Tour de France

Tour de France Femmes: Booster für den Frauen-Radsport

Felix Mattis

, Angelika Rauw

 · 14.07.2022

Tour de France Femmes: Booster für den Frauen-RadsportFoto: Getty Velo

Erstmals seit 2009 findet wieder eine Tour de France für Frauen statt. Das hat dem Frauen-Profiradsport deutlichen Rückenwind verschafft: Schon jetzt gibt es mehr World-Tour-Rennen, mehr Teams und mehr Sponsoren. Doch es war ein langer Weg zur Tour de France Femmes, auf die sich jetzt die Hoffnungen aller Fahrerinnen richtet.

Es gehört zum Wesen des Radsports, so schnell wie möglich ins Ziel zu kommen. Doch vier Fahrerinnen mussten fast neun Jahre warten, bis sie ihr Ziel erreichten: Die Aktivistin und ehemalige Profifahrerin Kathryn Bertine, Ironman-Profi Chrissie Wellington und die beiden Top-Rennfahrerinnen Emma Pooley und Marianne Vos hatten 2013 die Petition Le Tour Entier (die ganze Tour) gestartet.

Damit wollten sie Druck auf Tour-Veranstalter ASO ausüben, endlich wieder eine Tour de France für Frauen ins Leben zu rufen.

Unterschriften sammeln für Tour de France der Frauen

Das ist ihnen gelungen: 97307 Menschen unterschrieben die Petition für die Tour de France der Frauen - und brachten damit einen Stein ins Rollen, der anfangs zwar nur langsam, aber eben doch Fahrt aufnahm. Nachdem die ASO das Petitions-Begehren acht Jahre lang mit dem Eintagesrennen La Course by Le Tour zu stillen versuchte, ist es dieses Jahr soweit: Vom 24. bis 31. Juli werden die weiblichen Radprofis erstmals seit 2009 wieder eine Grand Boucle in Frankreich bestreiten - noch dazu unter demselben Veranstalter wie die Tour der Männer, was 1989 zuletzt der Fall war (siehe auch TOUR-Interview mit Renndirektorin Marion Rousse).

Die Vorfreude ist groß im Frauen-Peloton - und die Hoffnungen, die damit verbunden sind. “Ich freue mich sehr auf die Tour”, sagt die achtmalige deutsche Weltmeisterin Lisa Brennauer. “Ich bin wirklich gespannt, wie sie angenommen wird, gespannt auf das Medieninteresse.” Und ihre Landsfrau und Profi-Kollegin Lisa Klein findet: “Ich gehe davon aus, dass sie, so wie sie jetzt angelegt ist, sehr spannend wird - und das ist doch die beste Werbung für den Frauen-Radsport.”

Interesse am Frauen-Radsport wächst

Die Hoffnung auf mediale Aufmerksamkeit und damit auf wachsendes Sponsoreninteresse ist durchaus berechtigt, wie die Frauen-Premiere des ebenfalls von der ASO veranstalteten Klassikers Paris-Roubaix im Herbst 2021 gezeigt hat: Bei keinem anderen Frauenrennen zuvor waren so viele Medienvertreter anzutreffen.

Lizzie Deignan siegte 2021 bei Paris-RoubaixFoto: Getty Velo
Lizzie Deignan siegte 2021 bei Paris-Roubaix

Dass dann ausgerechnet die nach der Geburt ihrer Tochter ins Peloton zurückgekehrte Ex-Weltmeisterin und enorm medienerfahrene Lizzie Deignan - die nun im Herbst ihr zweites Kind erwartet - mit einem beeindruckenden Solo siegte, verstärkte das öffentliche Interesse zusätzlich: “Ich bin heute mit der Energie von Generationen von Frauen gefahren, denen diese Möglichkeit noch verwehrt war”, sagte Deignan auf der Siegerinnen-Pressekonferenz. Ein Satz, den sich Fans inzwischen als Poster an die Wand hängen.

Tour de France der Frauen als Zugpferd

“Roubaix war ein Gamechanger”, sagt Ronny Lauke, Teamchef des deutschen World-Tour-Teams Canyon-SRAM. “Wir haben lange darauf hingefiebert, und dann gab es globale Aufmerksamkeit. Ich glaube, das hat vielen gezeigt: Wow, da kann ja doch was gehen mit Frauen-Radsport. Man buttert nicht nur rein, sondern kriegt auch was raus.” Lauke glaubt, “dass dem Sport mit dem Zugpferd Tour de France ungemein geholfen wird.”

