Tour de France 2022Die Berge der Entscheidung

Andreas Kublik

 · 24.10.2022

Tour de France 2022: Die Berge der EntscheidungFoto: Gruber Images

Besuch bei den zwei härtesten Etappen der Tour de France mit Col du Galibier, Col du Granon und Alpe d’Huez - superschwere Bergstraßen, die für die Radprofis ein Bad in der Menge und für die Fans gute Unterhaltung, packenden Radsport bieten und sogar die Vorentscheidung bei dieser Tour.

Es wird angerichtet. Robi Kolar und sein Kumpel Ante stehen in der späten Abend­sonne weit oben auf der Passstraße zum Col du Granon, tauchen ihre Malerrollen in einen Eimer mit weißer Farbe und malen akribisch Buchstaben auf den Asphalt. Langsam werden daraus die Wörter “Moho”, “Luka”, “Pogi” - die Kurzformen der Namen der slowenischen Radprofis Matej Mohorič, Luka Mezgec, Tadej Pogačar. Danach machen sich die beiden Slowenen aus der Nähe von Celje noch an eine gemalte Aufmunterung an Primož Roglič: “Er ist der Beste”, sagt Robi. Und auch den eher unauffälligen Helfer Jan Tratnik vergessen sie bei der Straßenmalerei nicht. Alle fünf slowenischen Radprofis bei dieser Tour de France bekommen ihre Aufmerksamkeit.

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Treffpunkt für sportlichste Fans der Tour de France

Noch sind es 48 Stunden, bis hier der Kampf ums Gelbe Trikot der Tour de France gipfeln soll. Aber die slowenischen Fans mussten früh dran sein, wenn sie ihren Farbeimer nicht zu Fuß auf den Berg schleppen wollten: Wer die Radprofis direkt an der Bergstraße anfeuern wollte, der musste zu Fuß oder mit dem Fahrrad heraufkommen - Naturschutz, so begründete die Départementverwaltung das Kfz-Verbot. So wird der 2413 Meter hohen Granon zum Treffpunkt der sportlichsten Radsport-Fans. Nicht alle wissen, was der Anstieg ihnen abverlangt, für viele ist es nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Alpe d’Huez, dem Etappenziel einen Tag später.

Tadej Pogacar attackiert, Jonas Vingegaard und Fans folgen hinauf nach Alpe ´HuezFoto: Getty Velo
Tadej Pogacar attackiert, Jonas Vingegaard und Fans folgen hinauf nach Alpe ´Huez

Und so ist das auch bei den slowenischen Fans. “Ist der Berg steiler als Alpe d’Huez?”, fragen sie einen Radfahrer, der gerade vom Granon-Pass herunterkommt. Ist er. 11,3 Kilometer geht es mit 9,2 Prozent durchschnittlicher Steigung bergauf, mit Spitzen von 15 Prozent - steiler als der Galibier (6,9 Prozent von Norden) oder Alpe d’Huez, wo es 13,8 Kilometer mit 8,1 Prozent bergauf geht. “Er erinnert an einen Pyrenäenanstieg: steil, rauer Asphalt”, sagt der deutsche Radprofi Maximilian Schachmann über den Granon, “ein schöner, aber extrem schwerer Berg.”

Und wer in die Geschichtsbücher der Tour de France geguckt hätte, der hätte gewusst, dass der Granon ein Scharfrichter für die Anwärter auf den Gesamtsieg sein kann. Er hat das schon bewiesen, aber das ist lange her. 1986 nahm hier Greg LeMond seinem Teamkollegen Bernard Hinault das Gelbe Trikot ab, distanzierte ihn deutlich - auf dem Weg zum ersten Tour-Sieg eines US-Amerikaners.

Das ist ein echter Einbruch!

Die Entscheidung bei der Tour de France naht

Und auch in diesem Jahr werden die Fans, die den Granon aus eigener Kraft hinaufgeklettert sind, am Tag der 11. Etappe der Tour de France Augenzeugen eines sportlichen Umsturzes. Die knatternde Stimme aus den Lautsprechern entlang der Strecke verkündet auf Französisch: “Das ist ein echter Einbruch!” Überall stehen Grüppchen slowenischer Fans, die jetzt schweigen und mit großen Augen auf die kleinen Displays ihrer Smartphones gucken, auf denen die Live-Übertragung läuft - und zeigt, was ein paar Kilometer bergab gerade passiert. Ausgerechnet ihre Lieblinge schwächeln. Vor einem Jahr hatte Tadej Pogačar die Tour de France beinahe nach Belieben dominiert, und die Frage nach einem Konkurrenten, der ihn schlagen könne, schien eher rhetorischer Natur.

