Ausreißerinnen, Abfahrten, Aero-VorteilDas TOUR Tech-Briefing zur sechsten Etappe

Robert Kühnen

 · 06.08.2026

Ausreißerinnen, Abfahrten, Aero-Vorteil: Das TOUR Tech-Briefing zur sechsten EtappeFoto: Getty Images / Alex Broadway
Demi Vollering zählt zu den Favoritinnen der Tour de France Femmes avec Zwift 2026
Vom 1. August bis zum 9. August messen sich die besten Radsportlerinnen der Welt bei der Tour de France Femmes. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 6. Etappe.

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Die sechste Etappe ist eine weitere Mittelgebirgsetappe, die einer Wundertüte gleich vielerlei Rennverläufe zulässt. Es geht über 153,4 Kilometer von Montbrison nach Tournon-sur-Rhone. Der Mont Ventoux, der am siebten Tag zu erklettern ist, wirft bereits seinen Schatten voraus und wird GC-Fahrerinnen vielleicht bremsen, zu viele Körner in die Waagschale zu werfen, wohlwissend, dass die siebte Etappe mutmaßlich entscheidend sein wird. Genau das könnten andere ausnutzen. Ausreißerinnen sind favorisiert, aber auch im Klassement sind jederzeit Veränderungen möglich. Denn eine Fahrerin, die bereits Rückstand hat, muss offensiv werden, um eine Chance im GC zu wahren. Dies lässt auf einen unterhaltsamen Rennverlauf hoffen.

Sechs klassifizierte Anstiege, ausplätscherndes Finale: Terrain für AusreißerinnenFoto: A.S.O.Sechs klassifizierte Anstiege, ausplätscherndes Finale: Terrain für Ausreißerinnen

​Die Zahl des Tages: 2:24 Minuten

Wir simulieren eine Attacke 53 Kilometer vor dem Ziel im Anstieg zum Col de Lalouvesc, einer Bergwertung der zweiten Kategorie.

Die Rangfolge der Bikes, die sich ergibt, kennen wir vom Vortag. Erneut ist Team Visma bestens aufgestellt mit dem Cervélo S5. Aerodynamik dreht am meisten am Schnitt bis ins Ziel. Wer sich nach einer Attacke durchsetzen will, muss Tempo über die Abfahrt und die Täler tragen. Das gelingt am besten mit einem Aero-Bike. In den Anstiegen sollte dies aber auch möglichst leicht sein.

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Bis zur Ziellinie beträgt der Vorsprung des S5 satte 2:24 Minuten gegenüber dem langsamsten Bike im Feld. Da gibt es eigentlich keine Fragen, welches Rad zum Zuge kommt. Eher verwundert es, dass die Räder nicht noch vehementer auf Speed getrimmt werden. Im Windkanal haben wir schon Prototypen gemessen, die die schnellsten Räder im Feld nochmal deutlich unterbieten. Die 190 W-Schwelle kommt langsam in Sicht.

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Das bekannte Bild: Schnelle Aero-Bikes bringen die kürzesten Fahrzeiten im Finale der sechsten Etappe. Nur leicht zu sein reicht nicht mehr für ein WettkampfradFoto: Robert KühnenDas bekannte Bild: Schnelle Aero-Bikes bringen die kürzesten Fahrzeiten im Finale der sechsten Etappe. Nur leicht zu sein reicht nicht mehr für ein Wettkampfrad

​Rückschau auf die vierte Etappe – zittriges Zeitfahren von Ferrand-Prévot

Das Zeitfahren verlief wie vorhergesehen. Die Zeitfahrweltmeisterin Marlen Reusser wurde ihrer Favoritenrolle als gerecht und siegte mit einer Zeit, die wir in unserer Vorschausimulation prognostiziert hatten. Überraschend war der zweite Platz von Lieke Nooijen, die Reusser auf vier Sekunden nahekam. Insbesondere in der zweiten Hälfte des Rennens war die Holländerin sehr schnell. Auch Mit-Favoritin Demi Vollering legte vor allem eine sehr schnelle zweite Hälfte hin, holt im rasenden Downhill Sekunden zurück und belegte mit 17 Sekunden Rückstand Platz drei. Vollering, die sich komplett verausgabte, schlug sich im Ziel gegen die Brust und war offensichtlich sehr zufrieden mit ihrer Leistung.

Kasia Niewiadoma, Tour-Siegerin von 2023, hielt ihren Rückstand in Grenzen, ihr Abstand im Ziel betrug 1:08 Minuten, für eine leichte Kletterin ein akzeptables Ergebnis. Die kletterstarke Polin hatte offensichtlich an ihrer TT-Perfomance gearbeitet.

Weniger gut zurecht kam Pauline Ferrand-Prévot, die schon an der ersten Zeitnahme, also nach der Steigung, 1:21 Minuten Rückstand auf Reusser hatte. In der Abfahrt kam fast noch eine weitere Minute hinzu. Im Ziel hatte die Französin 2:13 Minuten Rückstand auf Reusser – das ist reichlich für die kurze Strecke und könnte das Aus für ihre Ambitionen auf die Titelverteidigung bedeuten.

Ferrand-Prévot zeigte sich hinterher dennoch zufrieden mit ihrer Leistung in der ungewohnten Disziplin, die sie jahrelang nicht bestritten hatte. Aber sie wirkte auf der Strecke zu keinem Zeitpunkt souverän. Wenn man vor Augen hat, wie genial die Französin ihr MTB auf schwierigen Kursen und in technischen Abfahrten im Griff hatte, war es geradezu schmerzhaft mit anzusehen, wie schwer sie sich auf dem Zeitfahrrad tat.

Mit jedem Tritt lenkte sie gegen und fuhr so beständig Schlangenlinien. Im Ergebnis fuhr sie so auch eine längere Strecke als manche Konkurrentin.

Team Visma, technisch meist auf der Höhe der Zeit, hätte es seiner Kapitänin leichter machen können. Mit K.I.S Lenkstabilisator wäre Ferrand Prevot nach unserer Erfahrung deutlich besser geradeaus gefahren. Das System des Bayrischen Erfinders Jo Klieber ist bislang in der Rennradwelt aber weitgehend unbekannt und auch im MTB-Sport nur vereinzelt im Einsatz. Schade, denn dieses Zeitfahren zeigte sehr deutlich, dass es selbst im Spitzensport noch viel Potenzial gibt, das Fahrverhalten der Bikes zu verbessern und das Handling – vor allem im Hinblick auf die rasende Abfahrt – besser und sicherer zu machen.


* Simulationsberechnungen

Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.

Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.

Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.

Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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