SchauinslandkönigBergzeitfahren mit dem Nextbike-Mietrad

Kristian Bauer

 · 08.08.2026

Benedikt Fundel
Foto: Schauinslandkönig/Sportograf
​Der Schauinslandkönig ist Deutschlands größtes Bergzeitfahren, das Starterfeld so bunt gemischt wie bei keinem anderen Rennen. Rund 1.400 Frauen, Männer und Kinder haben Ende Juli am Freiburger Hausberg Höhenmeter und Laktat weggedrückt. TOUR war vor Ort.

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​Benedikt Fundel ist bereits der König von Freiburg: Er hat den Schauinslandkönig 2025 gewonnen. Heute bereitet sich der 27-jährige Freiburger erneut auf das Bergzeitfahren an Freiburgs Hausberg vor: Auf dem Tisch liegen sein Aero-Helm, Aero-Socken, der Zeitfahranzug und eine gefüllte Trinkflasche. Nur das Wettkampfrad fehlt noch – das holt er sich in der Verleihstation des Freiburger Fahrradmietsystems Frelo vor seinem Haus. Es ist ein fast 20 Kilogramm schweres Nextbike-City-Mietrad. Drei Räder probiert er aus: Bei einem geht die Gangschaltung nicht, beim zweiten klappert das Schutzblech – das dritte passt. Er schmiert noch die Kette und montiert seine Rennradpedale – dann fährt er Richtung Start. Dass der Vorjahressieger mit einem sackschweren Mietrad antritt, passt zum Event. Nirgendwo sonst ist das Feld der Teilnehmer so bunt gemischt wie beim Schauinslandkönig: man sieht alle denkbaren Räder und Sportgeräte.

Teams beim Schauinslandkönig

Ins Auge stechen die vielen Teams in einheitlichen Trikots – neben Vereinen und Radgruppen sind auch viele Arbeitskollegen am Start. 15 Frauen und Männer der Volksbank-Raiffeisenbank Freiburg treten als „Team Volks bike“ an. Privat sieht man sich sonst nur beim Lauftreff – das gemeinsame Rennen soll vor allem Spaß machen. Wenige Meter entfernt steht Luisa Lämmle mit Kolleginnen und Kollegen als „Team BBNV Road Warriors“. Sie nimmt zum ersten Mal teil und ist voller Vorfreude und gespannter Aufregung. Unweit der Talstation der Schauinslandbahn sammeln sich Kollegen aus dem Krankenhaus als „Sportfreunde Stiller“ – benannt nicht nach der Band, sondern der Chefin, Prof. Dr. med. Brigitte Stiller, am Universitätsklinikum Freiburg. Der Schauinslandkönig ist ein Event, dass viele Freiburger zusammen an den Hausberg lockt. Die Team-Namen in der Startliste unterstreichen, dass neben dem Sport vor allem die Gaudi im Vordergrund steht: „Pas Normal Brudios“, „Team Schwabbelwaden“, „Schienenersatzverkehr“, „Juventus Urin“ oder „Team Wadenschaden“ treten als Mannschaften an.

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Buntes Startefeld beim Schauinslandkönig

