Einzeltest Myvelo VeronaEinsteiger-Rennrad mit Vergangenheit im Rennsport

Julian Schultz

 · 17.09.2023

Das neue Wettkampfrad der Badener verdankt seinen Namen Jan Ullrich – genauer gesagt dessen Zeitfahr­-Goldmedaille 1999 bei der Rad-WM in Verona
Foto: Skyshot/Greber
Das Jungunternehmen Myvélo aus dem Schwarzwald wagt den Einstieg ins Rennrad-Segment. Das Verona ist eines von drei Modellen mit Rennlenker und eine willkommene Abwechslung zu den hochpreisigen Wettkampfrädern der Konkurrenz.

Schaut man sich auf der Internetseite von Myvélo um, kommen unweigerlich Urlaubsgefühle auf. „Mailand“, „Rio“ oder „Tokio“ sind nur drei der Metropolen, nach denen der Hersteller aus dem badischen Oberkirch ­seine bunte Produktpalette benennt. Ob Klapprad, Mountainbike oder Reiserad: ­Vincent Augustin und Fabian Huber, die beiden Firmengründer Anfang 30, zeigen sich bei der Namensgebung ihrer Modelle kreativ und verknüpfen die Räder mit schillernden Städten, legendären Anstiegen oder faszinierenden Regionen. Seit ­Anfang des Jahres sind drei weitere Sehnsuchtsziele für Radsportler hinzugekommen: Myvélo wagt den Sprung ins Rennrad-Segment und präsentiert mit dem Verona unter anderem ein Wettkampfmodell. Wie Augustin und Huber auf den Namen gekommen sind, wo die Stärken des aero-optimierten Racers liegen und wie sich das junge Unternehmen auf dem Markt etablieren will, zeigt der Einzeltest.

Vergangenheit im Rennsport

Als Myvélo 2018 erstmals in Erscheinung trat, deutete nichts daraufhin, dass das Start-up eines Tages Renn­räder im Sortiment haben würde; die Gründer verkauften über ihren Onlineshop elektrifizierte Klappräder – der Unterschied zu einem sportlichen Rennrad könnte kaum größer sein. Doch nach der Idee der langjährigen Freunde sollten die praktischen Stadtgefährte nur der Anfang sein. Schließlich zählten beide einst zu den besten Nachwuchssportlern des Landes. ­Unzählige Trainingskilometer auf der Tartanbahn oder Duelle mit den heu­tigen World-Tour-Fahrern Alexander Krieger (Alpecin-Deceuninck) und Jasha Sütterlin (Bahrain-Victorious) bestimmten ihren Alltag. Aus der ­erhofften Profikarriere wurde zwar nichts, aber fünf Jahre nach dem Startschuss für Myvélo steht das Rennrad wieder ganz oben auf der Agenda der Firmengründer: Neben dem ­Verona stehen im Showroom ein Leichtrenner und ein Gravel­bike, benannt nach zwei monumentalen Anstiegen des Radsports: Tourmalet und Mortirolo.

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Rennrad mit Anti-Sloping-Geometrie

„Verona“, das neue Wettkampfrad der Badener verdankt seinen Namen Jan Ullrich – genauer gesagt dessen Zeitfahr­-Goldmedaille 1999 bei der Rad-WM in Verona. „Unser Rad verkörpert Schnelligkeit und Eleganz, deshalb passt der Name ganz gut“, so Augustin. Beim TOUR-Test im GST-Windkanal bleibt das Rad, seit Mai mit UCI-­Zertifizierung und ­damit für Rennen zugelassen, jedoch etwas hinter den Erwartungen zurück. Trotz optimierter Rohrformen, ­aerodynamischen Anbauteilen und schnellen Laufrädern erreicht es zwar das Niveau leichter Race-Allrounder, zum aktuell schnellsten Material fehlen aber gut 20 Watt. Dass sich das Rad im Sattel dennoch schnell anfühlt, liegt vor allem an der für heutige Sehgewohnheiten unge­wöhn­lichen Form des Rahmens: Das Oberrohr fällt nicht Richtung Sitzrohr (Sloping), sondern Richtung Steuerrohr ab, wodurch der Fahrer in eine betont sportliche Sitzposition gebracht wird. Die knackige Profi-Über­setzung, der unbeirrbare Geradeauslauf und die wenig federnde Sattelstütze verstärken den Renncharakter­ ­zusätzlich. Speziell im Flachen spielt das Verona seine Stärken aus und fliegt über den Asphalt – neben Verona hätte mit „Imola“ auch ein Hochgeschwindigkeitskurs aus dem Motorsport als Modellname gepasst.

