Sebastian Lindner
· 24.10.2026
Zeitfahren. Zu den Zeiten von Jan Ullrich und Co., also um die Jahrtausendwende, waren sie die Königsmacher bei der Tour de France. Regelmäßig mussten die Profis zwei Mal allein gegen die Uhr ran, insgesamt um 100 Kilometer, ohne sich verstecken oder ausruhen zu können, standen an der Tagesordnung. Dazu kam meist noch ein mannschaftlicher Wettbewerb - nochmal 60, 70 Kilometer. Tour-Teams wurden nicht zuerst nach der Stärke am Berg, sondern im Zeitfahren zusammengestellt.
Diese Zeiten sind lange vorbei. Denn aus Marketingsicht hatte es wenig für sich, wenn immer wieder die gleichen Kilometer über die TV-Bildschirme flimmerten. Langeweile am Bildschirm. Die Ästhetik, die manch ein Profi auf dem Zeitfahrrad entwickelte - nur etwas für echte Nerds. So oder so ähnlich lautete bis vor Kurzem noch die Argumentation von Tour-Veranstalter A.S.O., wenn die Frage nach der schwindenden Bedeutung des Kampfes gegen die Uhr aufkam.
Bis zur Präsentation der Strecke für 2027. 71 überwiegend flache Kilometer gegen die Uhr, verteilt auf zwei Etappen, stehen bei der 114. Austragung der Frankreichrundfahrt auf dem Papier. So viele wie seit 2012 nicht mehr, als es auch noch fast 100 waren. Schuld daran, so erklärte es Tour-Direktor Christian Prudhomme nun, sind vor allem die Briten gewesen. Bradley Wiggins, Chris Froome, Geraint Thomas. Und auch Tadej Pogacar. “In der jüngeren Vergangenheit waren die besten Kletterer auch die Fahrer, die in den Zeitfahren ihren Kontrahenten Zeit abnahmen”, sagte Prudhomme. “Es hätte keinen Sinn gemacht, die Distanz der Zeitfahren zu verlängern, da es ohnehin immer dieselben Fahrer waren (die dort Erfolge feierten).”
Alles also im Sinne der Spannung, denn sonst wären die Tour-Siege noch deutlicher über den Tisch gegangen. Doch mittlerweile sieht die Sache anders aus. “Wir haben wieder andere Fahrertypen”, so der Franzose. “Ich denke da an Remco Evenepoel. Er ist der beste Zeitfahrer, aber verliert vielleicht Zeit am Berg. Unser Ansatz ist es, alles auszugleichen. Wir wollen wie die Fans einen möglichst langen Kampf um das Gelbe Trikot sehen.” Allerdings sagte Prudhomme auch: “Es geht nicht um einen bestimmten Fahrer.”
Der Widerspruch darin ist unschwer zu erkennen. Wenn der Spannungsfaktor der entscheidende Punkt für mehr Zeitfahren ist, kann es nur um Evenpoel gehen. Weder Jonas Vingegaard noch Paul Seixas, Florian Lipowitz, Juan Ayuso, Isaac Del Toro oder irgendein anderer potenzieller Podiumskandidat sind ansonsten dazu in der Lage, Tadej Pogačar Zeit (in relevanten Größenordnungen) gegen die Uhr abzunehmen. Das kann aus dem Kreis der Klassementfahrer nur Evenepoel.
Selbst dann, wenn man den Spieß umdreht, die Strecke nicht für einen speziellen Profi designt wurde, sondern gegen einen, kommt nur ein Name in Frage. Dann ist es eben der des fünfmaligen Gesamtsiegers, dem ein möglicher sechster Erfolg so erschwert werden soll.
So oder so: Für das Ziel, die Tour nicht schon nach der ersten Woche zu entscheiden, möglichst lange offenzuhalten, vielleicht sogar mal wieder einen anderen Sieger zu ermöglichen, hat die A.S.O. mit der 2027er Strecke auf jeden Fall eine Basis geschaffen. Allein in den Höhenmetern drückt sich das zwar nicht aus. Auf dem Papier sind die veranschlagten knapp 53.500 sogar etwas mehr als im Vorjahr.
Die verteilen sich jedoch anders als zuletzt. Viele wellige Etappen. Und vor allem: Viele Höhenmeter vor den Finals der Etappen. Echte Bergankünfte sind selten. In den Alpen ist es nur die 9. Etappe mit Finale am Grand Colombier, mit Abstrichen die in 11. in Les Saisies. In den Pyrenäen kommt nur noch die 18. am Col du Portet, dem höchsten Punkt dieser Ausgabe auf 2215 Metern hinzu. Der Tourmalet, der ebenfalls auf diesem Teilstück wartet und es mit 5400 Höhenmetern zur unumstrittenen Königsetappe macht, ist die einzige echte Legende im Programm.
