Sebastian Lindner
· 25.07.2026
Lange hatte sich Carapaz mit Sepp Kuss (Visma | Lease a Bike) um den Tagessieg duelliert. Die beiden waren die letzten Überbleibsel einer Ausreißergruppe. Der US-Amerikaner ging dabei sogar mit 20 Sekunden Vorsprung über den Col de Sarenne auf die letzten 15 Kilometer der Etappe, stürzte in einer Abfahrt aber zwei Mal. Carapaz zog vorbei und sicherte sich den zweiten Etappensieg bei dieser Rundfahrt, nachdem er bereits zwei Tage zuvor die Bergankunft in Orcières-Merlette für sich entschieden hatte und auch die 19. Etappe nur neun Sekunden hinter Tadej Pogacar (UAE Team Emirates - XRG) als Dritter beendet hatte.
Der Mann in Gelb gab seine Chancen auf den nächsten Tagessieg indes freiwillig weg, weil er im Finale bei seine Teamkollegen Isaac Del Toro blieb und den 22-Jährigen bis zur Ziellinie begleitete. Das mehr möglich gewesen wäre, bewies Evenepoel lange in der Pogacar-Gruppe unterwegs war und erst in Alpe d’Huez zur Attacke ansetzte und so zumindest noch Kuss 200 Meter vor dem Ziel abfing. Auf Carapaz fehlten ihm 26 Sekunden.
Auf die Gesamtwertung hatte die in Le Bourg d’Oisans gestartete Etappe mit 5450 Höhenmetern, die Tour-Chef Christian Prudhomme als schwierigste der modernen Tour-Geschichte bezeichnete, nicht mehr. Pogacar, der 1:05 Minuten hinter Carapaz ins Ziel kam, verteidigte Gelb mit fast sechseinhalb Minuten Vorsprung auf Evenepoel. Dritter und damit im Weißen Trikot bleibt Del Toro. Sein ärgster Rivale Paul Seixas (Decathlon CMA CGM) musste am vorletzten Tag der Rundfahrt Federn lassen und verlor knapp zwei Minuten auf seinen Rivalen, verteidigte aber Platz vier in der Gesamtwertung vor Lenny Martinez (Bahrain - Victorious) und dem Lidl-Trek-Duo Mattias Skjelmose und Juan Ayuso.
Auf Rang acht folgt Carapaz, der unterwegs auch die Entscheidung im Kampf um das Bergtrikot herbeiführte. Sein großer Rivale Valentin Paret-Peintre (Soudal Quick-Step) musste früh auf der Etappe die Segel streichen, auch Pogacar hielt der Etappensieger auf Distanz.
“Ich denke, ich habe mir das Bergtrikot heute verdient”, sagte Carapaz nach seinem Sieg. “Ich habe die letzten Kilometer nach Alpe d’Huez hinauf sehr gelitten, am Ende ist es aber sehr schön hier zu gewinnen”, so der 33-Jährige. “Es war eine wunderbare Tour für mich. In Barcelona hätte ich nicht gedacht, dass wir um das Gesamtklassement mitkämpfen würden. Aber wir haben es geschafft, das Trikot geholt und ein paar Etappen gewonnen.”
Im Kampf um die Punktewertung machte derweil auch Mads Pedersen (Lidl - Trek) alles klar. Der Däne muss die Schlussetappe nur noch beenden, um Grün mit nach Hause zu nehmen.
| RG | Fahrer | Zeit |
|---|---|---|
| 1 | EF Education - EasyPost | 04:59:39 |
| 2 | Red Bull - BORA - hansgrohe | +000:00:26 |
| 3 | Team Visma | Lease a Bike | +000:00:31 |
| 4 | UAE Team Emirates - XRG | +000:01:05 |
| 5 | UAE Team Emirates - XRG | +000:01:05 |
| 6 | Bahrain - Victorious | +000:01:07 |
Ohne großen Widerstand löste sich kurz nach dem Start eine sechsköpfige Spitzengruppe aus dem Feld. Georg Steinhauser (EF Education - EasyPost), Warren Barguil (Team Picnic PostNL), Jonas Abrahamsen (Uno-X Mobility), Baptiste Veistroffer (Lotto Intermarché), Xabier Mikel Azparren (Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team) und Joris Delbove (TotalEnergies) konnten sich noch vor Beginn des Anstiegs zum Col de la Croix de Fer (HC) 70 Sekunden Vorsprung herausfahren.