Nun soll also die Tour de France den Frauen-Radsport aufs nächste Level hieven und dürfte einmal mehr manifestieren, was im Männer-Radsport auch immer wieder deutlich wird: Die wahre Macht hat offenbar nicht der Weltverband UCI, sondern Tour-Veranstalter ASO.

Denn so sehr die UCI mit der Einführung der Women’s World-Tour und Mindestlohn-Regeln für Profi-Fahrerinnen oder Live-TV-Pflichten für Rennveranstalter dem Frauen-Radsport Anschubhilfe gab - den wahren Booster scheint die ASO in Händen zu halten. Denn erst durch die großen Namen ihrer Rennen kommt die mediale Aufmerksamkeit.

Tour de France der Frauen durfte nicht “Tour” heißen

Dabei haben sich die Franzosen lange bitten lassen. Noch vor knapp 25 Jahren verbot die Société du Tour de France den Veranstaltern der letzten Frankreich-Rundfahrt der Frauen, der Grande Boucle Féminine, die Benutzung ihres Namens “Tour”.

Und während etwa beim World-Tour-Rennen in London schon 2016 Frauen das gleiche Preisgeld erhielten wie die Männer beim dortigen Rennen oder die Veranstalter von Flandern-Rundfahrt und Gent-Wevelgem ihre Frauenrennen im Tagesablauf prominenter platzierten - und künftig Männern und Frauen ebenfalls das gleiche Preisgeld zahlen werden -, blieben beim ASO-Rennen Flèche Wallonne jahrelang die Kameras an der Mur de Huy für die Frauen ausgeschaltet, wenn sie dort ins Ziel kamen – während die Live-Übertragung der Männer 100 Kilometer vom Ziel entfernt längst lief.

Women’s World-Tour 2022

  • 71 Renntage - fast doppelt so viele wie noch 2021
  • 14 Rennställe statt 9, wie noch in 2021

Ob die ASO inzwischen den Wert des Frauen-Radsports erkannt oder schlicht dem wachsenden öffentlichen Druck nachgegeben hat, lässt sich nicht belegen. Unübersehbar jedoch ist, dass die berühmte Marke “Tour de France” dem Frauen-Radsport weiter Rückenwind verschafft hat. So umfasst die Women’s World-Tour in diesem Jahr mit 71 Renntagen fast doppelt so viele wie noch 2021 und 14 Rennställe statt 9.

Was verdienen Profi-Radsportlerinnen?

Damit verdienen nun 186 Radfahrerinnen den für 2022 ebenfalls angehobenen Mindestlohn von 27500 Euro für festangestellte beziehungsweise 44500 Euro für freiberuflich aktive Fahrerinnen. Bis 2025 soll das Mindestgehalt um weitere 38 Prozent steigen.

Annemiek van Vleuten ist eines der Gesichter des Frauen-RadsportsFoto: Getty Velo
Annemiek van Vleuten ist eines der Gesichter des Frauen-Radsports

Nur logisch, dass dabei auch die Teambudgets rasant wachsen: 2022 stemmen die 14 World-Teams, von denen zehn mit Männer-Rennställen verbunden sind und teilweise deren Infrastruktur mitnutzen, im Schnitt je knapp 2,5 Millionen Euro im Jahr. Noch vor drei Jahren lag einzig Branchenführer Trek-Segafredo in diesem Bereich.

Anerkennung des Frauen-Radsports heute deutlich größer

Um das zu finanzieren, braucht es Sponsoren - und auch an dieser Front gerät etwas in Bewegung. So engagiert sich Zwift, Betreiber einer virtuellen Trainings- und Rennplattform, für vier Jahre als Titelsponsor der Frauen-Tour, die nun offiziell “Tour de France Femmes avec Zwift” heißt.