Doch als Jonas Vingegaard fünf Kilometer vor der Ziellinie antritt und bergwärts sprintet, kann der 23-jährige Slowene erstmals bei der Tour nicht folgen. Er bleibt im Sattel, kämpft, wirkt am Limit seiner Kräfte. Ein Konkurrent nach dem anderen zieht vorbei - und die Fans sehen kurz darauf in den angestrengten Gesichtern und den schweren Tritten der weltbesten Radprofis, was die bis dato schwerste Etappe der Tour de France des Jahres - 151 Kilometer mit mehr als 4000 Höhenmetern - angerichtet hat: Erst stürmt Vingegaard vorbei an den Steinhütten der Gebirgsjäger-Kaserne knapp unterhalb der Passhöhe, gefolgt von Nairo Quintana, Romain Bardet, Geraint Thomas - alle einzeln.

Fast drei Minuten warten die Fans und Beobachter am Gipfel der Pass­straße auf den Mann, der sich mit weit aufgerissenem Gelben Trikot und stampfendem Tritt durch das Zuschauerspalier kämpft: Pogačar. Und auf ihren zweiten Liebling bei dieser Tour de France müssen die slowenischen Fans noch länger warten. Primož Roglič, der Tour-Zweite des Jahres 2020, hatte sich an diesem Tag ganz in den Dienst seines Teamkollegen Vingegaard gestellt, alle Kraft früh auf der Etappe eingesetzt und im Gegenzug die eigenen Ambitionen im Gesamtklassement fahren lassen.

Vorglühen am Galibier

Am Galibier, lange vor dem erwarteten Showdown am Granon, hatten die beiden Anführer des Teams Jumbo-Visma abwechselnd Poga­čar mit einer Serie von Bergsprints attackiert, nachdem man den Träger des Gelben Trikots der Tour de France von seinen Helfern isoliert hatte. Zunächst ohne sichtbaren Erfolg. Fans am Granon sollen ein entscheidendes Fundstück entdeckt haben, heißt es später: Dort lag ein Verpflegungsbeutel des Rennstalls UAE Team Emirates, den Pogačar weggeworfen haben soll - dem Vernehmen nach noch fast komplett gefüllt.

Ja, ich hatte nicht genug im Tank”, räumte “Pogi” auf Nachfrage ein und gestand auch, dass ihn letztlich die taktische Zwickmühle seiner Rivalen in Schwarz-Gelb zermürbt hatte. “Ich habe auf viele Attacken am Galibier reagiert, da habe ich viel Energie verbraucht”, betonte er. Zehn Bergsprints habe er bei der Verfolgung hinlegen müssen - während sich seine beiden Herausforderer die Sprints geteilt hätten, so erinnert er sich.

Fans bemalen die Straße auf den GranonFoto: Andreas Kublik
Fans bemalen die Straße auf den Granon

Am Granon waren dann die Folgen dieses Hors d’Oeuvre zu bestaunen. “Ich war überrascht. Es ist ungewöhnlich, dass so früh attackiert wird”, räumte Schachmann als Augenzeuge ein, der früh vom Höllentempo der Favoriten überrollt wurde. “Das ist eine andere Sportart”, befand der deutsche Sprinthelfer Alexander Krieger (Team Alpecin-Deceuninck), nachdem er sich abends in der TV-­Zusammenfassung angesehen hatte, was da an der Spitze des Rennens abgegangen war - und was die Fans hautnah erlebt hatten.

Doch es war nur der erste Akt des frühen Kulminationspunktes dieser Tour de France - den die Streckenplaner diesmal schon auf halber Strecke in den Alpen platziert hatten. Vier der fünf höchsten Bergpassagen der Tour waren in etwas mehr als 24 Stunden zusammengepackt. Vorhang auf für den zweiten Akt, für den ein paar Kilometer weiter an einer anderen Berg­straße an der Kulisse gearbeitet wird, von Svein Bergheim zum Beispiel. Er hat sein Wohnmobil wie fast jedes Jahr in Kehre fünf des Anstiegs nach Alpe d’Huez rückwärts in die Wiese gesetzt. Bei der Tour kennen alle den 60-jährigen Norweger nur als den “Wi­kinger”. Er trägt trotz brütender Hitze einen weißen Overall mit unzähligen norwegischen Flaggen darauf und einem Fellhelm mit zwei Hörnern.

Die Fans treiben Jonas Vingegaard zum EtappensiegFoto: Getty Velo
Die Fans treiben Jonas Vingegaard zum Etappensieg

Revanche in der Party-Zone?

Noch dauert es, bis Vingegaard, Pogačar & Co an diesem Tag vorbeikommen, aber die Stimmung ist schon ausgelassen, knapp fünf Kilometer unterhalb des Etappenziels in Alpe d’Huez. Immer wieder verschwindet Berg­heim hinter dem Camper und kippt aus einem Kanister Treibstoff in ein Dieselaggregat. Wenn der Granon der Berg für die sportlichen Fans dieser Tour de France ist, dann ist Alpe d’Huez die Party­zone, das Reiseziel für den feierwütigen Teil unter den Tour-Followern.

