Tour-Direktorin Rousse im Interview“Ich weiß, wovon ich spreche”

Joscha Weber

 · 23.07.2022

Tour-Direktorin Rousse im Interview: “Ich weiß, wovon ich spreche”Foto: Philipp Hympendahl

Die Tour de France der Frauen ist zurück. Marion Rousse, die Direktorin des neuen Rennens, kennt den Radsport aus nahezu allen Perspektiven: als Fahrerin, Kommentatorin, Rennleiterin - und als Frau von Weltmeister Julian Alaphilippe. Im TOUR-Interview steht sie Rede und Antwort.

TOUR: Die Tour de France Femmes avec Zwift feiert Premiere. Aber ist es nicht eher ein Comeback?

Marion Rousse: Ein bisschen von beidem. Es stimmt, dass es in den 80er-Jahren bereits eine Tour de France féminin gab, einen Vorläufer dieses Rennens. Für mich ist die Tour de France Femmes dennoch eine Neuheit - schon deshalb, weil ich die Tour de France féminin gar nicht erlebt habe, da war ich noch zu jung. Außerdem ist diese Tour etwas anderes: eine richtige Tour de France, wie die der Männer. Wir (die Tour-Organisation ASO, Anm. d. Red.) sehen beide Rennen auf einer Stufe, das war mir sehr wichtig, als ich diesen Job übernommen habe.

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Tour de France der Frauen 2022

TOUR: Wie kam es dazu?

Rousse: Christian Prudhomme (Direktor der Tour de France der Männer, Anm. d. Red.) rief mich an und schlug mir den Posten der Tour-Direktorin vor. Ich empfand großen Stolz und wollte zugleich wissen, was er sich von diesem Projekt erhofft. Ich habe schnell erkannt, dass alle im Team die Idee der Gleichberechtigung unterstützen. Die Tour der Frauen ist kein Anhängsel der Männer-Tour, sie wird ein großes Event.

Marion Rousse und Christian Prudhomme bei der Strecken-Vorstellung im Oktober 2021Foto: Getty Velo
Marion Rousse und Christian Prudhomme bei der Strecken-Vorstellung im Oktober 2021

Dieses Rennen zu leiten, ist mir eine große Ehre. Ich war selbst Rennfahrerin, und Radsport hat mich immer begleitet. Schon als ich klein war, stand ich am Streckenrand der Tour de France und habe den Fahrern zugeschaut. Am Fernseher habe ich nicht eine Etappe verpasst. Jetzt können sich junge Mädchen wie ich damals endlich auch mit weiblichen Champions identifizieren, ihnen am Streckenrand zujubeln. Durch die Tour de France der Frauen wird es normaler werden, ein Mädchen auf dem Rennrad zu sehen. Zu meiner Zeit war es das leider nicht.

Rousse jobbte neben dem Sport

TOUR: Was hat sich seitdem geändert?

Rousse: Viel! Zum Beispiel die finanziellen Rahmenbedingungen. Ich habe mit dem Profiradsport aufgehört, weil ich Geld verdienen musste. In meinem Team gab es kein Gehalt, also musste ich mir einen Job suchen. Und das bedeutete: doppelte Arbeit. Morgens habe ich in der Stadtverwaltung gearbeitet, nachmittags trainiert. Zu meiner Zeit gab es nur wenige Frauen, die wirklich gut vom Radsport leben konnten.

Währenddessen sahen wir, was die Männer verdienten und dass sie sich voll auf den Sport konzentrieren konnten. Sie hatten voll ausgestattete Teambusse, wir sind mit einer Klapperkiste zum Rennen gefahren. Da hat sich viel geändert. Seit der Einführung des Mindestlohns im Frauen-Radsport durch die UCI hat sich diese Kluft verkleinert. Und die Rennkurse sind viel attraktiver geworden. Wir sind noch nicht am Ziel mit dem Frauen­-Radsport, aber wir haben uns auf den Weg gemacht.

Ich denke, dass die Tour noch viel mehr Menschen zeigen wird, dass auch Frauen auf dem Rad super Leistungen vollbringen können.

