Jens Klötzer
· 01.10.2026

| Gewicht | 6.19 kg |
| Schaltung | Shimano Dura Ace Di2 |
| Bremse vorne | Shimano Dura Ace |
| Laufradsatz | Scope Artech |
| Reifen vorne | Pirelli P Zero Race SLR TLR 28-622 |
Nur sechs Jahre nach der Unternehmensgründung bläst Sebastian Baldauf zum Großangriff. Nicht weniger als das beste Rennrad der Welt will er mit seiner Marke Baldiso gebaut haben, so verspricht er es in der Pressemitteilung, die vor Kurzem in den E-Mail-Postfächern der Fahrradjournalisten pingte. Auf unsere Nachfrage, woran er das festmacht, verweist Baldauf auf den TOUR Test. Der ermittelt Messwerte für Aerodynamik, Rahmensteifigkeit und Fahrkomfort auf Prüfständen, gewichtet die Kriterien sinnvoll und fasst sie in einer vergleichbaren Gesamtnote zusammen. Auf diese TOUR-Testnote hat es Baldauf abgesehen – und ist sich sicher, dass er mit seinem Modell, dem Zenith, gleich nach der Krone greifen wird. Zumindest habe er sich das, anhand der verfügbaren Daten, so ausgerechnet, sagt Baldauf. Und will es jetzt gerne beweisen.
Es sind große Namen, mit denen er sich da anlegt: Specialized S-Works Tarmac SL9 und Giant Propel Advanced SL teilen sich aktuell den Spitzenplatz mit der Gesamtnote von 1,4 – im Profirennsport etablierte Race-Flaggschiffe von Weltmarktführern mit jahrzehntelanger Erfahrung und opulenten Entwicklungsbudgets. Baldaufs Firma besteht aus zwölf Menschen, doch die Bestmarke will er dennoch knacken. Das beruht nicht auf einer vagen Hoffnung: Mit beauftragten Tests bei etablierten Partnern hat er das abgesichert: Windkanalversuche mit Robert Kühnen und mechanische Tests im Institut von Dirk Zedler gingen der Markteinführung voraus. Beide haben die Testprotokolle von TOUR maßgeblich mitentwickelt, wie sie heute noch angewendet werden.
Zehn Jahre lang war Sebastian Baldauf selbst Radprofi, dann entschloss er sich, die Radmarke Baldiso aus der Taufe zu heben. Er musste zwar schnell feststellen, dass niemand auf eine neue Marke mit Fernost-Rahmen gewartet hatte, wie er sie zunächst in seinem Geschäft im Allgäu anbot. Doch er blieb am Ball. Mit dem ersten Rad aus eigener Entwicklung, dem Baldiso One (oder B1), erregte die Marke einiges Aufsehen: ein ausgefallen designter Rennradrahmen ohne Sitzrohr, mehr Skulptur als Sportgerät, der aber auch technisch überzeugen konnte. Das auf 1.500 Exemplare limitierte Designerstück machte Baldaufs Firma zumindest schon einmal überregional bekannt. Nach dem optisch radikalen One schlägt die Marke aus dem Allgäu mit dem Zenith leisere Töne beim Design an, haut bei den Fakten aber kräftig auf die Pauke.
Für das Projekt holte Sebastian Baldauf wieder Simon Bühler von CarbonWorks ins Boot, den Aerodynamik- und Carbon-Experten, der bereits für das B1 mitverantwortlich war. Für die Fertigung gewann er einen weiteren Partner von Format: Produziert wird das Rahmen-Set vollständig bei der Bike Ahead Composites GmbH in Würzburg, die in der Branche für die hohe Präzision und besondere Oberflächenqualität ihrer Carbonfertigung bekannt ist. Das gleiche Know-how, das Bike Ahead-Chef Christian Gemperlein etwa für die Edel-Linie Masterpiece von BMC einsetzt, fließt auch in den Zenith-Rahmen ein.
