Bei der Tour de France Femmes 2026 sorgten Berichte über gepolsterte Sport-BHs für Aufsehen. Die Idee dahinter: Eine veränderte Brustform könnte den Luftstrom in der tiefen Zeitfahrposition glätten. Die UCI reagierte mit zusätzlichen Bekleidungskontrollen. Der Fall steht beispielhaft für ein Wettrüsten, bei dem die Grenze zwischen cleverer Optimierung und unerlaubter Verkleidung immer wieder neu gezogen wird.
Bei hohem Tempo ist der Luftwiderstand der entscheidende Fahrwiderstand. Er steigt stark mit der Geschwindigkeit und lässt sich durch die Position des Körpers, die Kleidung und das Material beeinflussen. TOUR misst diese Unterschiede im Windkanal unter standardisierten Bedingungen. Im TOUR-Testverfahren für Aero-Rennräder kommen unter anderem ein tretender Dummy, definierte Geschwindigkeiten und verschiedene Anströmwinkel zum Einsatz.
Entscheidend kann sein, wie sauber der Fahrer im Wind steht, wie sich die Kleidung an den Körper legt und ob Lenker, Bremshebel und Unterarme eine möglichst kleine Stirnfläche bilden. Die Optimierung betrifft den gesamten Fahrer-Rad-Komplex. Seit Jahren tüfteln Teams und Fahrer und nutzen jeden Aero-Trick. Wir blicken zurück auf die wilde Wattjagd:
Der jüngste und ungewöhnlichste Fall der Aero-Tricks betrifft die Form des Oberkörpers. Bei der Tour de France Femmes tauchten Berichte auf, wonach Fahrerinnen übergroße Sport-BHs mit zusätzlicher Polsterung getragen haben sollen. Ziel war eine künstliche Brustverkleidung, die den Luftstrom in der gebeugten Zeitfahrposition glätten könnte.
Der Gedanke ist aus strömungsmechanischer Sicht nachvollziehbar: Eine abrupte Kante oder eine ungünstige Form kann den Luftstrom früh ablösen. Eine veränderte Kontur könnte die Strömung länger am Körper halten. Im Rennsport reicht bereits ein kleiner Vorteil, wenn er über viele Kilometer konstant wirkt.
Die UCI führte daraufhin zusätzliche Bekleidungskontrollen ein. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Kleidungsstücke die natürliche Körperform in einer Weise verändern, die über normale Schutz- oder Komfortfunktionen hinausgeht. Der Fall zeigt, wie schwierig es sein kann, eine Grenze objektiv zu kontrollieren, wenn Bekleidung nicht nur schützt, sondern gezielt als aerodynamisches Bauteil eingesetzt wird.
Auch Trikottaschen wurden zum Gegenstand der Optimierung. Fahrer nutzten übergroße oder besonders positionierte Vordertaschen, um den anströmenden Luftstrom vor dem Oberkörper zu lenken. Was im Alltag wie zusätzlicher Stauraum aussieht, kann in der tiefen Rennposition eine kleine Verkleidung bilden.
Die UCI untersagte solche Aero-Tricks schnell. Eine Tasche darf ihren praktischen Zweck erfüllen, soll aber nicht zum frei gestaltbaren Aero-Profil werden.
Bei Zeitfahren wurden zeitweise Trinkblasen unter dem Trikot getragen. Wie bei anderen Aero-Tricks ging es nicht allein um Flüssigkeitsversorgung. Die zusätzliche Form unter der Kleidung konnte die Aerodynamik beeinflussen.
Die Lösung war aus Sicht der Teams attraktiv, weil sie ohne sichtbare Zusatzteile auskam. Genau das machte die Kontrolle schwierig. Die UCI untersagte den Einsatz schließlich, sobald die Trinkblase nicht mehr nur als Trinksystem, sondern als formgebendes Element betrachtet wurde.
Bei der Zeitfahr-Weltmeisterschaft 2019 nutzte Remco Evenepoel eine Lücke zwischen Kontrolle und Rennsituation. Vor dem Start erfüllte er die Vorgaben zur Sockenhöhe, indem er seine Überschuhe auf die zulässige Länge herunterrollte. Kurz nach Beginn des Rennens zog er sie wieder hoch.
Der Trick war einfach, aber wirkungsvoll: Längere Überschuhe können den Luftstrom am Unterschenkel und am Schuh beruhigen. Entscheidend war weniger das Material als der Zeitpunkt der Kontrolle. Die Episode machte deutlich, dass eine Regel nur dann zuverlässig funktioniert, wenn auch die Bedingungen ihrer Überprüfung eindeutig sind.