Viel Zeitfahren, weniger (finale) Berge, vielleicht eine der leichtesten Rundfahrten durch Frankreich der jüngeren Geschichte - das alles spricht für Evenepoel. Wie Pogačar hat er sich persönlich noch nicht zur Strecke geäußert, dürfte den Parcours aber mit Wohlwollen wahrnehmen. Genau wie sein Team.
“Insgesamt ist es eine Strecke, die unseren Stärken entgegenkommt und uns allen Grund gibt, das Gelbe Trikot anzustreben”, sagte Zak Dempster, Chief of Sports bei Red Bull - BORA - hansgrohe durchaus offensiv in einem Statement des deutschen WorldTeams. “Das lange Einzelzeitfahren am Ende der ersten Woche bietet uns eine großartige Gelegenheit, schon früh ein Zeichen zu setzen. Das könnte im Hinblick auf die Alpen in der zweiten Woche entscheidend sein. Das zweite Einzelzeitfahren ist ein weiterer Höhepunkt dieser Strecke. Wir begrüßen die Rückkehr zu mehr Kilometern im Einzelzeitfahren, da dies dem Rennen eine weitere Dimension verleiht und den Kampf um das Gelbe Trikot noch offener und spannender macht”, erläuterte er.
War es nicht ohnehin bereits der Fall, dürfte spätestens seit dem 22. Oktober Evenepoels mit Abstand größtes Ziel für das kommende Jahr klar sein. Denn: Wahrscheinlich wird seine Chance auf den Tour-Sieg nie größer sein. Ob die A.S.O. auch nach 2027 weiter auf die eigentlich als unattraktiv abgestempelten Zeitfahren setzt, ist fraglich, dürfte auch vom Erfolg der anstehenden abhängen. Zudem wird die junge Konkurrenz mit Seixas und Del Toro jedes Jahr stärker.
Ein Selbstläufer wird die Tour 2027 freilich aber nicht für Evenepoel. Denn auch wenn die Strecke vielleicht nicht gerade für Pogačar gemacht ist, bedeutet das noch lange nicht, dass ihm dazu keine passende Antwort einfällt. Gut möglich, dass dem Slowenen ein verschmitztes Lächeln übers Gesicht huschte, als er die Streckenpräsentation verfolgt hat. Nach dem Motto: “Ihr wollt mich herausfordern? Das könnt ihr haben.” Der 28-Jährige wächst mit seinen Aufgaben, das haben die Flandern-Rundfahrt oder Mailand-Sanremo in den vergangenen Jahren gezeigt. Bei weitem kein klassisches Pogačar-Terrain. Und doch hat er sich dort gegen die stärkste Konkurrenz durchgesetzt.
Pogačar braucht keine endlosen Berge oder steile Rampen, um den Unterschied zu machen - sie machen es ihm nur leichter. Und es ist ja auch nicht so, dass es sie im Laufe der Tour gar nicht geben würde. Nur eben etwas weiter weg vom Ziel. Dann wird es Zeit für “Solo-Pogi” und einen 90-Kilometer-Ritt im Zentralmassiv auf der 14. Etappe, vom Col de la Lusette bis nach Mende. Oder schon auf dem zehnten Teilstück. Da fährt die Tour auf Teilen der Strecke der Weltmeisterschaften, die ein paar Wochen später rund um Sallanches ausgetragen wird. Kleine Kostprobe am WM-Berg, der Côte de Domancy mit 9,4 Prozent auf 2500 Metern? Warum nicht. Ganz davon abgesehen ist es ebenso möglich, dass Pogačar auch im Zeitfahren noch zulegen kann, wenn er dazu gezwungen wird, seinen Trainingsschwerpunkt darauf zu verlegen.
Ein historischer sechster Tour-Sieg für Tadej Pogačar ist alles andere als ausgeschlossen und wahrscheinlich immer noch der heißeste Tipp. Zuletzt hatte sogar Ralph Denk, CEO von Red Bull - BORA - hansgrohe, in einer Medienrunde gesagt: “Wenn bei ihm alles super läuft, ist es aktuell nicht möglich, ihn im Kopf-an-Kopf-Duell zu besiegen.” Gleichwohl könnte die Tour spannend werden wie lange nicht.
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