Besonders sichtbar wird die Vielfalt des Starterfeldes ab 11 Uhr: Jetzt reihen sich Einradfahrer, Inlineskater, Longboarder, Skiroller, Parasportler und Tandemfahrer vor dem Startbogen auf. Etwas entfernt steht ein Vater mit einem Kinderanhänger am Rad samt Kind darin, daneben ein erstaunlich junger Bub mit Mountainbike, und auch viele Frauen und Männer mit Rennrädern. Seit einer Stunde schon werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Abstand von wenigen Sekunden einzeln auf die Strecke geschickt. Auch Eva Maria Dorer steigt aufs Rad und nimmt die erste Rampe in Angriff. Die 35 Jahre alte drahtige Sportlerin kommt aus dem nahen Kirchzarten und fährt seit vielen Jahren Mountainbike. Immer öfter sitzt sie aber auf dem Rennrad. Der Schauinslandkönig ist für sie in diesem Jahr ein Saisonhöhepunkt – denn er könnte ihr eine Perspektive im Para-Radsport eröffnen. Eva hat eine halbseitige Lähmung, die ihre Leistung beeinträchtigt. „Die Kraftverteilung zwischen den beiden Beinen ist ungefähr 60:40, manchmal auch 65:35.“ Seit vielen Jahren fährt sie Rad – im Para-Cycling ist sie aber noch nicht lange unterwegs. Para-Radsport bietet ihr neue Perspektiven: Sie möchte sich für einen Startplatz bei einem Weltcup-Rennen empfehlen und ist deshalb besonders nervös. Dorer steuert ihre Leistung über die Werte des Wattmessers. Eine Orientierung, die auch manch anderer nutzt. Das Ziel der meisten ist nicht das Podium, sondern die persönliche Bestzeit.

Jeder kennt seine Zeit am Hausberg

Genau darin lag die Idee für den Schauinslandkönig. Freiburg ist eine sportliche Stadt, und jeder Radler kennt seine Zeit auf den Schauinsland. Was lag also näher, als ein Zeitfahren zu veranstalten und den Uhrenvergleich zum Event zu machen? Der 25-malige Ironman-Starter Alexander Lang hatte die Idee und organisierte 2007 die Premiere. Vom Erfolg war er damals selbst überrascht: „Wir haben damit gerechnet, dass vielleicht 300 oder 400 Leute kommen und wurden dann völlig überrannt. Wir hatten schon im ersten Jahr über 1.000 Anmeldungen.“ Von Anfang an war es sein Ziel, möglichst viele Sportler unterschiedlicher Disziplinen einzubinden: „Es ist kein reines Radsport-Event, sondern etwas offener gehalten.“ Das gilt auch hinsichtlich des Alters: Es gibt kein Mindestalter. Am Start steht der zehnjährige Kaleb Suhre. Er ist bereits im Vorjahr mitgefahren und war begeistert. Was ihm besonders in Erinnerung geblieben ist: „Die leckeren Süßigkeiten im Ziel.“ Zur Sicherheit hat er aber ein paar Fruchtgummis in seine Trikottasche gesteckt. Im Vorjahr fuhr Kaleb mit seinem Mountainbike – jetzt hat er ein neues Rennrad. Klar, dass er noch schneller zu den Süßigkeiten im Ziel kommen will – in jedem Fall unter einer Stunde. Seine kluge Strategie: „Gleichmäßig fahren und eher am Ende Gas geben.“ Wahrscheinlich ist er nicht der Einzige, der mit dieser Idee startet. Mit einem Schnitt von 23 km/h knallen die Besten den Berg hoch. Daniel Debertin ist einer, der diese Geschwindigkeit halten könnte. Der Karlsruher hat sich spontan angemeldet und ist in der Rennrad- und Langlauf-Szene ein bekannter Name. Der Sportwissenschaftler hat bereits den Imster Radmarathon gewonnen und beim Kitzbüheler Radmarathon Rang zwei belegt. An einen Sieg glaubt der 34-Jährige heute aber nicht. Er versucht, seine Wattwerte bis ins Ziel konstant zu halten und in erster Linie „Spaß zu haben“.

