Aerodynamisch und leichtTour Tech Briefing zur 5. Etappe der Tour de France Femmes

Robert Kühnen

 · 05.08.2026

Aerodynamisch und leicht: Tour Tech Briefing zur 5. Etappe der Tour de France FemmesFoto: Getty Images / Nicolas Tucat / AFP
Etappe 3 hat Sigrid Ytterhus Haugset als Ausreißerin gewonnen. Auf dem Papier bietet Etappe 5 perfektes Terrain für Ausreißerinnen.
Vom 1. August bis zum 9. August messen sich die besten Radsportlerinnen der Welt bei der Tour de France Femmes. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 5. Etappe.

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Macon > Belleville-en-Beaujolais | 140 Kilometer. Auf dem Papier ist die fünfte Etappe perfektes Terrain für Ausreißerinnen. Genauso gut kann sich aber bereits früh ein Kampf ums Klassement entwickeln, da das Rennen über die viele scharfen Steigungen schwer zu kontrollieren ist; schon zu Beginn geht es bergauf. Wird eine Favoritin auf dem falschen Fuß erwischt, drohen empfindliche Zeitverluste. Ein Tag, an dem eine GC-Fahrerin die Tour verlieren, aber nicht gewinnen kann.

Den Sieg machen wahrscheinlich Ausreißerinnen unter sich aus. Gut möglich, dass auch GC-Fahrerinnen dazu gehören.

Berge, soweit das Auge reicht: die Anstiege sind eher zahlreich als besonders hoch, können bei entsprechender Fahrweise aber kräftig am Klassement drehenFoto: A.S.O.Berge, soweit das Auge reicht: die Anstiege sind eher zahlreich als besonders hoch, können bei entsprechender Fahrweise aber kräftig am Klassement drehenKurz, aber scharf: der Col de Durbize, der vorletzte Anstieg, hat kurzzeitig bis zu 16 Prozent Steigung. Wer kann, attackiert hier und verkleinert die FluchtgruppeFoto: A.S.O.Kurz, aber scharf: der Col de Durbize, der vorletzte Anstieg, hat kurzzeitig bis zu 16 Prozent Steigung. Wer kann, attackiert hier und verkleinert die Fluchtgruppe

​Aus technischer Sicht bietet die Etappe Herausforderungen: Dort, wo Attacken wahrscheinlich sind, sind die kurzen Berge richtig steil. Das heißt, dass das Bike das Mindestgewicht nicht überschreiten sollte, um so gut wie möglich zu unterstützen.

Um die Attacke zu verlängern und ins Ziel zu tragen, vor allem gilt das für eine einzelne Fahrerin, muss aber auch die Aerodynamik des Rades top sein.

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Die Zahl des Tages: 1:23 Minuten

Wir simulieren eine Attacke an der vorletzten Steigung, 31 Kilometer vor dem Ziel. Mit welchem Bike hätte eine Fahrerin die besten Karten durchzukommen?

Klar ist: Im Steilstück zählt das Gewicht, hier sind Bikes mit Mindestgewicht die beste Wahl. Aber was macht der Rest der Strecke aus?

Die kürzeste Fahrzeit berechnen wir für das Cervélo S5, es fährt auf das nur leichte Schwestermodell Cervélo R5 bis zum Zielstrich 1:23 Minuten heraus. Einmal mehr ist die Aerodynamik entscheidend, und zwar überraschend deutlich – trotz der scharfen Sägezähne im Streckenprofil.

Hättet ihr das gedacht beim Blick auf die zweistellige Steigungsprozente?

Was werden die Fahrerinnen wirklich fahren?

Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:

Die Tabelle zeigt die verbleibende Fahrzeit für eine Attacke 31 Kilometer vor dem ZielFoto: Robert KühnenDie Tabelle zeigt die verbleibende Fahrzeit für eine Attacke 31 Kilometer vor dem Ziel

​Die Tabelle zeigt die verbleibende Fahrzeit für eine Attacke 31 Kilometer vor dem Ziel. Trotz des abschnittsweisen steilen Terrains zählt vor allem die Aerodynamik, um einen Vorsprung ins Ziel zu retten. Idealerweise ist das Bike trotzdem so leicht wie möglich, so wie das S5.

Rückschau auf die dritte Etappe – Aero-Performance gewinnt Rennen

Die dritte Etappe lief so ähnlich, wie in unserer Simulation vorab dargestellt, mit einer langen und erfolgreichen Solo-Attacke über 88 Kilometer.

Die norwegische Meisterin Sigrid Haugset zeigte dabei herausragende Zeitfahrqualitäten und schlug das Peloton, das ihr bis zu fünf Minuten Vorsprung gewährt hatte. Auch die solo nachsetzende Lotte Kopecky, die schon fast alles gewonnen hat, schaffte es nicht, die unbekannte Norwegerin einzuholen. Sie kam zwar auf zehn Sekunden heran, indem sie in den Steigungen härter trat, aber dann ging ihr im flachen Finale die Puste aus gegen die beständig rollende Haugset.

Was waren die Zutaten für diesen herausragenden Erfolg? Eine Prise Verwegenheit, sehr gute Zeitfahrqualitäten und eine große Portion mentale Stärke. Sigrid Haugset saß zwei Stunden lang in einer perfekten Aeroposition auf ihrem Ridley Noah Fast, einem Rad wie geschaffen für dieses Szenario; denn aerodynamisch gehört das Bike zu den Besten im Feld. Aber Haugset selbst machte den entscheidenden Unterschied. Sie wirkte jederzeit effizienter als die nachsetzende Kopecky, die sicher härter treten kann. Haugset griff den schmalen Lenker eng, die Unterarme parallel zum Boden, brachte den Kopf vor den Rumpf und verschenkte keinen Meter mit Zappeln. Man konnte förmlich sehen, wie effizient sie durch den Wind schnitt. Kurzzeitig so zu fahren, ist eine Sache. Aber es gut zwei Stunden lang so diszipliniert durchzuhalten, zeugt von viel Training in dieser Position.

So ging das Rennen an eine smarte Ausreißerin, die aus einer kleinen Chance einen großen Sieg schmiedete. Ihr Sieg illustriert auch, dass unsere Zahlenspielereien einen Bezug zur Realität haben. Treten ist nicht alles. Das Gesamtpaket zählt.


* Simulationsberechnungen

Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.

Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.

Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.

Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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