Jasper PhilipsenWas ist los mit dem Top-Sprinter?

Leon Weidner

 · 14.07.2026

Jasper Philipsen: Was ist los mit dem Top-Sprinter?Foto: Getty Images/Dario Belingheri
Jasper Philipsen sieht man in den letzten Tagen oft mit versteinerter Mine
Ein wütender Jasper Philipsen, der bei dieser Tour ungewohnt sprintschwach erscheint. Doch dahinter steckt möglicherweise keine Krise, sondern seine Entwicklung zum vielseitigen Allrounder.

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Ein wütender Jasper Philipsen, der sein Rad einem Betreuer entgegen schmeißt. Das sind die Bilder des Top-Sprinters, die in den sozialen Medien um die Welt gehen. Die erste Woche der Tour de France 2026 ist vorbei, drei Sprintankünfte liegen bereits hinter dem Peloton und ausgerechnet Philipsen spielt in den Massensprints bislang nicht die Hauptrolle. Das überrascht, schließlich gehörte der Belgier in den vergangenen Jahren zu den dominierenden Sprintern der Welt und gewann allein zehn Etappen bei der Tour de France.

Doch der Blick auf die Ergebnisse der vergangenen Monate zeigt: Philipsen ist längst kein klassischer Sprinter mehr. Und genau darin könnte auch die Erklärung liegen, warum er gegen Spezialisten wie Tim Merlier derzeit ins Hintertreffen gerät.

Jasper Philipsen - Vom Sprinter zum Allrounder

Der Straßenradsport hat sich verändert. Reine Sprintetappen werden im WorldTour-Kalender immer seltener, bei den dreiwöchigen Rundfahrten sowieso. Stattdessen dominieren anspruchsvolle Klassiker, hügelige Eintagesrennen und Etappen mit kurzen, explosiven Anstiegen vor dem Finale. Selbst die Champs-Élysées hat man den Sprintern genommen.

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Für die schnellen Männer bedeutet das eine Anpassung ihres Profils. Wer heute ausschließlich auf flachen Straßen schnell ist, bekommt deutlich weniger Chancen auf Siege als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren und muss um gewinnen zu wollen, einer der besten der Welt sein. Deshalb passen sich immer mehr endschnelle Fahrer an.

Jasper Philipsen ist das beste Beispiel für diese Entwicklung. Der Belgier hat in den vergangenen Jahren gezielt an seiner Kletterfähigkeit gearbeitet. Er kann heute kurze Anstiege deutlich besser bewältigen als viele seiner Konkurrenten und ist deshalb auch bei welligen bis hügeligen Klassikern ein echter Siegkandidat. Sein Triumph bei From Middelkerke to Wevelgem und zahlreiche starke Auftritte bei Rennen wie Mailand-Sanremo unterstreichen diesen Wandel.

Die Folge: Philipsen ist deutlich vielseitiger geworden. Gleichzeitig scheint er im reinen Topspeed-Bereich nicht mehr ganz jene Überlegenheit zu besitzen, die ihn einst zum gefürchtetsten Sprinter des Pelotons machte.

Merlier und Milan setzen andere Schwerpunkte

Während Philipsen zunehmend zum Allrounder geworden ist, verfolgen Fahrer wie Tim Merlier und Jonathan Milan einen anderen Ansatz. Beide Profis fokussieren sich wesentlich stärker auf die klassischen Sprintankünfte. Ihre Saisonplanung und ihr Training sind darauf ausgelegt, in den letzten 200 Metern möglichst viele Watt auf die Straße zu bringen. Gerade Milan profitiert zudem von seiner enormen Physis, während Merlier vielleicht aktuell der explosivste Sprinter des Pelotons ist.

Philipsen dagegen investiert Energie in Fähigkeiten, die ihm auch bei schweren Rennen helfen. Er übersteht Hügel besser, kann sich in schwierigem Terrain behaupten und ist deutlich vielseitiger einsetzbar. Doch jede Entwicklung hat ihren Preis. Im modernen Radsport ist es kaum möglich, gleichzeitig der beste Klassikerfahrer und der schnellste Mann eines reinen Massensprints zu sein.

Keine Siege auf den Etappen 11 und 12?

Deshalb erscheint es durchaus wahrscheinlich, dass Jasper Philipsen auch bei den verbliebenen klassischen Sprintankünften auf den Etappen 11 und 12 nicht zu den ersten Anwärtern auf den Tagessieg gehört.

Merlier und weitere Sprinter wirken aktuell schlicht schneller, wenn das Finale ohne größere Schwierigkeiten verläuft. Sollten die Etappen tatsächlich in einem klassischen Massensprint enden, dürfte es für Philipsen schwer werden, solche Spezialisten zu schlagen. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass seine Tour eine einzige Enttäuschung werden muss.

Die Chancen kommen noch - nur anders

Im Gegenteil. Die zweite und dritte Woche bieten dem Belgier womöglich genau jene Strecken, die seinem heutigen Fahrerprofil deutlich besser liegen. Besonders interessant erscheint die 17. Etappe nach Voiron. Das anspruchsvolle Finale dürfte reine Sprinter vor größere Probleme stellen, während Philipsen seine Fähigkeit ausspielen kann, auch nach schweren Rennstunden noch schnell zu sprinten. Genau solche Ankünfte sind mittlerweile sein Spezialgebiet geworden. Noch spannender könnte allerdings das Finale der Tour de France in Paris werden.

Montmartre statt Champs-Élysées-Sprint

Die traditionelle Schlussetappe galt jahrzehntelang als sichere Beute der reinen Sprinter. Das hat sich mit der neuen Streckenführung geändert. Durch die dreimalige Überquerung des Montmartre-Anstiegs erhält die Etappe einen deutlichen Klassiker-Charakter. Der Anstieg ist zwar nicht lang, kann das Feld aber spürbar dezimieren und macht das Rennen wesentlich selektiver.

Genau hier besitzt Philipsen einen Vorteil gegenüber vielen seiner Konkurrenten. Während reine Sprinter keine Chance auf den Sieg haben dürften, kann der Belgier die Attacken der punchstarken Fahrer vielleicht mitgehen. Seine Entwicklung zum Allrounder könnte sich auf den Straßen von Paris deshalb auszahlen. Es wäre keine Überraschung, wenn gerade dort der große Moment von Jasper Philipsen bei dieser Tour noch kommen würde.

Fazit

Jasper Philipsens vermeintliche Sprintschwäche ist möglicherweise gar keine Schwäche. Sie ist vielmehr die Konsequenz seiner Entwicklung zu einem der komplettesten schnellen Fahrer im Peloton.

Deshalb könnte die erste Woche der Tour de France ein falsches Bild vermitteln. Die Etappen 11 und 12 dürften zwar eher den Spezialisten gehören. Doch je schwieriger die Finals werden, desto größer werden die Chancen für Jasper Philipsen. Und gerade in Voiron oder auf dem neuen, deutlich anspruchsvolleren Weg nach Paris könnte der Belgier zeigen, warum er weit mehr ist als nur ein Sprinter.

Was denkt ihr? Kann Philipsen seinem Namen noch gerecht werden und einen Etappensieg landen? Schreibt es in die Kommentare!

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Leon Weidner

Leon Weidner

Redakteur

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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