Das zahlt zum einen auf die technischen Eigenschaften ein, sprich auf das Verhältnis von Gewicht und Steifigkeitswerten. Nur 860 Gramm soll der Rahmen wiegen, das wäre für die ausladenden Formen bemerkenswert leicht. Auch das Erscheinungsbild profitiert: Sichtcarbon gibt es bei vielen Rädern – aber nicht so. Beim Zenith liegt die Faserstruktur offen und vollkommen eben da, ohne die übliche Kosmetik von Spachtel und Lack, die andere Hersteller brauchen, um einen Carbonrahmen präsentabel zu machen. Das Ergebnis hat eine Tiefenwirkung, die man anfassen will – glatt wie Lack, aber mit der Ehrlichkeit von bloßem Material. Wer dennoch Farbe auf dem Rahmen möchte, bekommt sie gegen Aufpreis in jedem Wunschton.
Auch die Form ist auf den ersten Blick besonders: Kein Designrad wie das B1, aber wieder ein unverwechselbares. Anleihen bei anderen Marken finden sich höchstens in Details. Das fließende Steuerrohr und das markant geformte Sitzrohr ergeben eine eigene, sehr technisch anmutende Silhouette. Die Formgebung orientiert sich sichtbar an messbaren Zielen: Aerodynamik, Komfort, Gewicht – eingeengt lediglich vom Reglement des Radsport-Weltverbandes UCI. Bereits der erste Prototyp aus dem 3-D-Drucker erzielte im Windkanal einen hervorragenden Wert. Baldauf selbst bezeichnet das Ergebnis als „Glücksgriff“ – einen zweiten Schuss, sprich eine komplett neu entwickelte Form, hätte es aus finanziellen Gründen aber ohnehin nicht gegeben. Mit wenigen Optimierungen und gezielt gewählter Ausstattung erreicht das serienreife Zenith somit das bisher beste Ergebnis in unserer Windkanal-Messung – mit 194 Watt liegt es knapp vor dem Storck Aerfast, das ist selbst für die Entwickler eine Überraschung.
Der getestete Aufbau lässt dabei allerdings keinen Spielraum mehr für Verbesserungen: Hohe Carbonfelgen von Scope und Aero Reifen von Pirelli sind Teil der hochgezüchteten Aerodynamik; ebenso ein an die Rahmenform angepasster Flaschenhalter aus dem 3-D-Drucker, bei dem man durchaus diskutieren könnte, ob das jetzt noch ein Flaschenhalter ist oder eine vom Rennreglement nicht mehr gedeckte aerodynamische Verkleidung. Auch der Umwerfer wurde ein gespart und ein flächiges einzelnes Carbonkettenblatt montiert, was weitere zwei, drei Watt Kraftersparnis bringen dürfte. Letzteres bleibt der größte Kompromiss für die Praxistauglichkeit – wer ein Zweifach-Kettenblatt will, kann das Zenith aber mit einem Umwerfer ausrüsten. Mit den Tuning-Teilen kommt das Zenith auf ein Gewicht von 6,2 Kilogramm. Das ist kein Rekord, aber leicht genug für die Note 1,0 in der Disziplin – und der Rennsport erfordert ohnehin ein Mindestgewicht.
Womit das Baldiso in den beiden Kerndisziplinen Aerodynamik und Gewicht den Grundstein für eine Bestnote legt. Auch die weiteren Messwerte stimmen. Die Fahrstabilität ist exzellent, das Tretlager sogar außergewöhnlich verwindungssteif. Etwas Verbesserungspotenzial bietet lediglich der Sitzkomfort, aber auch der fällt für ein Racebike gut aus: Der Trick besteht in einer Aero -Stütze, die im unteren Bereich deutlich schlanker ausfällt als das Sitzrohr, in dem sie steckt. Der rückseitige Bereich des Profils wird von einer Gummimanschette ausgefüllt.