TOUR: Mit der Tour de France féminin, la Grande Boucle Féminine Internationale, der Route de France féminine und La Course hatte die Tour de France Femmes viele Vorgänger, die alle nicht von Dauer waren. Ist die neue Tour nachhaltig?

Rousse: Wir hoffen, dass es die Tour de France Femmes noch in 100 Jahren geben wird. Das Schlimmste wäre für mich, wenn wir in drei Jahren feststellen, dass wir gescheitert sind. Aber ich bin sehr zuversichtlich. Wir kommen zum richtigen Zeitpunkt: Der Frauen-Radsport hat sich entwickelt, sportlich steht er dem der Männer in nichts nach. Und ich glaube, die Menschen sind nun bereit dafür. Das sieht man auch am Streckenrand, zum Beispiel bei Paris-Roubaix.

Lizzie Deignan gewann 2021 bei Paris-RoubaixFoto: Getty Velo
Lizzie Deignan gewann 2021 bei Paris-Roubaix

Die Leute haben Lust, Radrennen zu sehen, egal ob dort Männer oder Frauen fahren. Ich denke, dass die Tour noch viel mehr Menschen zeigen wird, dass auch Frauen auf dem Rad super Leistungen vollbringen können. Ich hoffe zudem, dass auch Menschen auf uns aufmerksam werden, die unseren Sport noch gar nicht kennen und dass dies wiederum neue Sponsoren anzieht.

Rousse arbeitet als TV-Kommentatorin

TOUR: Bevor Sie diesen Job übernahmen, waren Sie stellvertretende Renndirektorin der Tour de la Provence, TV-Kommentatorin für Eurosport und France Télévisions und natürlich Rennfahrerin. Welche dieser Erfahrungen war hilfreich für Ihre neue Aufgabe?

Rousse: Alle. Zum Beispiel hat mir meine Arbeit für die Medien geholfen, das Wort zu ergreifen - und auch im Umgang mit Journalisten. Durch meine Profikarriere kann ich mich gut in die Rennfahrerinnen hineinversetzen, und ich weiß, worauf es ihnen ankommt. Und natürlich war es sehr hilfreich, ein Rennen zu leiten. Das ist eine enorme Aufgabe. Man muss sich viel abstimmen mit Behörden, Städten und Regionen.

Rousse meldete sich heimlich im Radverein an

TOUR: Mit sechs Jahren haben Sie mit dem Radsport begonnen und diese Welt seitdem nicht verlassen. Kann man sagen, dass der Radsport Ihr Leben ist?

Rousse: Er ist in meiner DNA. Der Radsport ist und bleibt mein Leben. Als ich anfing, war die erste Reaktion meines Vaters: “Nein, dieser Sport ist zu hart. Ein Mädchen auf dem Rennrad, das geht nicht, das ist zu schwer für dich.” Das wollte ich nicht hören. Ich hatte damals schon einen starken Willen und habe mich einfach heimlich bei einem Radverein angemeldet. Irgendwann habe ich meinen Vater überzeugt, und er wurde mein erster Trainer und Unterstützer. Er war sehr stolz auf mich. Und ich hatte, was ich wollte.

TOUR: Der Frauen-Radsport boomt: Man sieht immer mehr Frauen auf Rennrädern, es gibt mehr Rennen für Frauen, und manche Sponsoren unterstützen inzwischen sogar bevorzugt Frauenteams, weil es mehr Wachstumschancen gebe. Erlebt der weibliche Radsport gerade eine historische Chance?

Rousse: Ja, in der Tat. Ich denke, dass die Tour das noch einmal verstärken wird. Wir wollen die wirtschaftliche Basis des Frauen-Radsports stärken und stabilisieren, das ist unser Ziel. Diese erste Ausgabe unseres Rennens ist eine echte Chance für unseren Sport, ja.

Den Job habe ich erhalten, weil ich die Fähigkeiten dafür habe. Und das will ich den Leuten zeigen.

TOUR: Sie gelten heute als Wegbereiterin des Frauen-Radsports. Fühlen Sie sich wohl mit dieser Rolle?

