Radsport-RegisseureDas Dream-Team Jan Ullrich und Rudy Pevenage

Kristian Bauer

 · 11.07.2026

Radsport-Regisseure: Das Dream-Team Jan Ullrich und Rudy PevenageFoto: Getty Images/Andreas Rentz/Bongarts
Jan Ullrich und Rudy Pevenage Sportlicher Leiter Team Telekom
​Das neue Buch „Radsport-Regisseure“ blickt hinter die Kulissen des professionellen Radsports. In der Radsportgeschichte spielte die Beziehung zwischen Sportlichen Leitern und großen Fahrern immer eine wichtige Rolle. Manche Verbindungen führen zu großem Erfolg: das Duo Jan Ullrich und Rudy Pevenage führte zu großem Erfolg.

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Dem Verhältnis zwischen prominenten Fahrern und ihren Sportlichen Leitern widmet das Buch „Radsport-Regisseure“ ein eigenes Kapitel. Einige Seiten des Werks widmen sich der harmonischen Verbindung von Jan Ullrich und Rudy Pevenage, die erst durch den Dopingskandal gestoppt wurde. Wir präsentieren den Text hier in Auszügen:

​Manchmal will es zwischen Sportlichem Leiter und Fahrer einfach nicht klappen, aber es gibt in der Geschichte des Radsports auch viele Beispiele, in denen es jahrelang funktioniert und zu großen Erfolgen geführt hat. Zu nennen wären Cyrille Guimard (Jahrgang 1947) und Bernard Hinault und Laurent Fignon, José Miguel Echavarri (Jahrgang 1947) und Miguel Indurain, Giuseppe Martinelli (Jahrgang 1955) und Marco Pantani, Patrick Lefevere und Johan Museeuw und Tom Boonen, Jean-René Bernaudeau (Jahrgang 1956) und Thomas Voeckler, Johan Bruyneel und Lance Armstrong und so weiter. Manche Sportlichen Leiter und Fahrer bleiben sich sogar ewig treu oder kommen immer wieder zusammen. Was bringt das Beste in ihnen zum Vorschein? Wie trägt ein Teammanager zur Entwicklung von Talenten bei und wie baut er ein gutes Verhältnis zu seinen Fahrern auf?

Radsport-Regisseure: Dream-Team Pevenage & Ullrich

Ein weiteres Dream-Team, das sich jahrelang treu blieb, in guten wie in schlechten Zeiten: Rudy Pevenage (Jahrgang 1954) und Jan Ullrich. Der Belgier Pevenage war schon ein paar Jahre als Sportlicher Leiter im Geschäft, als er 1995 zum Team Deutsche Telekom wechselte, dem Vorgänger des späteren Teams T-Mobile. Dort traf er bei der Vuelta auf einen jungen Deutschen namens Jan Ullrich, der an seiner ersten großen Rundfahrt teilnahm. In seiner Biografie Nichts als die Wahrheit erinnert sich Pevenage daran, dass Ullrichs Debüt nicht ganz reibungslos verlief. Schon vor dem Prolog in Zaragoza quälte Ullrich ein entzündeter Weisheitszahn. „Es stand sogar die Befürchtung im Raum, dass Jan vorzeitig aussteigen musste. Aber Rudy konnte glücklicherweise einen Zahnarzt vor Ort überzeugen, für Jan seine Praxis am Abend noch mal zu öffnen. Jan konnte weitermachen, bis ihn eine Bronchitis heimsuchte, gegen die selbst Rudy machtlos war“, schreibt Biograf John van Ierland.

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Die Verbindung zwischen Pevenage und Ullrich begann also eigentlich mit einer Zahnarztbehandlung. 1996 legte sich der Belgier erneut für das Supertalent ins Zeug, aber diesmal ging es um etwas, das für beider Karrieren entscheidend sein sollte: die Tour-Auswahl des Telekom-Teams. Ullrich war in diesem Jahr Zweiter bei der Tour de Suisse geworden, und Pevenage hatte mit eigenen Augen gesehen, wozu der junge Rostocker fähig war. Der erste Sportliche Leiter, Walter Godefroot, hatte aber nicht vor, Ullrich mit nach Frankreich zu nehmen. Pevenage rief Godefroot daraufhin an und überzeugte ihn, der talentierte Ullrich müsse einfach mitfahren, weil er sicher eine Etappe gewinnen werde. Pevenages Worte erwiesen sich als prophetisch: Ullrich gewann das Zeitfahren von Bordeaux nach Saint-Émilion und distanzierte den Spanier Miguel Indurain dabei auf der 63,5 Kilometer langen Strecke immerhin um 56 Sekunden. Aber das war noch nicht alles: Ullrich wurde Zweiter in der Gesamtwertung und war für das Team noch in anderer Hinsicht von unschätzbarem Wert – durch seine Loyalität gegenüber dem Kapitän Bjarne Riis, der die Tour gewann.