Tückischer Start beim Schauinslandkönig

Beim Bergzeitfahren am Schauinsland kann man bereits auf den ersten Metern überzocken: Gleich nach dem Start in Horben weist die Straße zweistellige Steigungsprozente auf. Danach geht es in schönen Serpentinen und langen Geraden gleichmäßig im Wald bergauf, rund 770 Höhenmeter zwischen Start- und Zielbogen. Auf der jüngst neu asphaltierten Straße rollt es in diesem Jahr besonders gut. Der Reiz des Rennens besteht auch darin, dass die ansonsten bei Touristen beliebte und extrem vielbefahrene Strecke am Renntag für den Verkehr gesperrt ist – was für den Veranstalter deutlich einfacher zu organiseren ist als bei den meisten Radrennen. Den Schauinsland muss man nur am Beginn des Anstiegs, an einer Einmündung und an der Passhöhe sperren. Proteste von Anwohnern gibt es nicht, da keine Dörfer auf der Strecke liegen. Beschweren könnten sich nur die Betreiber der Ausflugsgaststätte „Holzschlägermatte“, denen am Renntag die Kunden fehlen. Doch die sportlichen Betreiber nutzen die Zwangsschließung sinnvoll: Wenn wir schon zusperren müssen, können wir mit der Belegschaft auch gleich mitfahren, dachten sich Dörthe Minuth und ihr Mann Mike vor paar Jahren. Zehn Personen hat das Team der Ausflugsgaststätte im einheitlichen Radtrikot diesmal an den Start gebracht. Der gemeinsame Spaß beim Radeln am Hausberg steht heute im Vordergrund.

Druck auf dem Pedal

Die Kombination aus Spaß und maximalen Wattwerten lebt Vorjahressieger Benedikt Fundel gerade vor. Er hat Druck auf dem Pedal und braucht selbst für die steile Rampe am Beginn nur den zweitkleinsten Gang. Danach wechselt er mit dem Drehgriffschalter je nach Steigung zwischen dem dritten und dem sechsten Gang und versucht, möglichst konstant zu fahren. Vorne, im Einkaufskorb, liegen seine Trinkflasche und die Startunterlagen, beim Überholen kann er sich den Spaß nicht verkneifen und klingelt. Die meisten schauen dann ungläubig zur Seite und können gar nicht glauben, was sie da sehen. Das Zeitfahren mit dem schweren Frelo ist für Fundel, der sonst für das starke Jedermann-Rennteam Strassacker an den Start geht, eine neue Erfahrung: Der Sattel ist so weich, dass er größtenteils im Stehen fährt. Dass er am Schauinsland überholt wird, kennt er sonst auch nicht.

Der König an seinem Berg

Weil die Schauinslandstraße für den übrigen Verkehr gesperrt ist, stehen nur vereinzelt Zuschauer am Straßenrand. Je näher es zur Passhöhe geht, desto mehr Applaus brandet aber auf. Besonders angefeuert wird Fundel mit seinem Mietrad. „Der König kommt“, schallt es über die Straße. Der Applaus erinnert ihn ein wenig an den Vortag, als er in den Vogesen selbst am Straßenrand stand und die Fahrer der Tour de France angefeuert hat – wobei ihm schon klar war, dass die 200 Kilometer mit dem Rad in die Vogesen und zurück zu viel sein würden, um am nächsten Tag den Königstitel zu verteidigen. Die Fahrt mit demCity -Mietrad kam ihm daher als Kompromiss-Idee, denn auf die Tour de France wollte er nicht verzichten. Der Strom an Radfahrern reißt nicht ab, Kaleb wird von seinem Vater überholt und spürt langsam seine Beine. Eva Maria Dorer blickt auf die Daten ihres Radcomputers. Dass sich der Anstieg zieht, melden aber auch ihre Muskeln. Knapp 800 Höhenmeter können lang werden, wenn der Puls steigt und die Kraft in den Beinen schwindet. Doch die Zuschauer auf der Zielgeraden und der weithin hörbare Streckensprecher mobilisieren bei allen Teilnehmern noch einmal für einen Energieschub.