Und vergangenen Winter machte der belgische Fensterhersteller Deceuninck Schlagzeilen, der als Titelsponsor von einem der besten Männer-Teams der Welt, Quick-Step, zum Pro-Team Alpecin-Fenix wechselte. Der Grund? “Wir sind ein modernes Unternehmen und können nicht einsehen, dass Frauen im Sport nach hinten geschoben werden”, erklärte Deceuninck-Boss Francis Van Eeckhout.

Cavendish lobt Frauen-Radsport

Die Eigentümer des Team Alpecin-Fenix unterhalten neben dem Männer-Rennstall um Mathieu van der Poel auch das Frauen-Team Plantur-Pura - wohingegen Quick-Step-Teamchef Patrick Lefevere sich despektierlich über den Frauen-Radsport äußert.

Selbst wenn alte Strukturen und Denkmodelle noch tief verankert sind, ist die Anerkennung des Frauen-Radsports auch durch männliche Profis heute deutlich größer als noch vor zehn Jahren. Sprint-Superstar Mark Cavendish etwa outete sich schon oft als Fan: “Wenn ich sehe, was meine Kolleginnen für das Wachstum des Frauen-Radsports tun: Sie legen das Fundament dafür, dass meine Tochter eines Tages wählen kann, ob sie Radprofi sein will”, sagte er. “Sie kann es dann nicht nur irgendwie versuchen, sondern sich dafür entscheiden.”

Und Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar soll Gerüchten zufolge darauf hingewirkt haben, dass sein Team UAE Emirates das Frauenteam Alé BTC Ljubljana übernimmt. Dessen Fahrerinnen werden nun als Team UAE Emirates am Start der diesjährigen Tour de France Femmes in Paris stehen.

Tour de France der Frauen: Freude über 8 Etappen

Am Tag, an dem das Männerrennen auf den Champs-Élysées endet, werden auch die Frauen zum Abschluss ihrer ersten Etappe auf dem Prachtboulevard ins Ziel sprinten. Anschließend geht es auf weiteren sieben Tagesabschnitten durch den Nordosten Frankreichs. Dass ihre Tour nur acht Etappen haben wird, und nicht 21 wie die der Männer, sieht man im Frauen-Peloton nicht als Problem. Im Gegenteil.

“Von den Fahrerinnen, mit denen ich zusammenarbeite, will keine eine dreiwöchige Rundfahrt”, sagt Canyon-SRAM-Teamchef Ronny Lauke. “Sie sehen ja im Peloton, dass die nötige Leistungsdichte dafür noch fehlt.” Auch für die Teams sei es kaum zu stemmen.

“Super Start” für Tour de France der Frauen

“Für drei Wochen, die mit An- und Abreise sowie Ruhetagen eigentlich vier Wochen sind, braucht man das nötige Personal, um eventuell mal durchzuwechseln.” Und Ceratizit-WNT-Fahrerin Lisa Brennauer findet: “Ich würde das gar nicht in Bezug setzen zu den 21 Tagen, die die Männer fahren. Wir freuen uns über die acht Etappen und sehen das als super Start für dieses Event.”

Auch Ina-Yoko Teutenberg, ehemalige Profi-Fahrerin und heute Sportliche Leiterin bei Trek-Segafredo, mag den ewigen Vergleich mit dem Männerradsport nicht: “Man sollte erst mal auf das Positive gucken: Dass es eine Tour de France (für Frauen, Anm. d. Red.) gibt”, sagt sie. “Die wird sicher noch länger werden. Aber das längste Frauenrennen dauert im Moment zehn Tage. Es wäre ein viel zu großer Sprung, auf einmal 21 Tage zu machen.”.

