TOUR: Phil, wie groß war die Vorfreude auf den zweiten Ruhetag nach diesen zwei schweren Etappen und wie lief es bis jetzt für dich?
Phil Bauhaus: Ich habe mich natürlich sehr auf den Ruhetag gefreut. Die vergangenen Tage waren schon sehr hart. Es ist mittlerweile meine vierte Tour, und jedes Jahr aufs Neue ist das Niveau bei der Tour de France extrem hoch, jeder Fahrer ist topfit. Für mich als Sprinter, der am Berg nicht zu den Stärksten gehört, bedeutet das jeden Tag Leiden.
Deshalb bin ich sehr froh über den Ruhetag und auch darüber, dass direkt danach ein Zeitfahren ansteht. Obwohl es bergauf geht und körperlich ebenfalls kein leichter Tag wird, ist ein Zeitfahren immer etwas entspannter und stressfreier. Man fährt allein und kann die Belastung besser selbst steuern.
Grundsätzlich bin ich als Sprinter hier, um gute Tagesergebnisse einzufahren. Das ist mir bislang nur bedingt gelungen. Ich hatte vier Chancen und wurde einmal Sechster. Bei der fünften Sprintetappe habe ich für meinen Teamkollegen angefahren und war deshalb gar nicht in der Position, selbst ein Ergebnis einzufahren.
Natürlich hatte ich gehofft, mindestens einmal öfter in die Top Ten zu fahren, im Idealfall sogar noch ein drittes Mal. Aber die Tour ist einfach unglaublich schwer. Körperlich war ich definitiv stark genug, um häufiger unter die Top Ten zu kommen. Dieses Jahr hat es jedoch vor allem an der Positionierung gelegen. Trotzdem kann ich damit leben. Ich habe mein Bestes gegeben und kann mir deshalb nichts vorwerfen.
TOUR: Was habt ihr heute bereits gemacht? Ein Ruhetag bedeutet ja trotzdem meist, dass man noch eine kleine Runde fährt.
Phil Bauhaus: Genau. Es ist deutlich entspannter als an einem Renntag. Wir hatten heute keinen festen Zeitplan. Ich bin gegen 8:30 Uhr aufgestanden und dann wie jeden Tag zunächst zum Doktorzimmer gegangen. Dort sind unser Teamarzt und der Osteopath vor Ort. Heute Morgen war außerdem auch der Ernährungsberater da und hat bei allen Fahrern eine Fettmessung durchgeführt.
Der Arzt kontrolliert jeden Morgen unter anderem die Urinwerte, um zu prüfen, ob man ausreichend getrunken hat und ob gesundheitlich alles in Ordnung ist. Der Osteopath ist direkt ansprechbar, falls man beispielsweise mit Rückenproblemen aufwacht.
Danach gab es Frühstück, und um 11 Uhr sind wir aufs Rad gestiegen. Wir sind etwa anderthalb Stunden ganz locker gefahren. Anschließend waren wir noch in einem Café, haben einen Kaffee getrunken und etwas zusammen gesessen. Im Anschluss kommt noch die Massage, danach ist es aber ruhiger. Man hat an einem Ruhetag einfach etwas mehr Zeit für sich.
TOUR: Die Tour ist total einzigartig. Welches Geräusch oder welchen Geruch verbindest du mit der Tour? Du bist ja nicht zum ersten Mal dabei.
Phil Bauhaus: Bei den Geräuschen denke ich sofort an die Fahrräder. Man ist ständig von 150 bis 170 Fahrern umgeben. Das Geräusch der Freiläufe oder generell die typischen Töne der Rennräder gehören für mich zur Tour dazu. Sekunde, wenn ich weiter darüber nachdenke, fallen mir auch die quietschenden Reifen der Begleitfahrzeuge ein. Wenn man einmal etwas zurückfällt und die Autos mit hohem Tempo an einem vorbeifahren und in die Kurven gehen, merkt man schon, dass auch dort teilweise am Limit gefahren wird.
TOUR: Mit Lenny Martinez habt ihr einen Fahrer auf Rang acht der Gesamtwertung. Vermutlich wird es auch in der letzten Woche die Priorität sein, auf Lenny aufzupassen. Was ist da die Vorgabe des Teams?
Phil Bauhaus: Exakt. Es hat sich relativ klar gezeigt, dass Lenny unsere größte Hoffnung bei dieser Tour ist. Abgesehen von meinem sechsten Platz, bei dem mit etwas Glück vielleicht sogar noch mehr möglich gewesen wäre, haben wir sonst keine Ergebnisse eingefahren, die in diese Richtung gehen.
Deshalb liegt unser Fokus jetzt zu 100 Prozent auf Lenny. Es geht darum, seinen achten Platz zu verteidigen. Vielleicht ist sogar noch die eine oder andere Position nach vorne drin. Aber in erster Linie wollen wir diesen Rang sichern. Alle Fahrer achten darauf, dass es ihm gut geht und dass er alles hat, was er braucht. Am Ende muss er allerdings den Berg trotzdem allein hinauffahren.
TOUR: Stichwort Berge: Die beiden Anstiege nach Alpe d’Huez und vor allem die 20. Etappe gelten als extrem schwer. Wie blickst du darauf und wie bereitest du dich darauf vor?
Phil Bauhaus: Ich habe heute Morgen den Fehler gemacht und mir die 20. Etappe noch einmal genauer angeschaut (lacht). Das hätte ich vielleicht lieber lassen sollen. Wie du schon sagst: Die Etappe ist extrem hart. Für mich sind die letzten Etappen ohnehin alle am Limit. Ich kann natürlich nur aus der Sicht eines Sprinters sprechen, also eines Fahrers, der nicht die höchsten Watt-pro-Kilo-Werte hat. Für mich ist das schlichtweg Horror.
Man ist jetzt so weit gekommen, und auch wenn es dieses Jahr keinen Sprint auf den Champs-Élysées gibt, möchte ich dieses Erlebnis, in Paris anzukommen, unbedingt noch einmal erleben. Deshalb wäre ich sehr glücklich, wenn das klappt.
Die Etappen sind so schwer, dass man sich gleichzeitig ganz nah am Ziel und doch noch sehr weit davon entfernt fühlt. Speziell die 20. Etappe wird für mich vom ersten bis zum letzten Kilometer ein einziger Kampf sein. Es geht für mich lediglich darum, innerhalb des Zeitlimits anzukommen. Andere Ambitionen habe ich nicht. Aber selbst das wird extrem schwierig.
TOUR: Welche Pläne hast du nach der Tour? Vermutlich erst einmal etwas Erholung. Sehen wir dich danach wieder bei den klassischen After Tour Kriterien?
Phil Bauhaus: Klar, die Schmitter Nacht würde ich in der Woche nach der Tour gerne fahren. Ich bin dort eigentlich jedes Jahr gestartet. Nur in einem Jahr durften wir vom Team keine solchen Rennen fahren. Außerdem findet mittwochs die Tour de Neuss statt. Ich gehe davon aus, dass ich dort ebenfalls an den Start gehen werde. Am Samstag steht dann bei uns in Bocholt noch ein Rennen an. Das sind die drei Rennen, die aktuell direkt nach der Tour auf meinem Plan stehen.
Danach folgen voraussichtlich wieder die Teameinsätze, insbesondere die deutschen Rennen wie Hamburg und die Deutschland Tour.
TOUR: Danke, ich wünsche dir viel Erfolg für die letzten Tage und natürlich eine gute Ankunft in Paris.
Phil Bauhaus: Vielen Dank und ebenfalls gute Fahrt nach Paris.

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