Und der Wikinger ist dafür verantwortlich, dass die Party läuft, die Musikanlage Strom bekommt - und dass Kehre fünf mittlerweile Norweger-Kurve genannt wird - in einem Atemzug mit der Holländer-Kurve, zwei Kehren weiter unten im Tal: Wummernde Bässe und bekannte Gassenhauer treiben die ausgelassene Stimmung an, es geht zu wie in einer Disco. Mittlerweile ist die Stimmungsmache Erbsache, Vater Svein sorgt für Strom, der 18-jährige Spross Magnus legt als DJ auf. Das Radrennen ist hier Nebensache - es wird geschwoft, gelallt, geherzt. Stundenlang, in der glühenden Juli-Sonne.

Showdown!

Ein paar Hundert Meter bergab, im gerade sehr stillen Zentrum des Bergdörfchens Huez, um das sich die berühmte Rennstrecke der Tour-Etappe in weiten Schleifen hinauf in die Skistation Alpe d’Huez schlängelt, läuft in der Dorfkneipe einer der wenigen Fernseher: Dort sitzt ein Dutzend Radsport-Fans aus Deutschland, Frankreich und dem Rest der Welt und schaut auf das Radrennen, sieht wie der britische Mountainbike-Olympiasieger Tom Pidcock mit halsbrecherischen Abfahrten, bei denen er die Marke von Tempo 100 durchbricht, den Mitausreißern über die Pässe Galibier und Croix-de-Fer Beine macht. Dann drängt man auch hier ins Freie, raus an den Ortsrand, um den Radprofis beim Showdown in die Augen zu schauen.

Oberhalb der Norweger-Kurve steht Gaber aus Slowenien, der mit seinem Sohn zum ersten Mal zur Tour gekommen ist. Er staunt, was in Frankreich im Juli an einer Berg­straße bei sengender Hitze los ist. “Es ist verrückt. Ich ­hätte das nicht erwartet: so viele Leute, dieses Entertainment. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele Radsportler auf der Welt gibt.” Dabei bleibt im Schleier aus Discolärm und Alkoholfahnen ungewiss, wie viele der Zigtausenden Fans, die seit dem Morgen jedes vorbeikommende Auto bejubeln und auf Motorhauben, Autodächer und Seitenscheiben trommeln, wirklich des Radsports wegen hier sind - oder einfach zu einer großen Party gekommen sind, durch die zufällig ein buntes Peloton aus Radprofis pflügt. Aber der Irrsinn ist hier Programm und schafft eine Win-Win-Situation. Es ist der Berg, von dem John Degenkolb sagt:

Das ist der einzige Berg, den man auch als Nicht-Bergfahrer gerne hochfährt. Die Atmosphäre trägt einen nach oben.
Gaber aus Slowenien ist wie sein Sohn von der Stimmung angetanFoto: Andreas Kublik
Gaber aus Slowenien ist wie sein Sohn von der Stimmung angetan

Bis zur Erschöpfung

Doch dann wird es ernst - die Gendarmen bilden einen Kordon, der das Menschenmeer teilt: Tom Pidcock prescht mit suchendem Blick durch die Norweger-Kurve - der 22-jährige Ineos-Profi rast zu seinem größten Erfolg bergwärts. “Das war eine meiner besten Erfahrungen - wenn man Slalom durch die Menschen fährt! Das kann man nirgendwo anders erleben! Das gibt es nur in Alpe d’Huez, bei der Tour de France!”, sagt er im Ziel. Gut drei Minuten zurück bahnen sich das Gelbe und das Weiße Trikot ihren Weg durch die bunte Menschenmasse: Ein paar Pedaltritte hinter der Norweger-Kurve tritt Pogačar an, wenig später noch einmal.

Tom Pidcock nutzte die Abfahrt vom Galibier für die entscheidende Attacke zum Etappensieg in Alpe d´HuezFoto: Getty Velo
Tom Pidcock nutzte die Abfahrt vom Galibier für die entscheidende Attacke zum Etappensieg in Alpe d´Huez

Kampf gegen das Zeitlimit bei der Tour de France

Doch wie eine Klette hängt Vingegaard an seinem Hinterrad. Gemeinsam erreichen sie das Ziel - die Revanche bleibt aus. Eine gute halbe Stunde später bahnt sich der Besenwagen den Weg und treibt Fabio Jakobsen vor sich her. Der Mann, der im Flachen der Schnellste ist, kämpft an diesem Tag gegen das Zeitlimit.

Der Jubel für ihn ist kaum leiser als der für die Schnellsten. Gefeiert werden hier alle - hier feiern alle. Der Wikinger und sein Sohn sitzen längst erschöpft in ihren Campingstühlen - auch sie haben heute eine Tour-Etappe bestritten. Heute haben alle alles gegeben - auf dem Rad oder am Streckenrand. Der Tour-Tross zieht weiter. Zur nächsten Party.