Der König ist tot - es lebe der König! Einen besseren “Ersatz-Sieger” als den 31-Jährigen hätten sich die Spanier kaum vorstellen können. Hielt Mas das Rote Trikot am Vortag bei der Siegehrung nur in den Händen, zog er es dieses Mal voller Stolz über. Am 22 Kilometer langen Schlussanstieg war Mas der Stärkste. Auch wenn Onley mit gleicher Zeit das Ziel erreichte, hat der junge Schotte doch erhebliche Mühe, überhaupt am Hinterrad zu bleiben. Trotz der bekannten Sprintschwäche von Mas unternahm Onley nicht mal einen Versuch, irgendwie am am Mallorquiner vorbeizukommen.
Drei Kilometer vor dem Ziel hatte er sich mit einer Konterattacke an die Spitze des Feldes gesetzt. Neben Onley schloss für kurze Zeit auch Roglic auf, der Slowene konnte aber nicht bis ins Ziel dranbleiben. Auch Felix Gall (Decathlon CMA CGM) musste passen, nachdem sein Team mit einer Hauruck-Aktion am Fuße des Berges überhaupt noch dafür gesorgt hatte, dass der Tagessieg überhaupt noch im Bereich des Möglichen liegt und nicht an die Ausreißer geht. Durch ein starkes Finish hielt der Österreicher nach 187 Kilometern von Villajoyosa zur Radarstation auf dem Aitana den Schaden noch in Grenzen und kassierte nur 18 Sekunden.
In der Gesamtwertung führt Mas vor dem ersten Ruhetag damit nun mit 1:18 Minuten Vorsprung auf Roglic, 1:39 Minuten auf Gall und 2:20 Minuten auf Onley, der im Kampf um das Weiße Trikot mittlerweile allein auf weiter Flur ist, obwohl Jarno Widar (Lotto Intermarché) dieses Mal wieder vorne mitmischte und mit 25 Sekunden Rückstand Siebenter wurde.
“Das Rote Trikot hat mir Flügel verliehen”, sagte Mas in seinem Siegerinterview auf der Rolle, “aber auch das Team hat mich stark unterstützt.” Obwohl er schon drei Mal Gesamtzweiter der Vuelta war, ist es erst sein zweiter Etappensieg - der erste datiert aus dem Jahr 2018. Es ist überhaupt erst sein siebenter Sieg seiner Profikarriere und der erste seit vier Jahren. Ebenfalls rar waren in jüngerer Vergangenheit Movistar-Siege bei der Vuelta. Das spanische Team konnte letztmals 2021 jubeln.
”Ich bin wirklich stolz und glücklich, weil ich der Vergangenheit auch viel Kritik bekommen habe”, sagte Mas weiter. “Deswegen ist das jetzt die beste Antwort, die ich geben konnte.”
Unterdessen verteidigte Wout van Aert (Team Visma | Lease a Bike) seine Führung in der Punktewertung. Neuer Mann im Bergtrikot ist Santiago Buitrago (Bahrain - Victorious), der über die Ausreißergruppe genügend Zähler sammelte, um Andreas Leknessund (Uno-X Mobility) von der Spitze zu verdrängen.
| RG | Fahrer | Zeit |
|---|---|---|
| 1 | Movistar Team | 05:10:40 |
| 2 | Netcompany INEOS | +00:00:00 |
| 3 | Red Bull - BORA - hansgrohe | +000:00:12 |
| 4 | Decathlon CMA CGM Team | +000:00:18 |
| 5 | XDS Astana Team | +000:00:20 |
| 6 | Lidl - Trek | +000:00:20 |
Der Kampf um die Spitzengruppe erwies sich als hart. Nach mehreren erfolglosen Versuchen schaffte es eine sechsköpfige Gruppe um Pavel Sivakov (UAE Team Emirates - XRG) und Alexey Lutsenko (NSN Cycling Team), die nach 25 Kilometern etwa 40 Sekunden Vorsprung hatte. Eine Verfolgergruppe mit Lennard Kämna (Lidl - Trek) konnte nicht aufschließen.
Allerdings wurde aus dem Feld immer weiter attackiert. Erst scheiterte Buitrago, ehe sich auf Initiative von Finn Fisher-Black (Red Bull - BORA - hansgrohe), Valentin Paret-Peintre (Soudal Quick-Step), Stefan Küng (Tudor Pro Cycling Team) und Urko Berrade (Equipo Kern Pharma) eine neue Gruppe bildete, zur der noch weitere Fahrer aufschlossen und nach gut 50 Kilometern den Kontakt zur Spitze herstellten.