Allerdings fuhr noch vor der Hälfte des Anstiegs eine erste Verfolgergruppe aus dem komplett gesprengten Hauptfeld nach vorn. Die beiden Kontrahenten um das Bergtrikot, Carapaz und Paret-Peintre, waren dabei, auch die komplette Kletterfraktion von Visma | Lease a Bike und Ayuso. 3,5 Kilometer vor dem Gipfel hatte die Spitze mit 14 Fahrern eine Minute Vorsprung auf die Gruppe um die Klassementfavoriten.
An dem Punkt 3,5 Kilometer vor dem Gipfel, attackierte Carapaz. Dem Ecuadorianer ging es um die Bergpunkte. Da er im Sprint immer gegen Paret-Peintre den Kürzeren zog, ging er dieses Mal den langen Weg, der ihn auch zum Erfolg führte. In der langen Abfahrt ließen es die beiden dann ruhig angehen, sodass die Verfolger wieder aufschließen konnten. Zu denen zählte nun auch Pedersen, der zwischenzeitlich schon aus der Gruppe um Gelb abgehangen, noch bergauf dort wieder heran- und vorbeifuhr und dann vorne andockte.
Unten im Tal angekommen, sicherte sich kurz hinter Saint-Jean-de-Maurienne Pedersen die angestrebten Punkte im Sprint, die ihm rechnerisch das Grüne Trikot sicherten. Danach ging es aber gleich wieder nach oben. Der Col du Télégraphe (1. Kategorie) kündigte sich an. Dort ließ sich nicht nur Pedersen zurückfallen. Auch Paret-Peintre konnte nicht mehr folgen, was Carapaz in die optimale Ausgangsposition für den Kampf um das Bergtrikot bringen. Die Favoritengruppe war eingangs des Anstiegs vier Minuten zurück.
Oben am Télégraphe machte keiner Carapaz die Punkte streitig. Nach kurzer Abfahrt ging es dann in den Col du Galibier (HC). 4,5 Kilometer vor dem Gipfel machte Carapaz erneut Ernst und sortierte die Spitzengruppe aus. Nur Kuss, Jai Hindley (Red Bull - BORA - hansgrohe) und Matthew Riccitello (Decathlon CMA CGM) konnten mitfahren. Oben auf dem Gipfel sicherte sich Carapaz wieder die Punkte - und das Souvenir Henri Desgrange.
Derweil hatte die Favoritengruppe fünfeinhalb Minuten Rückstand, als Pogacar die Führung der Gruppe übernahm und sie damit sprengte. Nur Evenepoel, Seixas, Martinez und Del Toro konnten mitgehen.
Während Riccitello in der Abfahrt den Anschluss an die Spitze verlor, schaffte Ayuso die Rückkehr. In den Col de Sarenne (HC) nahm die Gruppe auf Pogacar knapp vier Minuten mit. Bei noch 27 zu fahrenden Kilometern ging es dann wieder berghoch. Zehn Kilometer vor der Passhöhe attackierte Hindley, der Vorsprung auf die Favoritengruppe war da schon auf 2:30 Minuten geschrumpft. Kuss, der mitging, setzte sich dann auch vom Australier ab, der seinerseits aber Gesellschaft von Carapaz bekam.
Hinten fuhr seit 30 Kilometern immer nur Pogacar an der Spitze, der schließlich aber an Decathlon übergab. Und die Franzosen nahmen wieder Sekunden weg vom Vorsprung der Spitze, die nun wieder ein Trio war, da Hindley und Carapaz fünf Kilometer vor dem Gipfel wieder zu Kuss gefahren waren. Der US-Amerikaner legte dann aber noch einen Zahn zu und fuhr sich wieder ein paar Sekunden heraus.
Dahinter übernahm dann Del Toro das Tempo. Seixas konnte der Tempoverschärfung nicht mehr folgen, alle anderen bleiben dran.
Kuss kam gut 14 Kilometer vor dem Ziel mit 20 Sekunden vor Carapaz an der Bergwertung an, die Gruppe um Gelb kam zwei Minuten später. Während es zwischen Kuss und Carapaz bis ins Ziel eng blieb, konnte die Gruppe dahinter nicht mehr aufschließen.
Auf der letzten Abfahrt - kurz, bevor die Strecke auf die Originalstrecke nach Alpe d’Huez drei Kehren vor dem Ende einbog - stürzte Kuss zwei Mal. Beim zweiten Mal rettete ein Fangnetz sein Leben. Carapaz flog vorbei und ging mit ein paar Sekunden Vorsprung auf die letzten Kilometer bergauf ins Ziel.
Drei Kilometer vor dem Ziel ließ Evenepoel dann Pogacar und Del Toro stehen, wobei der Slowene auf den Mexikaner wartete. Kuss konnte Evenepoel noch einholen, aber Carapaz bekam er nicht mehr.
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