Kraft für den Zielsprint beim Schauinslandkönig

Dorer geht aus dem Sattel und beschleunigt auf den letzten Metern noch einmal. Auch der zehnjährige Kaleb setzt in Sichtweite des Zielbogens zum Schlusssprint an. Nach 51:18 Minuten fährt er über die Zeitmessmatte und freut sich, dass er etwas schneller war als gedacht. Wenig später bekommt er im Ziel die erträumten Süßigkeiten, die nach der Anstrengung besonders gut schmecken. Ihm hat es wieder richtig Spaß gemacht, auch wenn die Beine mehr gebrannt haben als beim letzten Mal. Pläne für den weiteren Tag hat er auch schon: Zur Erholung „gibt es wahrscheinlich ein Eis“. Benedikt Fundel erreicht das Ziel mit seinem Cityrad nach 46:33 Minuten - das sind rund 17 Minuten mehr als im Vorjahr. Fast ist er überrascht, wie gut es mit dem schweren Rad lief. „Es geht um den Spaß am Radfahren, aber ich bin fast durchgehend an der Schwelle gefahren“, sagt er. Damit ist der Königs des Vorjahres diesmal auf Rang 524 gelandet und hat dennoch Hunderte Sportler auf leichten Rennrädern überholt. Deutlich schneller unterwegs war Daniel Debertin – obwohl er seine geplanten Wattwerte nicht halten konnte, erreicht er den zweiten Platz. Damit hatte er nicht gerechnet und bekommt es fast nicht mit. Er will schon ins Tal fahren, als er in der Rangliste feststellt, dass er einen Podiumsplatz ergattert hat. Auch Eva Maria Dorer kommt aus dem Strahlen gar nicht mehr raus. Zwar konnte sie ihre Vorjahreszeit nicht unterbieten – im Ziel erfährt sie aber die wichtigere Nachricht: Die gute Leistung hat ihr eine Einladung zu einem Weltcup-Rennen im Paracycling eingebracht.

Heute sind alle Könige

Noch viele Stunden lang erreichen erschöpfte, aber glückliche Schauinsland-Bezwinger das Ziel. Zwischen Essensständen und Bierbänken ist die Stimmung gelöst. Unweit des Zielbogens steht ein Königsthron, auf dem sich ohne Pause Teilnehmer fotografieren lassen. Am Schauinsland gibt es heute viele Königinnen und Könige; die offizielle Krönungszeremonie folgt natürlich auch noch: Bei der Siegerehrung am Nachmittag bekommen auch die Altersklassensieger eine Krone überreicht. David Breinlinger ist mit 30:04 Minuten neuer Schauinslandkönig.Ex-König Fundel hat den gefährlichsten Teil des Tages allerdings noch vor sich: die Abfahrt ins Tal. Dafür ist das Frelo nicht ausgelegt. „Die Bremsen lassen sich nicht gut dosieren – sie gehen entweder gar nicht oder viel zu stark. Die Abfahrt war das zweite Abenteuer“, meint er anschließend. Sein Strava-Profil verrät, dass er die Grenzen des Citybikes nicht nur bergauf ausgetestet hat: Knapp 80 km/h in der Spitze zeigt die Aufzeichnung. Der König hat abgedankt – in die Geschichtsbücher des „Königreichs Freiburg“ geht er mit seiner Fahrt trotzdem ein.

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Info Schauinslandkönig

​Der Schauinslandkönig ist ein Bergzeitfahren mit Einzelstart. Los geht’s in Horben vor den Toren Freiburgs, das Ziel liegt nach 11,5 Kilometern und rund 770 Höhen metern knapp unter der Bergstation der Schauinslandbahn. Gestartet werden kann in vielen Kategorien: mit Kinderanhänger, dem Einrad, auf Skirollern, mit Inlineskates, dem Longboard oder Para-Sportgeräten. Das Event findet jährlich im Juli statt, die nächste Austragung am 18.7.2027. Am 27. Juni 2027 gibt es zu dem das Bergzeitfahren Kandelkönig über 11,5 Kilometer und 950 Höhenmeter.
Website: https://www.schauinslandkoenig.de/

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Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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