Obwohl die nun aus 15 Fahrern bestehende Spitzengruppe nicht vollends harmonierte, baute sie ihren Vorsprung zunächst aus. Nach dem Puerto de El Miserat (1. Kategorie), der bei mehr als fünf Kilometern Länge zehn Prozent Steigung im Mittel mit sich bringt, hatte sie gut drei Minuten Vorsprung auf das Hauptfeld, in dem völlig ungewohnt das Team Movistar die Tempoarbeit machte. Zwischendrin hingen noch mehrere versprengte Fahrer, von denen noch einige den Anschluss zur Spitze schafften.
Bis Rennhälfte am Puerto de Tollos (3. Kategorie), wo sich Buitrago, der es im zweiten Anlauf nach vorn geschafft hatte, sich wie zuvor am El Miserat die Punkte holte, waren daraus gut viereinhalb Minuten geworden. Am Puerto de Tudons (2. Kategorie), Buitrago sicherte sich erneut die Zähler, hatte Movistar wieder eine halbe Minute zurückgeholt. Doch wie gewonnen, so zerronnen. Bis zum Zwischensprint 53 Kilometer vor dem Ziel waren daraus fünfeinhalb Minuten geworden, womit klar schien, dass der Tagessieg in der Gruppe bleiben würde. Als daraus dann sechs Minuten wurden, spannte sich Decathlon mit in die Nachführarbeit ein.
Alessandro Romele (XDS Astana Team) hatte sich da bereits aus der Spitzengruppe gelöst. 42 Kilometer vor dem Ziel schlossen Sivakov und der Spanische Meister Marcel Camprubí (Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team) über den Puerto de Benifallim (2. Kategorie) auf. Mit 1:20 Minuten Vorsprung ging das Trio dann auch in den 22 Kilometer langen Schlussanstieg zum Alto de Aitana (1. Kategorie). Dort stellten Sivakov und Camprubí schnell Romele ab.
Buitrago, Lutsenko, Filippo Zana (Soudal Quick-Step) und Milan Vader (Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team) bildeten nun das erste Verfolgerquartett. Zehn Kilometer vor dem Ziel, der schwierige Teil des Aitana wartete noch, musste auch Camprubí die Segel streichen. Und auch das Hauptfeld hatte nur noch zwei Minuten Rückstand.
Aus dem heraus attackierte Gall sieben Kilometer vor dem Ziel. Mas, Roglic, Onley und Richard Carapaz (EF Education - EasyPost) gingen mit, auch Widar konnte der Tempoverschärfung folgen. Dann kehrte aber zwischenzeitlich Stillstand in der Favoritengruppe ein, was Carapaz zur nächsten Attacke bewegte, die er später allerdings noch bereuen sollte.
4,5 Kilometer war der Tank von Sivakov dann endgültig leer, die Favoritengruppe flog nur so am Franzosen vorbei. Weil alle Favoriten aber ohne Helfer unterwegs waren, war das Tempo danach erneut raus, sodass auch einige bereits Abgehängte wieder rankamen. Mathias Skjelmose (Lidl - Trek), der von hinten zusammen mit Harold Tejada (XDS Astana Team) direkt vorbeifuhr und auch Widar mitnahm. Allerdings war auch dieser Ausflug schnell vorbei.
Denn Mas fuhr die Lücke zu und tarnte damit seine Attacke, denn anstatt nach dem Andocken wieder Tempo rauszunehmen, zog der Mann in Rot durch und hatte 3 Kilometer vor dem Ziel damit ein paar Meter Vorsprung, die zunächst nur Onley wieder recht zügig zufahren konnte. Während Gall gar nciht reagierte und sein Programm abspulte, hatte Roglic 1000 Meter später den Abstand zwar überbrückt, doch richtig festbeißen konnte er sich nicht. Eine kleine Lücke ging auf, die allerdings bis hoch auch immer klein blieb.
Denn Mas musste alles von vorne machen, während Onley nur am Hinterrad hing. Allerdings galt das auch für die letzten Meter. Denn aus dem Sattel schaffte es der Brite nicht mehr, um den später Sieger möglicherweise noch abzusprinten. Der hielt sich bis zur Ziellinie vorne und hatte einen seiner seltenen Momente, um die Faust nach oben zu reißen.
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