Es gibt Fragen, die sich jeder Rennradfahrer irgendwann einmal stellt. Wie schnell wäre ich auf dem Anstieg nach Alpe d'Huez? Wie lange könnte ich am Hinterrad von Tadej Pogačar bleiben? Und vor allem: Könnte ich eigentlich eine Etappe der Tour de France zu Ende fahren?
Diese Frage beschäftigt mich schon seit Jahren. Nicht, ob ich im Peloton bestehen könnte. Nicht, ob ich mit den Profis um Platzierungen kämpfen würde. Das ist natürlich ausgeschlossen. Aber könnte ich eine Tour-Etappe überleben, würde ich innerhalb des Zeitlimits ins Ziel kommen, oder würde mich die Realität des größten Radrennens der Welt schon nach wenigen Kilometern einholen?
Mit einer FTP von knapp 4,5 Watt pro Kilogramm gehöre ich als Hobbyfahrer eher zu den ambitionierten Sportlern. Ich bin leicht, fahre viele Kilometer im Jahr und verbringe beruflich wie privat vermutlich mehr Zeit mit Rennrädern als den meisten Menschen (und manchmal auch mir selbst) guttut.
Genau deshalb ist diese Frage für mich so spannend. Wenn selbst ein gut trainierter Amateur kaum eine Chance hätte, wie groß ist dann die Lücke zur Weltspitze tatsächlich? Wenn schon Fahrer aus dem Profipeloton behaupten, der Abstand von ihnen zu Tadej Pogačar sei so groß wie der eines Amateurs zu ihnen selbst, vermutlich gigantisch.
Wer die Tour de France 2026 im Fernsehen verfolgt, bekommt gelegentlich den Eindruck, die besten Profis der Welt würden einer anderen Spezies angehören. Die Wattwerte scheinen unmenschlich, die Durchschnittsgeschwindigkeiten absurd. Gleichzeitig zeigen Leistungsdaten aber auch, dass die Unterschiede im Peloton groß sind. Nicht umsonst gibt es spezielle Fahrerprofile, nicht alle treten an Anstiegen und im Zielsprint dieselben Werte.
Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die Zahlen. Ein guter Bergfahrer bei der Tour de France bewegt sich an langen Anstiegen häufig im Bereich von sechs Watt pro Kilogramm oder sogar darüber. Das klingt zunächst gar nicht so weit entfernt von meinen 4,5 Watt pro Kilogramm.
Der Denkfehler liegt darin, dass sich Leistungsunterschiede im Radsport nicht linear auswirken. Ein Fahrer, der zehn oder fünfzehn Prozent stärker ist, kommt nicht einfach etwas früher oben an. Über eine halbe Stunde oder länger summiert sich dieser Unterschied zu Minuten. Ein Fahrer, der 25 Prozent stärker ist, verschwindet am Berg regelrecht aus dem Blickfeld.
Anders gesagt: Würde ich mit Pogačar oder Vingegaard einen langen Anstieg bei der Tour de France gemeinsam beginnen, sähe das wahrscheinlich für wenige Sekunden überraschend unspektakulär aus. Dann würde der Abstand immer größer werden. Und irgendwann wäre aus einem kleinen Loch ein Rückstand geworden, der im Profiradsport bereits einer anderen Welt entspricht.
Die gute Nachricht: Ich würde vermutlich nicht schon am ersten Berg vom Rad fallen. Die schlechte: Ich würde ihn ganz sicher nicht gemeinsam mit diesen Profis fahren. Und beim Blick auf die Wattwerte der Gruppetto-Fahrer trifft mich dann der Schlag. Selbst die Sprinter fahren die langen Anstiege zwischen 4 und 5,5 Watt pro Kilo hoch, das ist einfach nur wahnsinnig. Eine Bergetappe mitfahren? Unmöglich!
Je länger ich über das Thema nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass die Antwort stark von der jeweiligen Etappe abhängt. Nicht jede Etappe bei der Tour de France wird vom Start weg mit Vollgas gefahren. Wer die Übertragung aufmerksam verfolgt, kennt sie: jene Flachetappen, an denen sich früh eine Ausreißergruppe bildet und das Peloton ihr für Stunden einen kontrollierten Vorsprung gewährt. Das Tempo bleibt hoch, aber nicht jeder Kilometer wird am Limit gefahren. Ein Beispiel: Bei der ersten Etappe des diesjährigen Giro d’Italia ging ein Post eines Fahrers viral, der im Schnitt auf gerade einmal 168 Watt kam.
Das wäre meine Chance! Der Windschatten im Peloton ist enorm. Wer gut positioniert ist und keine unnötigen Körner verschwendet, kann Geschwindigkeiten fahren, die alleine völlig unrealistisch wären. Rein von der Ausdauer und Leistungsfähigkeit her dürfte ich auf einer ruhigen Flachetappe wohl deutlich länger mithalten.
Das eigentliche Problem beginnt erst dann, wenn aus einer scheinbar ruhigen Etappe plötzlich ein Radrennen wird. Ein Kreisverkehr, eine Windkante, ein Sprint um Bonussekunden oder die Vorbereitung eines Massensprints verändern die Dynamik innerhalb weniger Sekunden komplett. Dann wird beschleunigt, Positionen werden verteidigt und das Tempo steigt schlagartig an. Genau diese Momente sind es, in denen die Unterschiede zwischen Hobbyfahrern und Profis sichtbar werden dürften.
Denn die Schwierigkeit besteht nicht darin, zwei Stunden mit 45 km/h im Windschatten mitzurollen. Die Schwierigkeit besteht darin, nach zwei bereits gefahrenen Stunden plötzlich mehrfach weit über der eigenen Schwelle beschleunigen zu müssen und dabei trotzdem noch eine gute Position im Feld zu halten.
Vielleicht könnte ich auf einer typischen "Bummeletappe" also überraschend lange im Peloton bleiben. Die entscheidende Frage ist nur, was passiert, wenn das Rennen wirklich eröffnet wird. Und genau dort würde die Tour de France vermutlich zeigen, warum sie die Tour de France ist.
Wenn ich ehrlich bin, glaube ich heute: Eine einzelne Tour-Etappe könnte ich unter den perfekten Umständen möglicherweise überstehen. Nach diesem Gedankenexperiment bin ich mir allerdings auch sicher, dass ich die eigentliche Herausforderung der Tour de France lange unterschätzt habe. Die beeindruckendste Leistung der Fahrer besteht nicht darin, einmal außergewöhnlich stark zu sein. Sie besteht darin, diese Leistungen Tag für Tag zu wiederholen, für drei Wochen.
Und genau deshalb fasziniert die Tour de France jedes Jahr aufs Neue. Sie zeigt uns Hobbyfahrern nicht unbedingt, wie weit wir von den Profis entfernt sind. Sie zeigt vielmehr, wie unglaublich hoch die Grenze dessen liegt, was auf einem Rennrad überhaupt möglich ist. Anstatt also deprimiert über das Gedankenexperiment zu sein, nehme ich diese Leistungen als Motivation mit. Später schwinge ich mich definitiv wieder aufs Rad!

Redakteur
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