Rousse: Puh ... (zögert) Ja und nein. Ich habe eine besondere Rolle, das stimmt. Ich war sehr oft die erste Frau auf einem bestimmten Posten, beispielsweise beim Fernsehen, als ich begonnen habe, Männerrennen zu kommentieren. Aber den Job habe ich erhalten, weil ich die Fähigkeiten dafür habe. Und das will ich den Leuten zeigen. Ich bin nicht Kommentatorin geworden, weil sie beim Fernsehen eine nette Blondine brauchten, sondern, weil ich weiß, wovon ich spreche, wenn es um Radsport geht.

Ich habe auf dem Rad alles erlebt und gelitten, ich weiß, wie es sich anfühlt - und zwar genauso gut wie ein Mann. Und die Leute haben schnell verstanden, dass ich mir meinen Platz dort erarbeitet habe.

Renndirektorin Marion Rousse hofft auf eine große Zukunft der Tour de France FemmesFoto: Philipp Hympendahl
Renndirektorin Marion Rousse hofft auf eine große Zukunft der Tour de France Femmes

Rousse über ihr Leben mit Alaphilippe

TOUR: Ist Ihr Perfektionismus eine Eigenschaft, die Sie mit Ihrem Mann Julian Alaphilippe teilen?

Rousse: Ich denke schon. Wir sind beide super konzentriert auf unsere Jobs und darauf, was wir dafür tun müssen. Wir teilen beide die Einstellung, die Dinge richtig gut machen zu wollen. Das liegt auch ein Stück weit an unserer Erziehung, Verantwortung zu übernehmen und alles richtig zu machen. Momentan denke ich, dass unser kleiner Sohn Nino genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen ist (Juni 2021, Anm. d. Red.).

Marion Rousse und ihr Partner Julian AlaphilippeFoto: Getty Velo
Marion Rousse und ihr Partner Julian Alaphilippe

Denn er gibt uns auch etwas Abstand zu all diesen Dingen. Man nimmt sich nicht mehr alles so zu Herzen. Wenn du ein Kind hast, stellst du fest, dass manches auch einfach heiße Luft ist. Wenn wir heimkommen und Zeit mit unserem Kleinen verbringen, dann können wir inzwischen viel einfacher loslassen. Und wir sagen uns: Diese gemeinsame Zeit, das ist es doch, was zählt, und nicht die Dinge, über die man sich im Alltag ärgert.

Ich wette, dass Nino eine spannende Kindheit haben wird

TOUR: Wie schaffen Sie und Ihr Mann Julian es mit so reise- und zeitintensiven Jobs, all die Aufgaben des Familienalltags zu bewältigen?

Rousse: Wir sind es gewohnt, unterwegs zu sein. Wir waren nie lange an einem Ort. Durch den Radsport sind wir immer auf Achse. Als Nino in unser Leben trat, war das eine Erschütterung unseres bisherigen Lebens. Denn plötzlich war unser ganzes Leben infrage gestellt. Von einem Tag auf den anderen wurden wir fast zu anderen Persönlichkeiten, die Prioritäten haben sich verschoben. Wir wollen, dass Nino zu hundert Prozent Teil unseres Lebens ist, und zugleich sind wir überzeugt, dass er nur glücklich leben kann, wenn auch seine Eltern glücklich sind.

Und so haben wir unser Gleichgewicht gefunden. Wir haben zwar Jobs, die uns sehr fordern. Aber es gibt auch Phasen, in denen wir mehr Zeit füreinander haben, zum Beispiel im Winter. Es ist sicher ein besonderer Lebensrhythmus, aber für uns passt es. Und ich wette, dass Nino eine spannende Kindheit haben wird. Wir nehmen ihn überall hin mit, und ich möchte ihm viel zeigen: Wo ich arbeite, wohin wir reisen, was Papa tut und was ich tue. Und natürlich haben wir auch Hilfe durch die Großeltern. Meine Eltern sind beide in Rente und viel für Nino da. Er ist der Liebling der ganzen Familie.

Rousse erwartet Spektakel bei Tour de France der Frauen

TOUR: Wenn Ihr Mann in den vergangenen Jahren bei der Tour Gelb fuhr, schaute ganz Frankreich zu. Wie wird es bei der Tour de France der Frauen sein?

