rund 40 Prozent der größte Fahrradexporteur nach Europa und beliefert auch den US-Markt als wichtigsten Absatzmarkt. Treiber des Wandels waren neben dem US-Importverbot vor allem ein investigativer Artikel in Le Monde diplomatique (Februar 2025) unter dem Titel „The Bicycle Industry's Dirty Secret" sowie die breite Aufmerksamkeit, die das Importverbot in taiwanesischen Medien und der Politik erzeugte.
Als institutionelle Reaktion gründete die Taiwan Bicycle Association (TBA) im vierten Quartal 2025 eine branchenweite Initiative zur menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht in der Lieferkette. Seitdem finden regelmäßige Treffen zwischen TBA, der Bicycling Alliance for Sustainability (BAS) und Peter Bengtsen statt, in denen Themen wie Lieferkettentransparenz und Beschwerdemechanismen diskutiert werden. Ab dem ersten Quartal 2026 wurden auch lokale Zivilgesellschaftsgruppen einbezogen, um den Dialog zwischen Arbeiter- und Unternehmensseite zu fördern. Nach TBA-Angaben nehmen inzwischen alle größeren Hersteller an der Initiative teil, die zusammen 85 Prozent der Produktionskapazität der Mitgliedsunternehmen repräsentieren. Zur Überwachung der Fortschritte wurden zudem ein öffentlicher Tracker sowie eine Umfrage unter mehr als 30 Fahrrad- und Komponentenherstellern eingeführt. Der Tracker wird regelmäßig aktualisiert. Geplant sind auch stichprobenartige Überprüfungen durch direkte Arbeiterkontakte, wobei Unternehmen, die auf Anfragen nicht reagieren, vorrangig behandelt werden. Infolge der Untersuchungen wurden bislang mehr als 15 Mio. US-Dollar an Wanderarbeiter zurückgezahlt, zuzüglich weiterer Millionen in Form erlassener Gebühren.
Taiwan zählt zu den 25 größten Volkswirtschaften der Welt und ist bekannt für seine starke Elektronikindustrie sowie weitere Fertigungsbranchen wie Fahrräder und Automobilteile. In diesen Industrien sind die rund 750.000 registrierten Wanderarbeiter Taiwans beschäftigt. Sie kommen überwiegend aus Indonesien, Vietnam, den Philippinen und Thailand. Für sie ist Schuldknechtschaft laut Bengtsen kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem: Viele müssen vor Arbeitsantritt hohe Vermittlungsgebühren bezahlen, was sie in finanzielle Abhängigkeit treibt. Vietnamesische Arbeitnehmer zahlen an Personalvermittler am meisten, oft bis zu 6.500 US-Dollar, was etwa drei Jahren des Mindestlohns in Vietnam entspricht und oft dazu führt, dass Familienland verpfändet wird, um einen Bankkredit zur Finanzierung der Gebühren zu erhalten. Philippinische Arbeitnehmer zahlen weniger, müssen jedoch oft aufgrund hoher Zinsen das Doppelte des geliehenen Betrags zurückzahlen. Taiwanische Zivilgesellschaftsgruppen kämpfen seit Jahrzehnten gegen diese Missstände, doch kaum ein Fall aus der Fabrikwelt gelangte bislang in die internationale Öffentlichkeit.
Im März 2025 wurden die Ergebnisse im Bericht “Speed Up! – Addressing forced labor risks in Taiwan's car, bicycle and electronics industries” zusammengefasst und auch auf der Website des US-Arbeitsministeriums veröffentlicht. Ziel des Berichts war es, zu zeigen, dass die Arbeitsbedingungen taiwanischer Wanderarbeiter direkt mit internationalen Unternehmen und Verbrauchern weltweit verbunden sind – und dass Verbesserungen auch mit begrenzten Mitteln möglich sind.
Die investigativen Recherchen von Journalist Peter Bengtsen und seinem Team wurden zwischen 2022 und 2025 durchgeführt. In rund 200 Interviews mit Wanderarbeitern dokumentierten sie systematische Verstöße gegen Arbeitsrechte in Taiwans Elektronik-, Automobil- und Fahrradindustrie. Die Fälle betrafen sowohl taiwanische Produzenten als auch globale Marken, die dort fertigen lassen – darunter namhafte Fahrradhersteller wie Giant, Merida und Maxxis sowie Marken wie Trek, Specialized, Canyon und andere.
Ein entscheidender Wendepunkt war das US-Importverbot gegen Giant Manufacturing im dritten Quartal 2025. Die USA untersagten die Einfuhr von Produkten, die Giant in Taiwan hergestellt hatte – eine Maßnahme, die unmittelbare Reaktionen auslöste: Taiwans Wirtschaftsministerium reagierte noch am selben Tag, das Arbeitsministerium thematisierte Wanderarbeiter-Rekrutierung im Parlament, und lokale Medien berichteten breit über den Fall sowie über alle 17 im “Speed Up!”-Bericht dokumentierten Unternehmen. Bereits bis Ende 2025 hatten Giant, Merida und Maxxis zusammen schätzungsweise 8 bis 9 Millionen US-Dollar an betroffene Arbeiter gezahlt.
Auch auf politischer Ebene hatte das Importverbot Folgen: Im ersten Quartal 2026 verpflichtete sich Taiwan im Rahmen eines neuen Handelsabkommens mit den USA, arbeiterseitige Vermittlungsgebühren zu verbieten. Im zweiten Quartal 2026 stellte das Kontrollgremium “Control Yuan” fest, dass sowohl das Arbeits- als auch das Wirtschaftsministerium bei der Bekämpfung von Zwangsarbeitsrisiken noch erheblichen Nachholbedarf haben. Noch immer wurde kein Gesetz gegen Rekrutierungsgebühren verabschiedet. Bengtsen betont, dass noch einige der angekündigten Schritte umgesetzt werden müssen. Nicht alle Firmen antworteten zudem auf seinen Fragebogen im April 2026.

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