Für 899 Euro bietet das KTM Gravelator 30 viel Bike fürs Geld. Alu-Rahmen und Carbon-Gabel mit Montagepunkten, hydraulische Bremsen, Shimano-CUES-Schaltung und breite, gut rollende Markenreifen für Schotter und Straße. So günstig geht also der Einstieg ins Gravelbiken. Kleine Makel gibt’s: Im Vergleich zu sportiveren Gravelbikes ist das Gravelator 30 mit seinen Schnellspannern und den 12,4 Kilo Gewicht etwas oldscool und zu gut gepolstert.
KTM Bike Industries – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Motorradhersteller – produziert seit Jahrzehnten Fahrräder mit dem klaren Anspruch, solide Qualität zu fairen Preisen zu liefern. Mit der überarbeiteten Gravelator-Reihe bedient der österreichische Hersteller konsequent einen der am schnellsten wachsenden Fahrradsektoren. Das Gravelator 30 markiert dabei den Einstieg – und legt die Messlatte für seine Preisklasse erstaunlich hoch.
Der Rahmen des Gravelator 30 besteht aus Aluminium 6061, einem bewährten, robusten Werkstoff im Fahrradbau. Die Einstiegsvariante der KTM-Gravelbike-Reihe kopiert die Optik der teureren Carbon-Räder, verrät sich aber durch die unverschliffenen Scheißnähte und besitzt noch eine Schnellspanner-Achsaufnahme (Quick Release). Die sind zwar wartungsfreundlich und in der Regel komplikationslos, aber etwas oldscool. Sportlichere Bikes setzen heutzutage auf Steckachsen – ein Detail, das im Vergleich mit dem teureren Schwestermodell noch relevant wird.
Die eigentliche Überraschung liegt jedoch an der Front: Das Gravelator 30 fährt mit einer Gravel Carbon Fork F17 – einer eindrucksvollen Carbongabel, inklusive etlicher Montagepunkte für Gepäck und Zubehör. Eine Carbongabel in einem 899-Euro-Bike ist keine Selbstverständlichkeit.
Der kohlefaserverstärkte Kunststoff bringt in der Regel Gewichtsvorteile gegenüber einer vergleichbaren Aluminiumgabel und kann je nach Konstruktion Vibrationen von Schotter und unebenem Untergrund besser abfedern – beides entscheidende Komfortargumente für lange Ausfahrten abseits befestigter Wege. Die Montagepunkte machen das Rad darüber hinaus tourentauglich und bikepacking-fähig.
Beim Antrieb setzt KTM auf Shimano CUES, eine vergleichsweise junge Komponentengruppe, die Shimano als plattformübergreifende, alltagsorientierte Alternative zu den sportspezifischen Gruppen entwickelt hat. CUES steht für Connect, Utilize, Explore, Share – das Konzept priorisiert Langlebigkeit, einfache Wartbarkeit und breite Systemkompatibilität.
Das 1x9-System der Shimano CUES (hier im Praxistest) klingt auf dem Papier schlicht, liefert in der Praxis aber eine überraschend nutzbare Bandbreite: Die Spanne von 11 bis 46 Zähnen deckt komfortables Rollen auf der Straße ebenso ab wie steile Schotterpassagen. Wer keine filigranen Gangabstufungen für zügige Gruppenfahrten benötigt, sondern entspannt erkunden möchte, wird mit dem System gut auskommen.
Hier liegt eine der markantesten Neuerungen des überarbeiteten Gravelator 30: KTM verbaut jetzt hydraulische Scheibenbremsen – und das konsequent bereits in der Einstiegsversion. In dieser Preisklasse ist das keineswegs selbstverständlich, das Vorgängermodell bremste noch mechanisch.
Hydraulische Systeme erfordern weniger Handkraft und lassen sich präziser dosieren als mechanische Alternativen. Für ein Gravelbike, das per Definition auf wechselnden Untergründen und bei wechselhafter Witterung eingesetzt wird, ist das ein echtes Sicherheits- und Komfortmerkmal – und ein klares Signal, dass KTM das Gravelator 30 nicht als Sparmodell verstanden wissen will.
Die Reifenwahl ist eines der stärksten Argumente des Gravelator 30. Der Maxxis Rambler 700x45c mit EXO-Karkasse (hier im Test) gehört zu den meistgelobten Gravel-Reifen am Markt. Das ausgewogene Profil meistert leichten bis mittleren Schotter ebenso souverän wie befestigte Straßen. Die EXO-Karkasse bietet erhöhten Durchstich- und Schnittschutz, ohne das Gewicht unnötig in die Höhe zu treiben. Mit 45 mm Breite sorgt der Rambler für gutes Dämpfungsverhalten, zuverlässigen Grip und ausreichend Komfortreserven auch auf groben Untergründen.
Dass KTM auf Eigenmarken-Reifen oder No-Name-Ware verzichtet und stattdessen auf einen international anerkannten Qualitätsreifen setzt, unterstreicht den Anspruch dieses Bikes: Es soll nicht nur auf dem Datenblatt überzeugen.
Mit einem Gewicht von 12,4 kg liegt das KTM Gravelator 30 noch im typischen Bereich eines vollausgestatteten Aluminium-Gravel-Bikes dieser Preisklasse. Die Carbongabel spart dabei schon mit, gegenüber vergleichbaren Aluminiumgabeln schon ein paar Gramm. Für sportlich ambitionierte Fahrer mit Fokus auf Streckenzeit bleibt das Gewicht eine Einschränkung – für Touren- und Freizeitfahrer, die Komfort und Vielseitigkeit über Leichtbau stellen, ist es vollkommen alltagstauglich.
