Robert Kühnen
· 05.08.2026
Macon > Belleville-en-Beaujolais | 140 Kilometer. Auf dem Papier ist die fünfte Etappe perfektes Terrain für Ausreißerinnen. Genauso gut kann sich aber bereits früh ein Kampf ums Klassement entwickeln, da das Rennen über die viele scharfen Steigungen schwer zu kontrollieren ist; schon zu Beginn geht es bergauf. Wird eine Favoritin auf dem falschen Fuß erwischt, drohen empfindliche Zeitverluste. Ein Tag, an dem eine GC-Fahrerin die Tour verlieren, aber nicht gewinnen kann.
Den Sieg machen wahrscheinlich Ausreißerinnen unter sich aus. Gut möglich, dass auch GC-Fahrerinnen dazu gehören.
Aus technischer Sicht bietet die Etappe Herausforderungen: Dort, wo Attacken wahrscheinlich sind, sind die kurzen Berge richtig steil. Das heißt, dass das Bike das Mindestgewicht nicht überschreiten sollte, um so gut wie möglich zu unterstützen.
Um die Attacke zu verlängern und ins Ziel zu tragen, vor allem gilt das für eine einzelne Fahrerin, muss aber auch die Aerodynamik des Rades top sein.
Wir simulieren eine Attacke an der vorletzten Steigung, 31 Kilometer vor dem Ziel. Mit welchem Bike hätte eine Fahrerin die besten Karten durchzukommen?
Klar ist: Im Steilstück zählt das Gewicht, hier sind Bikes mit Mindestgewicht die beste Wahl. Aber was macht der Rest der Strecke aus?
Die kürzeste Fahrzeit berechnen wir für das Cervélo S5, es fährt auf das nur leichte Schwestermodell Cervélo R5 bis zum Zielstrich 1:23 Minuten heraus. Einmal mehr ist die Aerodynamik entscheidend, und zwar überraschend deutlich – trotz der scharfen Sägezähne im Streckenprofil.
Hättet ihr das gedacht beim Blick auf die zweistellige Steigungsprozente?
Was werden die Fahrerinnen wirklich fahren?
Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:
Die Tabelle zeigt die verbleibende Fahrzeit für eine Attacke 31 Kilometer vor dem Ziel. Trotz des abschnittsweisen steilen Terrains zählt vor allem die Aerodynamik, um einen Vorsprung ins Ziel zu retten. Idealerweise ist das Bike trotzdem so leicht wie möglich, so wie das S5.
Die dritte Etappe lief so ähnlich, wie in unserer Simulation vorab dargestellt, mit einer langen und erfolgreichen Solo-Attacke über 88 Kilometer.
Die norwegische Meisterin Sigrid Haugset zeigte dabei herausragende Zeitfahrqualitäten und schlug das Peloton, das ihr bis zu fünf Minuten Vorsprung gewährt hatte. Auch die solo nachsetzende Lotte Kopecky, die schon fast alles gewonnen hat, schaffte es nicht, die unbekannte Norwegerin einzuholen. Sie kam zwar auf zehn Sekunden heran, indem sie in den Steigungen härter trat, aber dann ging ihr im flachen Finale die Puste aus gegen die beständig rollende Haugset.
Was waren die Zutaten für diesen herausragenden Erfolg? Eine Prise Verwegenheit, sehr gute Zeitfahrqualitäten und eine große Portion mentale Stärke. Sigrid Haugset saß zwei Stunden lang in einer perfekten Aeroposition auf ihrem Ridley Noah Fast, einem Rad wie geschaffen für dieses Szenario; denn aerodynamisch gehört das Bike zu den Besten im Feld. Aber Haugset selbst machte den entscheidenden Unterschied. Sie wirkte jederzeit effizienter als die nachsetzende Kopecky, die sicher härter treten kann. Haugset griff den schmalen Lenker eng, die Unterarme parallel zum Boden, brachte den Kopf vor den Rumpf und verschenkte keinen Meter mit Zappeln. Man konnte förmlich sehen, wie effizient sie durch den Wind schnitt. Kurzzeitig so zu fahren, ist eine Sache. Aber es gut zwei Stunden lang so diszipliniert durchzuhalten, zeugt von viel Training in dieser Position.
So ging das Rennen an eine smarte Ausreißerin, die aus einer kleinen Chance einen großen Sieg schmiedete. Ihr Sieg illustriert auch, dass unsere Zahlenspielereien einen Bezug zur Realität haben. Treten ist nicht alles. Das Gesamtpaket zählt.
Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.
Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.
Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.
Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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