Leon Weidner
· 05.08.2026
Geht es euch genauso? Die ersten Etappen der Tour de France Femmes 2026 sind vorbei und es macht einfach unfassbar viel Spaß, sie zu schauen. Ehrlich gesagt habe ich beobachtet, wie ich deutlich gespannter vor dem Bildschirm sitze als noch wenige Wochen zuvor bei der Tour de France der Männer. Aber warum eigentlich? Das ist gleichzeitig leicht und doch schwer zu erklären. Die simple Antwort lautet: Es wird offensiver gefahren. Die komplexe Antwort beinhaltet weit mehr als diesen einen Aspekt.
Wer die Männer-Tour regelmäßig verfolgt, kennt die typischen Abläufe. Die stärksten Teams kontrollieren das Rennen oft über Stunden hinweg. Dank enormer Leistungsdichte, perfekter Helferstrukturen und immer detaillierterer Datenanalyse gelingt es ihnen häufig, gefährliche Situationen früh zu entschärfen. Das ist sportlich beeindruckend, führt aber auch dazu, dass viele Rennverläufe vergleichsweise vorhersehbar werden. Ist es nicht erstaunlich, dass man bei vielen Etappen schon vorher den Sieger bestimmen kann und damit in vielen Fällen richtig liegt? Klar, auch im Frauenradsport ist das manchmal möglich. Zum Beispiel bei Sprintankünften. Wer nicht Lorena Wiebes als Siegerin tippt muss wohl die letzten zwei Jahre verpasst haben...
Davon abgesehen wirkt die Tour de France bei den Frauen dagegen deutlich offener. Natürlich gibt es auch dort Favoritinnen bei Klassiker- oder Bergetappen und dominante Teams. Trotzdem gelingt es ihnen viel seltener, eine Etappe von Start bis Ziel komplett zu kontrollieren. Angriffe werden nicht sofort neutralisiert, Ausreißerinnen erhalten länger Freiraum und selbst scheinbar eindeutige Rennsituationen können innerhalb weniger Kilometer komplett kippen. Für Zuschauer entsteht dadurch etwas, das im Sport unbezahlbar ist: echte Ungewissheit über die Siegerin, Spannung.
Genau diese Ungewissheit ist einer der Hauptgründe, warum die Rennen aktuell so fesselnd wirken. Man hat deutlich häufiger das Gefühl, dass alles passieren kann. Während bei den Männern oft auf den einen perfekten Moment gewartet wird, scheint die Bereitschaft zum Risiko bei vielen Fahrerinnen größer zu sein. Da wird nicht erst auf den letzten Anstieg gewartet. Es wird früh attackiert, Positionen werden aggressiv verteidigt und selbst Favoritinnen gehen Angriffe ein, die nicht immer von Erfolg gekrönt sind.
Eine Fahrerin verkörpert das wie kaum eine andere: Cédrine Kerbaol. Die Französin setzt auch mal eine Attacke, die im ersten Moment völlig absurd aussieht. Schief gehen kann das allemal, das hat man schon oft genug gesehen. Aber genau darin liegt der Reiz. Nicht jeder Angriff muss funktionieren. Im Gegenteil: Die Möglichkeit des Scheiterns macht diese Angriffe überhaupt erst spannend. Als Zuschauer merkt man, dass das Rennen nicht ausschließlich von Berechnungen und Wahrscheinlichkeiten bestimmt wird, sondern oft von Mut, Instinkt und der Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen. Und Kerbaol beweist, dass es klappen kann. Bei der dritten Etappe der Spanien-Rundfahrt setzte sich die 25-jährige zwei Kilometer vor dem von allen erwarteten Massensprint ab und siegt im Solo.
Ein weiterer Aspekt ist die Rolle der Topfahrerinnen. Die besten Athletinnen der Welt sind selbstverständlich extrem stark. Dennoch wirken sie oft weniger unangreifbar als die dominierenden Stars bei den Männern in den vergangenen Jahren. Selbst die größten Favoritinnen haben regelmäßig Momente, in denen sie unter Druck geraten. Dadurch bleiben die Rennen länger offen und die Spannung hält bis weit in die entscheidenden Rennphasen hinein an. Bei den Männern hingegen wirkt es fast schon wie ein Gesetz: Ist Tadej Pogačar am Start einer Rundfahrt, gewinnt er sie. Fehlt der Slowene, aber Jonas Vingegaard ist da, holt der Däne den Rundfahrtsieg. Schnarch... oh sorry, ich bin kurz weggenickt.
Was mich persönlich außerdem begeistert, ist die Dynamik der Rennen. Viele Etappen fühlen sich nicht wie ein perfekt durchgeplantes Drehbuch an. Stattdessen entwickeln sie eine Eigendynamik. Eine zunächst unbedeutend wirkende Gruppe wird plötzlich gefährlich. Eine Außenseiterin wächst über sich hinaus. Eine Favoritin verliert den Anschluss und kämpft sich zurück. Wind, Taktik oder eine einzige Attacke können den gesamten Rennverlauf verändern.
Genau dieses Gefühl hat mich überhaupt zum Radsport gebracht. Nicht die Watt pro Kilogramm, die ein einzelner Fahrer oder eine Fahrerin treten kann. Nicht die Datenblätter. Nicht die theoretischen Berechnungen. Sondern die Tatsache, dass ein Rennen jederzeit eine neue Wendung nehmen kann. Exakt das macht den Frauenradsport greifbarer. Man fiebert stärker mit, freut sich mehr über Erfolgsgeschichten und leidet mehr mit, wenn ein mutiger Angriff kurz vor dem Ziel scheitert.
Versteht mich nicht falsch: Die Tour de France der Männer bleibt das größte und prestigeträchtigste Radrennen der Welt. Die Leistungen dort bewegen sich auf einem unfassbaren Niveau und verdienen größten Respekt. Langweilig ist die Männer-Tour deshalb keineswegs.
Trotzdem habe ich aktuell oft das Gefühl, dass die Frauen-Tour etwas besitzt, das im modernen Spitzensport immer seltener wird. Es gibt mehr Überraschungen, mehr Risiko und mehr Situationen, in denen Fahrerinnen bereit sind, ein Rennen zu verlieren, nur um die Chance zu haben, es zu gewinnen. Und vielleicht ist genau das die beste Erklärung dafür, warum ich momentan so gerne einschalte. Die Tour de France Femmes mag in vielen Bereichen noch nicht die Größe und Strahlkraft der Männer-Tour erreicht haben. Wenn es aber um Spannung, Unvorhersehbarkeit und packenden Rennsport geht, dann bietet sie mir aktuell den größten Spaß. Um es ganz banal zu benennen: Es kribbelt wieder wie früher beim Gucken!

Redakteur
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