Unterm Strich erkämpft sich das Zenith mit einer 1,3 knapp die neue Bestmarke in unserer Bewertungsskala. Und wie fährt sich so ein exklusives Renngerät mit herausragenden Laborwerten? Die Antwort ist vielleicht etwas ernüchternd, aber irgendwie auch beruhigend: Erstaunlich einfach und berechenbar, gerade so, wie man sich ein Rennrad für alle Ansprüche wünscht. Ein Erlebnis ist das Ansprechverhalten bei Antritten: Das Fliegengewicht in Kombination mit dem extrem steifen Tretlager bewirkt, dass das Rad bei Sprints nach vorne schießt wie die vielzitierte Katze von Schmidts. Die Sitzposition ist modern rennmäßig und passt auf Anhieb, sie verleitet geradezu zu Beschleunigungsintervallen. Einmal auf Tempo gebracht, möchte man am liebsten die Unterarme auf den flächigen Lenker legen und den Speed einfach genießen; das Rad hängt auch bei hohem Tempo immer noch toll am Gas und liegt auf der Piste wie ein Brett. Die Lenkung gibt sich agil, aber gut vorhersehbar, der schmale Lenker macht das Rad kompakt und handlich, der Federkomfort ist für ein so sportliches Rennrad durchaus langstreckentauglich, wenn man die stramme Sitzposition aushält.
Auch vertrauenerweckende Reifen, bequemes Lenkerband und stabile Bremsscheiben gibt es. Abgesehen von der berguntauglichen – aber änderbaren – Übersetzung, einem etwas rutschigen Carbonsattel und dem gewöhnungsbedürftigen Flaschenhalter, finden wir am Zenith nichts, was den Fahrspaß auch nur ansatzweise trüben könnte. Da das Rad aber ausschließlich individuell aufgebaut wird, lassen sich eigene Schwerpunkte und Ideen umsetzen.
Natürlich verursacht der Geschwindigkeitsrausch Nebenwirkungen. 15.700 Euro kostet das Testrad – das ist noch nicht völlig utopisch, aber alleroberste Preiskategorie für Rennräder. Immerhin: 3-D-gedruckte Titan-Nabenkörper, Bremsscheiben mit Carbonspider, Keramiklager in allen drehenden Teilen und der Vollcarbonsattel lassen sich kaum durch noch exklusiveres Material ersetzen. Ob die technischen Vorteile den Aufpreis von rund 20 Prozent gegenüber Top-Modellen bekannterer Marken wert sind, muss jeder Käufer für sich entscheiden. Allerdings bekommen Kunden bei Baldiso etwas, was der Markt sonst kaum bieten kann: Jedes Rad wird vollständig in Deutschland gefertigt und nach eingehender Beratung wunschgemäß aufgebaut. Die Top-Räder anderer Premium-Marken wie Pinarello oder Colnago bewegen sich in ähnlichen Preisregionen – sind aber deutlich weniger exklusiv. Für die Solventesten unter den Rennrad-Enthusiasten können das schlagende Argumente sein.
Schwieriger wird die Vermittlung mit begrenztem Budget: Das Rahmen-Set alleine kostet 6.900 Euro – ein Tribut an die aufwendige Fertigung mit begrenzten Stückzahlen. Ab 13.200 Euro gibt es das Zenith als Komplettrad mit Ultegra Di2 und DT Swiss-Laufrädern. Dass es Kunden geben könnte, die ein Ultegra-Baldiso einem Profi-Specialized vorziehen, ist allerdings schwer vorstellbar. Ein weiteres Zugeständnis an die Produktionsbedingungen: Baldiso bietet das Zenith zunächst nur in drei Größen an: S, M und L. Damit dürften die meisten Interessenten gut klarkommen, aber eben nicht alle. Trotz dieser Nachteile ist das Zenith mehr geworden als ein Marketingversprechen auf zwei Rädern. Es hebt die Messlatte im Rennen um die Konstrukteurskrone ein weiteres, kleines Stück nach oben. Zudem beweist es, dass Weltspitze nicht unbedingt eine Frage der Unternehmensgröße ist.

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