Die wichtigsten Frauen-Radrennen 2022

26.2. Omloop Het Nieuwsblad (BEL)
5.3. Strade Bianche (ITA)*
12.3. Ronde van Drenthe (NED)*
20.3. Trofeo Alfredo Binda (ITA)*
24.3. Brugge-De Panne (BEL)*
27.3. Gent-Wevelgem (BEL)*
30.3. Dwars door Vlaanderen (BEL)
3.4. Flandern-Rundfahrt (BEL)*
10.4. Amstel Gold Race (NED)*
16.4. Paris-Roubaix (FRA)*
20.4. Flèche Wallonne (BEL)*
24.4. Lüttich-Bastogne-Lüttich (BEL)*
29.4.–1.5. Festival Elsy Jacobs (LUX)
13.–15.5. Itzulia Women (ESP)*
19.–22.5. Vuelta a Burgos (ESP)*
24.–29.5. Thüringen Ladies Tour (GER)
27.–29.5. RideLondon Classique (GBR)*
6.–11.6. Women’s Tour (GBR)*
18.–21.6. Tour de Suisse (SUI)
1.–10.7. Giro d’Italia Donne (ITA)*
24.–31.7. Tour de France Femmes (FRA)*
6.8. Teamzeitfahren Vargarda (SWE)*
7.8. Straßenrennen Vargarda (SWE)*
9.–14.8. Battle of the North (NOR/DEN)*
17.8. EM-Einzelzeitfahren München (GER)
21.8. EM-Straßenrennen München (GER)
27.8. GP Lorient Agglomération (FRA)*
30.8.–4.9. Simac Ladies Tour (NED)*
7.–11.9. Challenge by La Vuelta (ESP)*
18.9. WM-Einzelzeitfahren (AUS)
24.9. WM-Straßenrennen (AUS)
1.10. Giro dell’Emilia (ITA)
7.–9.10. Tour de Romandie (SUI)*
13.–15.10. Tour of Chongming Island (CHN)*
18.10. Tour of Guangxi (CHN)*

* World-Tour-Rennen

Frauen-Radsport: Die nächste Generation

Diese fünf Namen im Profi-Peloton der Frauen sollten Sie sich merken

 Demi Vollering vom Team SD WorxFoto: Getty Velo
Demi Vollering vom Team SD Worx

Demi Vollering

Jahrgang 1996, Team SD Worx
Demi Vollering tritt bei SD Worx Anna van der Breggens Nachfolge an. Die Niederländerin kann klettern und Zeitfahren, hat aber auch den nötigen Punch für Sprints in kleinen Gruppen. Sie ist schon jetzt die Nummer vier der Welt, gewann 2021 Lüttich-Bastogne-Lüttich, La Course und die Women’s Tour.

Weltmeisterin Elisa Balsamo von Trek SegafredoFoto: Team Trek-Segafredo
Weltmeisterin Elisa Balsamo von Trek Segafredo

Elisa Balsamo

Jahrgang 1998, Team Trek-Segafredo
Etwas überraschend stürmte Elisa Balsamo 2021 in Leuven zum WM-Titel. Ihr großes Talent als Sprinterin ist aber unbestritten. Im Regenbogentrikot ist die Frau aus dem Piemont nun die Anführerin eines ganzen Rudels an jungen, italienischen
Talenten.

Liane Lippert vom Team DSMFoto: Getty Velo
Liane Lippert vom Team DSM

Liane Lippert

Jahrgang 1998, Team DSM
Die Friedrichshafenerin gewann 2020 das letzte World-Tour-Rennen vor der Corona-Pause, hatte 2021 aber viel Pech: ein positiver Corona-Test und Krankheiten verhagelten Liane Lipperts Saisonhöhepunkte. Auf dem Weg zu EM-Silber in Trento aber schüttelte sie am Berg sämtliche Asse ab.

Elise Chabbey vom Team Canyon-SRAMFoto: Getty Velo
Elise Chabbey vom Team Canyon-SRAM

Elise Chabbey

Jahrgang 1993, Team Canyon-SRAM
2012 als Kanutin bei Olympia gestartet, begann die Genferin mit Radsport erst während ihres Medizin-Studiums. 2018 wurde Elise Chabbey Profi, 2021 gelang der Durchbruch. Die Allrounderin, die zu Pandemiebeginn vorübergehend wieder als Ärztin arbeitete, zeichnet sich auf dem Rad vor allem durch ihre Angriffslust aus.

Emma Norsgaard Bjerg vom Team MovistarFoto: Getty Velo
Emma Norsgaard Bjerg vom Team Movistar

Emma Norsgaard Bjerg

Jahrgang 1999, Team Movistar
Die Dänin, deren Bruder Mathias ebenfalls für Movistar und deren Ehemann Mikkel Bjerg für UAE Emirates fährt, ist die Jüngste in den Top 20 der Weltrangliste und ein riesiges Talent. Ihre größte Stärke ist der Sprint, doch Norsgaard hat es auch auf die Klassiker abgesehen.