Ecken und Kanten: Optisch eigenständige, aber umständlich von unten zu bedienende SattelstützenklemmungFoto: Matthias BorchersEcken und Kanten: Optisch eigenständige, aber umständlich von unten zu bedienende Sattelstützenklemmung

Wie ernst es Augustin und Huber mit ihrer jungen Marke meinen, zeigt ein Blick hinter die Kulissen. Zehn Mit­arbeiter kümmern sich inzwischen darum, dass Myvélo auch mit seinen Rennrädern besser sichtbar wird. Im Hintergrund laufen zudem Planungen für ein eigenes Continental-Team. Eine kleine Bekleidungskollektion ist zudem online. Die Qualitätskontrolle verantwortet ein fest angestellter Mitarbeiter in China, wo Rahmen-Set und sonstige Carbon-Komponenten wie Lenker oder ­Sattel produziert werden. „Durch unseren Angestellten vor Ort können wir die Rahmen minimal nach unseren Vorstellungen anpassen lassen“, erläutert Huber. Ein ­Detail, das bei der nächsten Modellpflege verbessert ­werden könnte, wäre die Sattelstützenklemmung: Die Einstellschraube lässt sich mit einem Mini-­Tool kaum ­erreichen; zudem klimpern die innenverlegten Leitungen auf ruppigem Untergrund.

Ein Rennrad fair kalkuliert

Und wie kommt man an so ein Verona? Per Onlinekauf! Bei Redaktionsschluss war der Bolide mit Elektroschaltungen von Shimano und Carbonlaufrädern namhafter Hersteller konfigurierbar. Der Aufbau des Testrades mit Shimanos Dura-Ace und Zipp-Laufrädern 404 Firecrest kostet 6399 Euro. Das ist ein bemerkenswert faires Angebot; für vergleichbar ausgestattete Rennräder rufen eta­b­lierte Hersteller deutlich höhere Preise auf, nicht selten im fünfstelligen Bereich. Neben den ­Serienrädern – die günstigste Version mit Shimanos 105 Di2 und Mavic Cosmic SL 65 startet bei 4699 Euro – gibt es die Möglichkeit zum Individualaufbau. Laut Hersteller entsteht der größte Teil der Myvélo-Rennräder auf diese Weise. Damit sind auch Set-ups mit Campagnolo oder SRAM möglich. Vincent Augustin und Fabian Huber planen, in diesem Jahr ­eine dreistellige Zahl an Renn­rädern zu verkaufen und sehen im wachsenden unternehmerischen Erfolg auch eine Verpflichtung: Von jedem verkauften Rad geht ein Betrag an ein Entwicklungsprojekt in Nepal. Vielleicht trägt das vierte Modell mit Rennlenker, geplant ist ein Alu-Gravelbike, künftig ja den Namen eines Berges aus dem ­Himalaja.

MyVélo Verona im Detail

MyVelo VeronaFoto: Matthias BorchersMyVelo Verona
  • Preis: 6399 Euro
  • Info: www.myvelo.de
  • Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager*: 1.223/409/114 Gramm
  • Rahmengrößen**: 48, 51, 54, 56, 59
  • Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 565/575/149 Millimeter
  • Stack/Reach/STR***: 563/391 Millimeter/1,44
  • Radstand/Nachlauf: 1.005/62 Millimeter

Ausstattung

  • Antrieb/Schaltung: Shimano Dura-Ace (2x12; 54/40, 11-30 Z.)
  • Bremsen: Shimano Dura-Ace (160/140 mm)
  • Laufräder/Reifen (Gewichte)****: Zipp 404 Firecrest/Continental Grand Prix 5000 S TR 25 mm (v./h.: 1.187/1.539 g)

Stärken und Schwächen des MyVélo Verona in der TOUR-GrafikStärken und Schwächen des MyVélo Verona in der TOUR-Grafik

Messwerte und Einzelnoten *****

  • Gewicht Komplettrad 7,4 Kilo 2,3
  • Lenkkopfsteifigkeit 82 Nm/° 2,7
  • Seitensteifigkeit Gabel 56 N/mm 1,0
  • Tretlagersteifigkeit 57 N/mm 1,7
  • Federhärte Sattelstütze 233 N/mm 2,7
  • Aerodynamik****** 222 Watt 3,0

*Gewogene ­Gewichte.

**Herstellerangabe Testgröße fett.

***Stack/Reach projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.

****Laufradgewichte inklusive Bereifung, Kassette, Schnellspanner/Steckachsen und ggf. Bremsscheiben.

*****Einzelnoten, die unterschiedlich gewichtet in die Gesamtnote einfließen, drucken wir aus Platzgründen nur zum Teil ab. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.

******Aerodynamik theoretisch benötigte Tretleistung, um den Luftwiderstand bei 45 km/h zu überwinden, gemessen im Windkanal mit einem tretenden Bein.

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Julian Schultz ist studierter Sportwissenschaftler und gelernter Sportjournalist und zeichnet für Tests von Kompletträdern verantwortlich. Vom Wettkampfboliden bis zum Gravelbike testet er die neuesten Modelle und hält die Augen nach aktuellen Trends offen. So auch bei der Tour de France, wo sich der Test-Redakteur seit 2022 auf die Suche nach technischen Details und Geschichten aus dem Fahrerlager macht.

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