Zugegeben, bereits beim ebenfalls kürzlich vorgestellten KTM Gravelator 15 haben wir uns nach dem Haken gefragt – eine klare Aussage über das Preis-Leistungs-Verhältnis des 1399-Euro-Modells. Doch das Gravelator 30 zwingt zur Gegenfrage: Wofür zahlt man eigentlich 500 Euro mehr?
Beide Modelle teilen die AL6061-Rahmenarchitektur und das Carbon-Gabel-Konzept – die Fahrphilosophie und Grundgeometrie sind damit weitgehend identisch. Ein wesentlicher Unterschied liegt jedoch in der Achsaufnahme: Während das Gravelator 30 noch auf Schnellspanner (QR) setzt, stattet KTM das Gravelator 15 mit Steckachsen aus – ein Merkmal, das laut KTM allen Aluminium-Modellen der Reihe mit Ausnahme des Gravelator 30 vorbehalten ist. Steckachsen erhöhen die Laufradsteifigkeit und sorgen gerade auf losem Untergrund für ein direkteres, kontrollierteres Fahrverhalten.
Der gravierendste Unterschied liegt im Antrieb. Das Gravelator 15 setzt auf eine vollständige Shimano GRX 1x12-Gruppe: Das Schaltwerk GRX RX822-12 arbeitet mit einer 10- bis 51-Zähne-Kassette aus der Deore-M6100-Reihe zusammen, vorne sitzt eine GRX-RX610-Kurbel mit 40er-Kettenblatt. Die GRX-Familie ist spezifisch für Gravel-Anwendungen entwickelt – mit optimierter Ergonomie, besserer Abdichtung und gravel-typischen Übersetzungsbereichen.
Gegenüber dem 9-fach-CUES-System des Gravelator 30 bietet das 12-fach-GRX-System feinere Gangabstufungen, eine breitere Gesamtbandbreite (10–51 vs. 11–46 Zähne) und das reifere Shimano-GRX-Ökosystem. Wer zügig in der Gruppe fährt oder ambitionierte Touren mit häufig wechselndem Profil angeht, wird den Unterschied spüren.
In diesem Punkt liefern sich beide Modelle ein Remis: Das Gravelator 15 bremst hydraulisch mit GRX-Schalt-Bremshebeln und 160-mm-Bremsscheiben vorne wie hinten – das Gravelator 30 jetzt ebenfalls hydraulisch, mit CUES-Scheibenbremsen. KTM hat hier beim günstigeren Modell nachgebessert und lässt keinen Kompromiss zu. Ein echter Vorteil des 15ers ergibt sich in der Bremsanlage auf den ersten Blick nicht, auch die CUES-Bremse verzögert zuverlässig, wenn auch etwas weniger bissig als andere Gravelbike-Bremsen.
Überraschend: Das Gravelator 15 wiegt laut Herstellerangabe 12,0 kg – das Gravelator 30 kommt auf 12,4 kg. Der Gewichtsunterschied von gerade einmal 400 Gramm ist marginal und im Alltag kaum spürbar. Wer auf echten Leichtbau setzt, müsste ohnehin zur Carbon-Variante Gravelator Pro 2X (9,9 kg, 1899 Euro) greifen.
| KTM Gravelator 30 (Mj. 2027) | KTM Gravelator 15 (Mj. 2027) | |
| Preis | 899 € | 1399 € |
| Rahmen | AL6061, QR-Achse | AL6061 TB/R5070, Steckachse |
| Gabel | Carbon F17 QR w/ mount | Carbon mit Montagepunkten |
| Schaltgruppe | Shimano CUES 1x9 | Shimano GRX 1x12 |
| Kassette | 11–46 Zähne | 10–51 Zähne (Deore M6100) |
| Bremsen | Shimano CUES hydraulisch | Shimano GRX hydraulisch |
| Reifen | Maxxis Rambler EXO 662 x 45 | Maxxis Rambler EXO 622 x 45 |
| Achse | Schnellspanner (QR) | Steckachse |
| Gewicht | 12,4 kg | 12,0 kg |
Das KTM Gravelator 30 ist ein richtig ehrliches Gravelbike-Angebot. Für unter 900 Euro bekommt man eine zuverlässige Shimano-CUES-Schaltung inklusive hydraulischer Scheibenbremsen, eine Carbongabel und hochwertige Reifen. In dieser Preisklasse ist das kein Kompromiss, das ist eine Ansage. Der einzige spürbare Nachteil gegenüber dem 15er: das 9-fach-Shimano-CUES-System mit weniger feinen Gangabstufungen und die Schnellspanner-Achsaufnahme statt Steckachsen.
Das Gravelator 15 rechtfertigt seinen Mehrpreis von 500 Euro vor allem durch die Shimano GRX 1x12-Gruppe und die Steckachsen: mehr Gänge, feinere Abstufung, mehr Laufradsteifigkeit auf losem Untergrund. Für alle, die regelmäßig, ambitioniert und in anspruchsvollem Terrain fahren, sind das echte Mehrwerte. Wer entspannt Schotter erkunden, gelegentlich pendeln oder unkompliziert ins Gravel-Abenteuer starten möchte, wird mit dem Gravelator 30 nicht das Gefühl haben, auf Wesentliches zu verzichten.
Das eigentliche Statement dieser Modellreihe: KTM zeigt, dass man 899 Euro im Gravel-Segment bedeuten. Wer das Gravelator 30 schlicht als Sparversion abtut, tut diesem Fahrrad einfach Unrecht.
Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.