Laktat-GelsNeues Superfuel bei der Tour de France oder nur Hype?

Leon Weidner

 · 15.07.2026

Laktat-Gels: Neues Superfuel bei der Tour de France oder nur Hype?Foto: Picture Alliance/Dario Belingheri
Bei der Tour de France sollen mehrere Teams Laktat-Gels testen
Exogenes Laktat sorgt bei der Tour de France für Aufsehen. Mehrere WorldTour-Teams sollen Laktat-Gels testen. Was steckt hinter der neuen Technologie und wie viel Potenzial haben solche Gels?

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Die Tour de France war schon immer ein Labor für sportwissenschaftliche Innovationen. Von Powermetern über Höhenzelte bis hin zur Kohlenhydrataufnahme. Was heute im Peloton getestet wird, findet oft einige Jahre später seinen Weg in den Amateurbereich. Nun sorgt eine neue Entwicklung für Aufmerksamkeit: exogenes Laktat, vermarktet unter anderem als ExoLactate-Gel. Berichten zufolge testen mehrere WorldTour-Teams die Technologie bereits im Renneinsatz. Sogar Gerüchte, dass Tadej Pogačar und andere Spitzenfahrer solche Produkte nutzen, machten die Runde. Der Nutrition-Partner des UAE Teams verwies jedoch darauf, dass Pogačar auf der 6. Etappe Prototypen ihrer eigenen Gels genommen habe. Diese sahen den neuen Laktat-Gels sehr ähnlich. Offizielle Bestätigungen der Teams liegen in Bezug auf die neuartige Entwicklung bislang nicht vor.

​Vom Feind zum Treibstoff

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Laktat als der große Gegner des Ausdauersportlers. Es wurde für Muskelbrennen, Ermüdung und Leistungseinbrüche verantwortlich gemacht. Heute weiß man, dass dieses Bild falsch war.

Laktat ist kein Abfallprodukt, sondern ein zentraler Energieträger. Der Körper produziert während intensiver Belastung kontinuierlich Laktat und nutzt es gleichzeitig wieder. Herz, Gehirn und oxidative Muskelfasern können Laktat direkt zur Energiegewinnung verwenden. Diese Erkenntnisse gehen unter anderem auf die Arbeiten des US-Physiologen George Brooks und sein Konzept des „Lactate Shuttle“ zurück.

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Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wenn der Körper sein eigenes Laktat so effizient nutzt, könnte zusätzlich zugeführtes Laktat während eines Rennens, gar während der Tour de France, die Leistungsfähigkeit weiter verbessern? Genau auf dieser Idee basiert ExoLactate.

Was steckt hinter ExoLactate?

Entwickelt wurde das Produkt vom spanischen Physiologen Aitor Viribay gemeinsam mit Forschern und Ernährungsspezialisten aus dem Umfeld des Hochleistungssports. Das Ziel bestand darin, ein langjähriges Problem zu lösen: Laktat in einer Form verfügbar zu machen, die Athleten während eines Rennens überhaupt aufnehmen können. Frühere Versuche galten als geschmacklich problematisch und praktisch kaum einsetzbar.

Nach Angaben der Entwickler enthält ein Gel etwa:

  • rund 40 g Kohlenhydrate
  • zusätzlich etwa 5 g Laktat

Die Idee dahinter ist nicht, Kohlenhydrate zu ersetzen, sondern die vorhandene Ernährungsstrategie zu erweitern. Das zusätzliche Laktat soll als weiterer Energieträger dienen und möglicherweise dabei helfen, die Glykogenspeicher zu schonen.

Warum ist das gerade für Radfahrer interessant?

Der moderne Profiradsport wird zunehmend durch die Fähigkeit entschieden, enorme Leistungen über viele Stunden aufrechtzuerhalten. Fahrer konsumieren, besonders bei der Tour de France, heute enorme Mengen an Kohlenhydraten pro Stunde. Dennoch bleibt die Glykogenverfügbarkeit ein limitierender Faktor. Theoretisch könnte exogenes Laktat mehrere Vorteile bieten:

  • zusätzliche Energiequelle neben Glukose und Fruktose
  • geringere Abhängigkeit von Muskelglykogen
  • effizientere Versorgung des Systems
  • möglicherweise geringere subjektive Belastungswahrnehmung

Diese Mechanismen sind physiologisch plausibel und passen zu unserem heutigen Verständnis des Laktatstoffwechsels. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob daraus tatsächlich ein messbarer Leistungsvorteil entsteht.

Was sagt die Wissenschaft?

Hier wird die Lage deutlich weniger spektakulär als viele Medienberichte vermuten lassen. Ein Großteil der veröffentlichten Forschung stammt bislang aus Tierstudien. Für den Profiradsport sind jedoch Humanstudien entscheidend.

Die bisher verfügbaren Untersuchungen beim Menschen liefern ein gemischtes Bild. In einer Pilotstudie wurden keine Verbesserungen von VO₂max, Laktatschwelle oder ventilatorischer Schwelle festgestellt. Lediglich die Leistung in einem 20-minütigen Zeitfahren stieg leicht an. Andere Untersuchungen mit trainierten Radfahrern fanden überhaupt keinen signifikanten Leistungsvorteil. Mit anderen Worten: Die Theorie ist stark, die Leistungsdaten sind bisher noch schwach.

Revolution oder Marketing?

Aus heutiger Sicht erinnert ExoLactate an die Einführung von Ketonen vor einigen Jahren. Damals war die physiologische Theorie überzeugend: ein zusätzlicher Energieträger, bessere Stoffwechseleffizienz, potenzielle Leistungssteigerung. Die tatsächlichen Leistungsgewinne im Feld fielen später deutlich kleiner aus als ursprünglich erhofft.

Exogenes Laktat könnte tatsächlich einen Nutzen haben. Die zugrunde liegende Physiologie wirkt plausibel, und die Rolle von Laktat als Energieträger ist wissenschaftlich gut abgesichert. Was jedoch noch fehlt, sind unabhängige, hochwertige Studien mit Profiradsportlern unter realen Wettkampfbedingungen.

Fazit

Exogenes Laktat ist derzeit eines der spannendsten Themen der Sporternährung. Dass Laktat ein wichtiger Energieträger ist, steht außer Frage. Ob ein Laktat-Gel jedoch tatsächlich die Leistung eines Tour-de-France-Fahrers messbar verbessert, ist wissenschaftlich noch nicht bewiesen. Die Hinweise aus dem Profipeloton lassen vermuten, dass mehrere Teams das Konzept ernst nehmen und offenbar testen. Doch bis belastbare Studien vorliegen, bleibt ExoLactate vor allem eines: Eine faszinierende Hypothese mit großem Potenzial, aber noch kein nachgewiesener Game Changer.

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Leon Weidner

Redakteur

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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