Tour de France Femmes Tech BriefingDas schnellste Setup fürs Einzelzeitfahren

Robert Kühnen

 · 04.08.2026

Tour de France Femmes Tech Briefing: Das schnellste Setup fürs EinzelzeitfahrenFoto: Getty Images / Tim de Waele
Auf Etappe 2 der Tour de France Femmes avec Zwift hat die Niederländerin Riejanne Markus vom Team Lidl - Trek ihre Zeitfahrqualitäten schon gezeigt. An der Flamme Rouge, also einen Kilometer vor dem Ziel wurde sie vom Feld wieder eingeholt.
​Vom 1. August bis zum 9. August messen sich die besten Radsportlerinnen der Welt bei der Tour de France Femmes. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 4. Etappe.

Die vierte Etappe ist ein Zeitfahren über 21 Kilometer von Gevrey-Chambertin nach Dijon. Die letztjährige Tour der France Femmes beinhaltete keinen Kampf gegen die Uhr, in diesem Jahr dürfte diese Etappe aber mit am Gesamtergebnis drehen. Die Strecke ist zwar kurz, trotzdem sind Abstände im Bereich von ein bis zwei Minuten auch zwischen sehr guten Fahrerinnen möglich.

Die Zeitfahrspezialistin Marlen Reusser wird hier mutmaßlich mit Demi Vollering um den Etappensieg kämpfen. Die reinen Bergfahrerinnen werden im Nachteil sein und deutliche Rückstände kassieren.

Eine Steigung von 1,8 Kilometern mit 6,9 Prozent ist zu überwinden, am höchsten Punkt umrunden die Fahrerinnen den Ort Corcelles-Les-Monts, bevor es in die Abfahrt nach Dijon geht. Das Downhill-Stück ist eine geradlinig verlaufende Hochgeschwindigkeitsabfahrt. Erst zwei Kilometer vor dem Ziel bremst die erste von vier scharfen Kurven die Fahrt.

Die Fahrerinnen werden in aerodynamischer Haltung enorme Geschwindigkeiten bergab erreichen, ähnlich wie wir es auch bei den Männern gesehen haben.

Interessant wird sein, wie die Fahrerinnen die Getriebe abstimmen. Monster-Mono-Kettenblätter wie bei den Männern, um bei hohen Geschwindigkeiten mittreten zu können? Vermutlich werden die Fahrerinnen eher Zweifach-Abstufungen wählen und das Limit bei der Kettenblattgröße akzeptieren, das der Umwerfer diktiert.

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Das Zeitfahren ist wellig. In der Mitte ist ein kleiner Anstieg zu nehmen, der im steilsten Stück 7,3% Steigung aufweist.Foto: A.S.O.Das Zeitfahren ist wellig. In der Mitte ist ein kleiner Anstieg zu nehmen, der im steilsten Stück 7,3% Steigung aufweist.

​Die Gleichung des Tages: fünf Watt = zwölf Sekunden

Um den Materialeinfluss auf der Strecke zu untersuchen, simulieren wir zehn verschiedene, fiktive Set-ups TT1 bis TT10 mit unterschiedlichen aerodynamischen Qualitäten und Gewichten.

Zeitfahrräder sind gesetzt. Im steilsten Stück der Steigung fällt das Tempo zwar für einige Minuten auf rund 23 km/h, über-alles erwarten wir aber einen Schnitt um die 47 km/h.

Bei diesen Geschwindigkeiten zählt jedes kleine Aero-Detail. Aero-Vorteile überkompensieren auch die Verluste durch Übergewicht an der Steigung. Nach unserer Berechnung entsprechen fünf Aero-Watt rund zwölf Sekunden weniger Fahrzeit. Fünf Watt – das können die passenden Aero-Socken sein, ein Detail am Anzug oder Helm oder ein besonders schneller Laufradsatz mit einem Aero-Vorderradreifen.

Ein Kilo Übergewicht kostet hingegen nur rund fünf Sekunden. Die Optimierung geht daher erst in Richtung Aerodynamik, Gewicht folgt an zweiter Stelle.

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Die Tabelle zeigt, dass Aerodynamik deutlich mehr zählt als das GewichtFoto: Robert KühnenDie Tabelle zeigt, dass Aerodynamik deutlich mehr zählt als das Gewicht

​Die Tabelle zeigt, dass Aerodynamik deutlich mehr zählt als das Gewicht – obwohl das Zeitfahren eine Steigung mit 7% beinhaltet. Berechnungsgrundlage sind 57 Kilo Fahrerinnengewicht. Der Vergleich TT6 zu TT1 zeigt, dass fünf Watt Aero-Einsparung (bezogen auf 45 km/h) sieben Sekunden Netto-Vorteil bringen gegenüber einem Bike mit einem Kilo weniger Gewicht (TT1). Gleichwohl ist das Gewicht nicht egal. Ein Kilo Übergewicht bei gleicher Aero-Qualität entspricht rund fünf Sekunden mehr Fahrzeit.


* Simulationsberechnungen

Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.

Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.

Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.

Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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