Beim Auftakt der Tour de France 2017 setzte Team Sky auf einen Zeitfahranzug von Castelli. Der sogenannte Body-Paint-Anzug besaß an den Armen eine Oberfläche mit Vertiefungen. Diese Struktur sollte kontrollierte Wirbel erzeugen und dadurch den Luftstrom beeinflussen.
Solche Oberflächen sind aus der Aerodynamik anderer Sportarten bekannt. Kleine Strukturen können die Strömung an einer Oberfläche verändern und den Übergang in eine ungünstige Ablösung hinauszögern. Im Radsport war die Wirkung besonders interessant, weil die Arme in der Zeitfahrposition einen großen Teil der anströmten Fläche bilden.
Es dauerte zwei Jahre, bis die UCI ihr Reglement anpasste. Die Veränderung der Oberflächenstruktur von Rennbekleidung wurde eingeschränkt, wodurch der Anzug in dieser Form nicht mehr regelkonform war. Die Episode gilt als Beispiel dafür, wie technische Entwicklung Lücken in den Regeln nutzen kann und Aero-Tricks nur kurz funktionieren.
Eine besonders auffällige Entwicklung betraf die Bremshebel. Fahrer drehten sie stark nach innen, um das Frontprofil zu verengen. Teilweise konnten die Unterarme dadurch flacher auf dem Lenker liegen. Auf einem normalen Rennrad entstand so eine Haltung, die an die Armauflagen eines Zeitfahrrads erinnerte.
Aerodynamisch war die Idee naheliegend: Weniger Breite bedeutet weniger angeströmte Fläche. Gleichzeitig veränderte sich die Kontrolle über das Rad. Die Bremshebel standen nicht mehr dort, wo sie ergonomisch und sicher zu erwarten waren. Die UCI regelte daher die Position der Bremshebel neu um diesen Aero-Trick zu verhindern.
Noch direkter war die sogenannte Unterarmposition. Fahrer legten ihre Unterarme auf die Mitte des Rennradlenkers, um die kompakte Haltung eines Zeitfahrers nachzuahmen. Der Oberkörper sank ab, die Stirnfläche wurde kleiner.
Das Problem lag in der Fahrsicherheit. In dieser Position sind Bremsen und Lenkkontrolle nur eingeschränkt erreichbar. Außerdem kann das Rad bei Unebenheiten oder plötzlichen Bewegungen schwerer stabilisiert werden. Die UCI untersagte die Haltung deshalb außerhalb des Zeitfahrens, bei dem feste Auflieger und definierte Armauflagen verwendet werden.
Die UCI erläutert die Änderungen zur Unterarmstütze und zu den Lenkermaßen ausdrücklich mit Sicherheitsgründen - einer von vielen verbotenen Aero-Tricks.
Besonders schmale Lenker waren der nächste Schritt in Richtung kleinerer Frontfläche. Einige Fahrer reduzierten die Breite extrem, um den Wind möglichst schmal zu durchschneiden. Für den Sprint, in Kurven und im dichten Feld kann ein zu schmaler Lenker jedoch Nachteile bei Kontrolle und Stabilität haben.
Seit dem 1. Januar 2026 gilt deshalb bei Straßen- und Cyclocross-Rennen mit Massenstart eine Mindestbreite von 400 Millimetern, gemessen von Außenkante zu Außenkante. Zusätzlich schreibt die UCI eine Mindestbreite zwischen den Bremshebeln vor. Die Regel begrenzt nicht nur extreme Aero-Positionen, sondern soll auch sicherstellen, dass Fahrerinnen und Fahrer unabhängig von ihrer Körpergröße mit einem ausreichend kontrollierbaren Cockpit unterwegs sind.
Bevor sich drahtlose Schaltsysteme durchsetzten, gehörten Kabel und Anschlusskästen zu den kleinen Störstellen am Rennrad. Mechaniker klebten Di2-Anschlusskästen und Leitungen mit glattem Isolierband an den Rahmen. Das Band sollte Kanten beruhigen und verhindern, dass einzelne Kabel frei im Luftstrom lagen.
Der Aufwand war überschaubar, die Wirkung vermutlich klein. Im Profi-Radsport zählt jedoch auch ein kleiner Vorteil, wenn er ohne Gewichtsnachteil und mit wenig Aufwand erreichbar ist. Mit den aktuellen Wireless-Gruppen ist dieses Problem bei vielen Rennrädern weitgehend verschwunden.
Tadej Pogačar nutzt ein maßgefertigtes Tretlagergehäuse, das als Bikone BSA Road Ceramic Aero UAE Bottom Bracket bekannt ist. Auffällig ist die vollkommen glatte Nicht-Antriebsseite. Sie soll den Bereich um das Tretlager aerodynamisch sauberer gestalten.
