Tour de FranceMehr Nachhaltigkeit, aber viele offene Fragen

Leon Weidner

 · 09.08.2026

Tour de France: Mehr Nachhaltigkeit, aber viele offene FragenFoto: Getty Images/Tim de Waele
Ist das überhaupt noch ein Radrennen? Diese Frage drängt sich schnell auf, wenn man den Tour-Tross einmal mit den eigenen Augen gesehen hat

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Die Tour de France will nachhaltiger werden, doch wie groß ist der tatsächliche Effekt? Ein kritischer Blick auf Fahrzeugflotte, Zuschaueranreise, soziale Projekte und die offene Frage nach den Gesamtemissionen des Tour-Trosses.

Wer schon einmal bei der Tour de France vor Ort war, kennt die Bilder: endlose Fahrzeugkolonnen, Teambusse, Lkw, Motorräder, Begleitfahrzeuge und die Werbekarawane. Auch ich habe das bei der Tour de France der Männer erlebt. Zwar waren vereinzelt Elektrofahrzeuge unterwegs, der prägende Eindruck blieb aber ein anderer: sehr viel Verkehr, sehr viel Logistik und ein enormer organisatorischer Aufwand. Und ganz viele Abgase.

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die Nachhaltigkeitsmaßnahmen, die der Veranstalter A.S.O. für die Tour de France der Männer und Frauen angekündigt hat. Wie wichtig die Nachhaltigkeit dem Veranstalter ist, zeigt sich direkt bei der Recherche. Unter dem Reiter “Riding into the future”, der die Nachhaltigkeit der Tour de France der Männer zeigen soll, gelangt man zu einem Dokument, das sich auf die Tour des vergangenen Jahres bezieht... Immerhin auf der offiziellen Seite der Tour de France der Frauen ist das Dokument aktuell.

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Wo die Tour de France Fortschritte macht

Einige Maßnahmen verdienen dabei aber durchaus Anerkennung. Besonders gilt das für die Anreise der Zuschauerinnen und Zuschauer. Der Veranstalter bewirbt bei beiden Rennen spezielle Bahnangebote, Fahrradparkplätze und Mitfahrplattformen, um den Autoverkehr rund um die Strecke zu reduzieren. Gerade hier dürfte einer der größten Hebel für mehr Nachhaltigkeit liegen. Denn bei einer Veranstaltung, die jedes Jahr Millionen Menschen an die Strecke lockt, verursacht die Anreise des Publikums vermutlich deutlich mehr Emissionen als der gesamte Tour-Tross.

Positiv fallen auch die sozialen Projekte aus. Nach Angaben des Veranstalters wurden seit dem Start des Programms „Riding into the Future“ rund 700.000 Kinder an das Fahrrad als nachhaltiges Verkehrsmittel herangeführt. Darüber hinaus wurden bereits mehr als 7200 Fahrräder und 7300 Laufräder gespendet. Zudem fördert die Initiative „Cycle City“ seit Jahren fahrradfreundliche Kommunen. Insgesamt tragen inzwischen mehr als 200 Städte und Gemeinden dieses Label, auch durch die Tour de France.

Diese Maßnahmen wirken weit über die Rennwochen hinaus. Während viele Nachhaltigkeitsprojekte im Sport oft symbolischen Charakter haben, entsteht hier ein konkreter gesellschaftlicher Nutzen: Kinder lernen Radfahren, sozial schwache Familien erhalten Zugang zu Fahrrädern und Kommunen werden motiviert, den Radverkehr auszubauen.

Die Fahrzeugflotte erzählt nicht die ganze Geschichte

Großen Raum nimmt in der Kommunikation die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten ein. Für die Tour de France 2026 gibt die A.S.O. an, dass 100 Prozent der Organisationsfahrzeuge hybrid oder elektrisch unterwegs sind. Zusätzlich sollen die Lkw des Logistikpartners XPO Logistics vollständig mit Biokraftstoffen fahren. Das klingt zunächst beeindruckend. Allerdings stellt sich die Frage, wie groß dieser Teil des gesamten Tour-Trosses tatsächlich ist. Auch die Erzeugung des Stroms wirft hier Fragen auf, zumal Frankreich eines der Länder ist, die weiterhin auf Atomkraft setzen.

Wer die Tour vor Ort erlebt, sieht nicht nur Organisationsfahrzeuge. Hinzu kommen Teambusse, Servicefahrzeuge, Motorräder, Fahrzeuge der Polizei, Medienfahrzeuge, Sponsorenfahrzeuge und die Werbekarawane. Allein die Karawane der Männer-Tour umfasst 180 Fahrzeuge und mehr als 700 Beteiligte. Die Veranstaltung selbst zieht sich über 3320 Kilometer, 21 Etappen und zahlreiche Regionen.

Natürlich ist jede Elektrifizierung ein Fortschritt. Sie beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage: Wie hoch sind die tatsächlichen Emissionen der gesamten Veranstaltung? Genau diese Zahlen veröffentlicht der Veranstalter bislang nicht.

Abfallsammelzonen - geht’s noch?

Deutlich kritischer fällt der Blick auf einige Maßnahmen aus, die in den Nachhaltigkeitsunterlagen prominent hervorgehoben werden. Dazu gehören die speziellen Abfallsammelzonen entlang der Strecke, auch bekannt als Littering Zone. Bei der Männer-Tour sind 118 dieser Zonen vorgesehen, bei der Frauen-Tour 26. Dort sollen die Profis ihre Trinkflaschen, Verpackungen und sonstige Rennabfälle entsorgen.

Das Problem: Dass Profis ihren Müll nicht einfach in die Natur werfen sollen, ist keine außergewöhnliche Nachhaltigkeitsleistung, sondern eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wer das als eine großartige Leistung bewirbt, macht sich ehrlich gesagt einfach nur lächerlich.

Fazit: Gute Ansätze, aber zu wenig Transparenz

Die Tour de France und die Tour de France Femmes gehen beim Thema Nachhaltigkeit mit einigen Aspekten durchaus voran. Besonders die Förderung einer klimafreundlicheren Zuschaueranreise sowie die Fahrrad- und Bildungsprojekte für Kinder sind Maßnahmen, die über die Rennwochen hinaus Wirkung entfalten.

Weniger überzeugend wirken dagegen einige der präsentierten Kennzahlen. Dass Profis ihren Müll in ausgewiesenen Zonen entsorgen sollen, sollte selbstverständlich sein. Auch die Elektrifizierung der Organisationsfahrzeuge ist zwar positiv, sagt aber nur begrenzt etwas über die Umweltbilanz eines Tour-Trosses mit Hunderten Fahrzeugen aus.

Der entscheidende Punkt bleibt deshalb offen: Wie hoch sind die tatsächlichen Emissionen der Tour? Solange der Veranstalter keine vollständige und nachvollziehbare Klimabilanz veröffentlicht, lässt sich schwer beurteilen, wie groß der reale Nachhaltigkeitseffekt der Maßnahmen tatsächlich ist. Die Richtung stimmt, die Transparenz könnte jedoch deutlich besser sein. Und ein veraltetes Dokument auf der offiziellen Seite der Tour de France lässt tief blicken, wie sehr der A.S.O. die Nachhaltigkeit tatsächlich am Herzen liegt.

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Leon Weidner

Redakteur

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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