Rousse: Die Tour de France ist nicht nur ein Sportevent, sie ist größer. Die Leute sind vor dem Fernseher und am Straßenrand, egal, ob sie Radsport-Fans sind oder nicht. Aber auch die Tour de France der Frauen wird dem großen Namen gerecht werden. Eine Werbekarawane fährt voraus, wir haben die gleichen Sicherheitsmaßnahmen wie bei den Männern und folgen direkt auf deren Rennen, quasi als vierte Tour-Woche. Ende Juli sind immer noch Ferien in Frankreich, die Menschen können also mit ihren Kindern an die Strecke kommen und ein Fest feiern. Und sportlich wird es ein Spektakel. Deshalb sind wir selbstbewusst.

Gleiches Preisgeld für Männer & Frauen bei der Tour de France?

TOUR: Beim Preisgeld gibt es noch Unterschiede. Der Sieger erhält 500000 Euro, die Siegerin 50000 Euro. In anderen Rennen wird bereits gleich viel bezahlt.

Rousse: Ja, vor allem bei Eintagesrennen, bei Klassikern wie der Flandern-Rundfahrt – und auch die ASO hat damit begonnen. Die Preisgelder sind wichtig, aber nicht das Wichtigste. Es ist entscheidender, neue Sponsoren anzuziehen, was wiederum Auswirkungen auf die Gehälter hat. Darüber haben wir auch mit den Profis gesprochen, da sind wir uns einig.

Die Debatte um die Preisgelder ist aktuell nicht die richtige, denn die Preisgelder werden ohnehin am Ende auf das gesamte Team aufgeteilt. Außerdem ist die Tour der Männer drei Wochen lang und die der Frauen acht Tage. Deshalb ist klar, dass wir nicht die gleichen Preisgelder bezahlen können.

Deswegen müssen wir die Tour de France Femmes eher mit einwöchigen Rundfahrten der Männer vergleichen, wie Paris-Nizza oder dem Critérium du Dauphiné. Hier liegen wir mit insgesamt 250000 Euro Preisgeld über den Rundfahrten der Männer und auch über den Standards des Weltradsportverbands UCI. Und warum sollte die Tour in Zukunft nicht länger werden? Dann könnten wir auch das Preisgeld angleichen.

Wer triumphiert bei der Tour de France der Frauen?

TOUR: Und welcher Fahrerinnen-Typ kann die Premiere gewinnen?

Rousse: Das ist am Ende ein Puzzle aus vielen Teilen. Aber es wird eine Bergfahrerin sein, das ist kein Geheimnis. Die letzten beiden Tage sind wirklich schwer, da gibt es keine Zufälle. Wer dort vorne sein will, muss wirklich stark sein.

Die Tour de France der Frauen 2022 endet an der Super Planche des Belles FillesFoto: Getty Velo
Die Tour de France der Frauen 2022 endet an der Super Planche des Belles Filles

TOUR: Warum gibt es kein Zeitfahren bei der Tour der Frauen?

Rousse: Wir schließen nicht aus, dass es das in Zukunft geben wird. Denn es ist klar, dass Zeitfahren zur Tour de France gehören. Zur Premiere haben wir uns dagegen entschieden, da wir sonst auf eine Flachetappe hätten verzichten müssen, zu der mehr Zuschauer kommen.

Wir wollten einen ganz besonderen Auftakt

TOUR: Der Start der Frauen auf den Champs-Élysées am Tag der Ankunft der Männer soll eine Verbindung zwischen Männern und Frauen schaffen. Kann das gelingen, das Publikum einfach rüberzuziehen?

Rousse: Wir wollten einen ganz besonderen Auftakt. Deswegen der Start am Eiffelturm, um dann auf demselben Kurs der Männer zu fahren. Und das am selben Tag. So schaffen wir eine starke Verbindung zwischen beiden Rennen. Für die Zukunft wissen wir aber noch nicht, ob wir immer in Paris starten. Das würde uns bei einem Rennen von acht Tagen etwas beschränken.

TOUR: Stattdessen wäre auch ein Finale in Paris denkbar?

Rousse: Warum nicht? Wir werden keine Möglichkeit ausschließen. Wir wollen uns ständig verbessern und weiterentwickeln mit diesem Rennen.