Der Vorteil liegt in einem Detail, das bei herkömmlichen Tretlagerlösungen leicht übersehen wird. Gleichzeitig zeigt das Bauteil den Zielkonflikt moderner Aero-Optimierung: Die Montage ist kompliziert und nur mit Spezialwerkzeug möglich. Was im Rennbetrieb Sekunden sparen kann, ist für Wartung und Service deutlich weniger praktisch.
Auch die Begleitfahrzeuge wurden in die Suche nach Aero-Vorteilen einbezogen. Bei Zeitfahren stapelten Teams zahlreiche Ersatzräder auf den Dachgepäckträgern der Fahrzeuge. Strömungsmechanische Berechnungen zeigten, dass eine dichte Wand aus Fahrrädern eine Luftblase nach vorne drücken konnte.
Der Fahrer vor dem Fahrzeug sollte dadurch geringfügig weniger Luftwiderstand erfahren. Der Effekt war klein, aber im Kampf um Sekunden relevant. Die UCI reagierte mit einer Vergrößerung des vorgeschriebenen Abstands zwischen Teamfahrzeug und Zeitfahrer.
Der Fall zeigt, dass Aerodynamik nicht am Sattelrohr endet. Auch die unmittelbare Umgebung eines Fahrers kann die Strömung beeinflussen. Genau deshalb regeln die Wettbewerbsbestimmungen nicht nur Fahrrad und Kleidung, sondern auch das Verhalten der Begleitfahrzeuge.
Die Mutter aller Aero-Vorteile bleibt der Windschatten hinter einem Motorrad oder einem Teamfahrzeug. Nach einem Sturz oder einer Panne wird es häufig akzeptiert, wenn sich ein Fahrer auf diese Weise wieder an das Feld heranfährt. Wird der Abstand jedoch zu klein oder der Vorteil zu groß, kann daraus ein Regelverstoß werden.
2019 wähnte sich der Niederländer Nils Eekhoff als U23-Weltmeister im Straßenrennen. Kurz darauf wurde er wegen Windschattenfahrens hinter dem Teamfahrzeug disqualifiziert. Der Fall machte deutlich, wie schmal die Grenze zwischen erlaubter Rückkehr ins Rennen und unerlaubter Unterstützung sein kann.
Jan-Willem van Schip, niederländischer Radprofi sowie Welt- und Europameister auf der Bahn, hat sich einen besonderen Ruf als Aero-Tüftler des Pelotons erarbeitet. Er testet die Grenzen des Reglements nicht nur theoretisch, sondern im Renneinsatz.
In der Vergangenheit fuhr van Schip besonders schmale Lenker und geriet dadurch wiederholt in den Fokus der Kommissäre. 2026 wurde der 31-Jährige, der für das Drittliga-Team Azerion/Villa Valkenburg fährt, gleich dreimal disqualifiziert.
Bei der Tour of Holland ging es um eine umgekehrte Sattelstütze. Bei der Tour of Hellas wurde seine Position beanstandet. Bei der Ronde de l’Oise erhielt er zunächst eine Strafe von 200 Schweizer Franken und wurde später vollständig aus dem Rennen ausgeschlossen, diesmal offiziell wegen einer Flasche unter dem Trikot.
Besonders umstritten: In allen Fällen hatte ein Kommissär sein Rad vor dem Start als regelkonform abgesegnet. Van Schip und die UCI werden deshalb wohl nicht so schnell Freunde. Sein Team deutete eine Trennung an, weil die wiederkehrenden Diskussionen mit den Kommissären zunehmend belastend seien. Fans vergleichen van Schip mit dem Aero-Pionier Graeme Obree. Andere sehen in ihm vor allem einen Fahrer, der Regeln bis an ihre Grenze ausreizt.
Die Geschichte der Aero-Tricks im Profi-Radsport folgt einem wiederkehrenden Muster. Zunächst entdeckt ein Team eine Möglichkeit, den Luftstrom zu verbessern. Dann wird die Lösung kopiert, sichtbarer und extremer. Schließlich reagiert die UCI mit einer präziseren Regel.
Nicht jede ungewöhnliche Lösung ist automatisch unfair. Aerodynamik gehört zur technischen Entwicklung des Radsports. Ein glatteres Tretlager, eine gut sitzende Rennbekleidung oder ein effizient geformter Rahmen können legitime Fortschritte sein. Problematisch wird es dort, wo Kleidung den Körper gezielt verkleidet, Positionen die Kontrolle beeinträchtigen oder Begleitfahrzeuge einen zusätzlichen Windschatten erzeugen.
Der nächste Aero-Trick kommt wahrscheinlich nicht aus einer offensichtlichen Richtung. Vielleicht steckt er in der Kleidung, in einem unscheinbaren Bauteil oder in der Umgebung des Fahrers. Sicher ist nur: Sobald er im Rennen sichtbar wird, wird die UCI sehr genau hinsehen.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.