1996 entdeckte Deutschland den Radsport. Geweckt wurde das Interesse durch eine Gruppe junger deutscher Radrennfahrer in magentafarbenen Trikots, die seit Beginn des Jahres von einem arrivierten dänischen Radprofi angeführt wurden. Als die Magenta-Truppe dann Ende Juli von der Tour de France zurückkehrte, konnte eine junge Hamburger Event-Agentur, die für den 25. August die Premiere eines neuen Radrennens angekündigt hatte, ihr Glück kaum fassen: Das Team Telekom stellte in Bjarne Riis den Tour-Sieger, in Jan Ullrich den Tour-Zweiten sowie in Erik Zabel den Gewinner des Grünen Trikots des besten Sprinters. Und: Drei Wochen nach Ende der Frankreich-Rundfahrt würde das Team Telekom zur Besetzung des neuen Radrennens zählen.
Hamburg wurde an diesem Augustsonntag förmlich überrannt von Tausenden frischgebackener Radsport-Fans und erlebte eine Renn-Premiere und ein Radsport-Fest sondergleichen. Dass die Cyclassics damals als Event für Profis und Jedermannsportler aus der Taufe gehoben wurde, ging angesichts der Begeisterung der Massen für die Telekom-Truppe fast ein wenig unter. Hinter Premierensieger Rossano Brasi aus Italien belegte Telekom-Rennfahrer Bert Dietz Rang zwei.
Inzwischen blicken die Cyclassics auf eine 30-jährige Geschichte zurück. Die Profis kommen immer noch gerne nach Hamburg, geprägt aber wurden die Cyclassics in den vergangenen drei Jahreszehnten in erster Linie von den Jedermannsportlern, von denen in den starken Jahren annähernd 20000 an der Fahrt um und durch Hamburg teilnahmen.
Das Profirennen zum 30-Jährigen startet wie im Vorjahr im niedersächsischen Buxtehude im Landkreis Stade. Auf den ersten rund 110 Kilometern folgt das Feld dem bekannten Streckenverlauf in Richtung Hamburg, bevor die Entscheidung im Westen der Hansestadt gesucht wird. Dort warten insgesamt fünf Passagen über den Waseberg auf die Profis. Zwischen den Kletterpartien kehrt das Peloton zweimal in die Hamburger Innenstadt zurück. Nach insgesamt 206 Kilometern endet das Rennen traditionell auf der Mönckebergstraße.
Als die Veranstaltung 1996 erstmals ausgetragen wurde, war der Kurs deutlich kompakter. Unter der Sportlichen Leitung von Ex-Profi Rudi Altig führte das Debüt über rund 160 Kilometer. Mit der Aufnahme in den UCI-Weltcup im Jahr 1998 wuchs die Distanz auf etwa 253 Kilometer. Die Aufwertung machte die Hamburger Veranstaltung auch international zu einem wichtigen Termin im Rennkalender.
In den folgenden Jahren wurde der Kurs immer wieder angepasst. Die Streckenlänge bewegte sich je nach Austragung meist zwischen 200 und 250 Kilometern und orientierte sich an den Vorgaben des internationalen Radsportverbands UCI. Neue Schleifen durch das Umland schufen wechselnde Rennsituationen und banden unterschiedliche Regionen rund um Hamburg ein.
Auch der Startort war nicht über die gesamte Geschichte hinweg der gleiche. Lange begann das Rennen im Hamburger Stadtzentrum, unter anderem an der Steinstraße. Im Jahr 2015 wurde das Profifeld sogar in Kiel auf die Strecke geschickt. Seit 2025 befindet sich der Start in Buxtehude. Dadurch verlängert sich die Anfahrt nach Hamburg, während der Kurs einen neuen Auftakt erhält.
Bis 2004 führte eine Schleife ostwärts in Richtung Geesthacht. Ab 2005 nahm das Rennen stattdessen Kurs auf die Lüneburger Heide. Solche Veränderungen können allerdings auch ein zweischneidiges Schwert sein: Zwar verleihen sie einem Rennen immer wieder neue Perspektiven und lenken insbesondere die Blicke der Fernsehzuschauer auf andere Ecken des Hamburger Umlands; gleichzeitig machen sie es einem Event aber auch schwer, ein klares Profil zu entwickeln, das für das Rennen steht und es im Laufe der Jahre zu einem Klassiker werden lässt.
Für die Cyclassics, die den Klassikerbezug ja schon seit der ersten Austragung 1996 im Namen tragen, sind zwei Aspekte stilprägend: Zum einen, dass es ein Rennen für die Sprinter ist und zum anderen, dass denen auf dem Weg zum Zielspurt ein Hindernis im Weg steht, dass man auf dem platten Land um Hamburg erst einmal nicht erwarten würde: Der Waseberg bildet die markanteste Schlüsselstelle des Cyclassics-Parcours. Markierte er anfänglich einen einsamen Höhepunkt im Streckenverlauf, schicken die Streckenplaner das Profi-Peloton heutzutage bis zu fünf Mal über den 700 Meter langen und bis zu 16 Prozent steilen Anstieg hinauf, um das Fahrerfeld auseinanderzuziehen und das Finale schwer zu machen.
Auch die Köhlbrandbrücke zählt zu den prägenden Wahrzeichen des Rennens. Sie war zeitweise nicht Bestandteil des Profikurses, kehrte in den vergangenen Jahren jedoch wieder in den Streckenverlauf zurück - eine mitunter tückische Windkante und faszinierende Bilder des Pelotons auf der ikonischen 3,6 Kilometer langen Schrägseilbrücke über den Köhlbrand bereichern die Cyclassics.
Trotz aller Veränderungen bei Distanz, Startort und Schleifen ist das Finale immer am selben Ort geblieben. Die Mönckebergstraße bildet weiterhin die Zielgerade des Profirennens. Dort entscheidet sich, wer die Anstiege am Waseberg und die langen Kilometer durch das Hamburger Umland am besten verkraftet hat und die Arbeit der Mannschaften gewinnbringend abschließen kann.
>> Vorschau: Gravel Ground 2026
>> Schauinslandkönig auf dem Mietrad
>> Hobbysportwochende: RiderMan in Bad Dürrheim

Herausgeber
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.