​Radsport-Regisseure: Höhepunkt Toursieg

Zwischen Pevenage und dem jungen deutschen Fahrer entstand eine enge Verbindung, gekrönt von Ullrichs Tour-Sieg 1997. Im Jahr 2002 durchlief Ullrich aufgrund von Verletzungen und Operationen am Knie eine Talsohle, er suchte und fand Ablenkung in Alkohol, Drogen und Partys. Als er in dieser Zeit positiv auf Amphetamin getestet wurde, war für das Telekom-Team das Maß voll. Ullrich wurde in die Vereinigten Staaten geschickt, wo er körperlich als auch geistig wieder zu Kräften kommen sollte. Bei der Tour durfte er wegen seines positiven Dopingtests ohnehin nicht starten. Telekom holte große Namen wie Cadel Evans und Paolo Savoldelli an Bord. Pevenage sah ein, dass Ullrich ersetzt wurde. „Während der Frankreich-Rundfahrt hielt ich, obwohl es mir verboten war, heimlich zu Jan Kontakt und schilderte ihm meine Eindrücke. Er musste sich auf das Schlimmste gefasst machen.“

Sowohl für Pevenage als auch für Ullrich begann eine schwierige Zeit. Am liebsten hätten sie weiter zusammengearbeitet. Riis wollte, dass Ullrich mit ihm zu dessen Team CSC ging, aber weder war dort Platz für Pevenage noch reichten die Sponsorengelder, um Ullrich einen Vertrag nach seinen Vorstellungen anzubieten. Ende Dezember musste Pevenage im Auftrag der Telekom bei Ullrich vorstellig werden, um die Teamräder abzuholen, die er noch besaß. „Während des Abendessens sprach Jan mich plötzlich an: ›Rudy, warum kommst du nicht mit mir zum Team Coast? Ich habe einen gut bezahlten Dreijahresvertrag unterschrieben, und auch für dich liegt einer bereit. Dann bleiben wir zusammen.“

Pevenage und Ullrich nur im Duo

Pevenage musste nicht lange überlegen und folgte Ullrich zu einem Team, das von einer deutschen Jeanskette gesponsert wurde und die, wie sich schnell herausstellte, finanziell in Schieflage geraten war. Es dauerte nicht lange, bis die UCI das Team unter Kuratel stellte und noch im ersten Jahr wegen Zahlungsrückständen und ungedeckter Schecks suspendierte. Trainer und Schützling standen ohne Mannschaft da. Also musste eine andere Lösung her. Mithilfe von Jacques Hanegraaf, Felice Gimondi und der Familie Grimaldi, den neuen Besitzern der Fahrradmarke Bianchi, wurde ein neues Bianchi-Team um Ullrich ins Leben gerufen.

In der Zwischenzeit schmiedeten Pevenage und Ullrich Pläne für eine Revanche gegen das magentafarbene Telekom-Team. Dabei wurde alles Mögliche versucht, selbst illegale Ansätze: Sie arbeiteten mit dem spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes zusammen, einem Spezialisten für Epo und Blutdoping. Pevenage: „Ich wollte Jan um jeden Preis seine Revanche ermöglichen, ihn auf Topniveau wiedersehen, er war mehr als ein Schützling von mir geworden, mehr wie ein verlorener Sohn. […] Jan musste und würde die Besten der Besten bekommen, erst dann sollte er den Kampf mit Lance Armstrong sowie dem Team Telekom aufnehmen. Er wollte es beiden zeigen. Und ich auch.“

Die Verbindung zwischen Trainer und Fahrer wurde im Lauf der Jahre immer enger und entwickelte sich zu einer Vater-Sohn-Beziehung. Ullrich hat sich immer für Pevenages Treue erkenntlich gezeigt. Ende 2003 musste Ullrich das Bianchi-Team verlassen, weil das Budget für einen neuen Vertrag nicht ausreichte. Er kehrte zur Telekom zurück, deren Radsportableger inzwischen in T-Mobile Team umbenannt worden war, und bestand darauf, dass er eigene Leute mitbringen durfte, darunter auch Pevenage. Aber wegen seines damaligen Wechsels zum Team Coast, der wie aus dem Nichts kam und den Pevenage Godefroot erst im letzten Moment mitgeteilt hatte, war er dort nicht mehr willkommen. Godefroot sprach sich klar gegen Pevenage aus. Weil jedoch Ullrich darauf pochte, durfte Pevenage als persönlicher Betreuer von Ullrich mit von der Partie sein, nicht jedoch als Sportlicher Leiter, eine Degradierung, die Pevenage sehr zu schaffen machte. „Von diesem Moment an durfte ich nur noch mit Jan sprechen, und das auch nur in seinem Zimmer. Der Kontakt zu anderen Fahrern des Teams war mir untersagt, und ich wurde sogar gebeten, während der Rennen in einem anderen Hotel zu übernachten. Mit Godefroot habe ich mich nie wieder getroffen, kein Telefonat geführt, gar nichts.“

Blütezeit des Dopings

Ullrichs Karriere fiel mit der Blütezeit des Dopings im Spitzensport zusammen, mit Epo als Lieblingssubstanz des Pelotons; Blutdoping war das Mittel der Wahl, als Epo in Dopingtests detektierbar war. In vielen Sportarten galt damals, dass man ohne Doping unmöglich konkurrieren konnte. Fuentes hatte nicht nur Kunden unter Radprofis, sondern auch unter Fußballern und Tennisspielern. Doping war nichts Neues, auch vor den 1990er-Jahren wurde im Peloton genug eingeworfen und injiziert, Geschichten über Doping (und Versuche, dies zu vertuschen) sind so alt wie der Radsport selbst. Was die Epo-Ära so besorgniserregend machte, war ihre systemische Natur: Der Dopingmissbrauch war in einigen Teams nicht auf einzelne Profis beschränkt, sondern Teil der Teamstrategie. Alle Beteiligten deckten sich gegenseitig und logen und betrogen, bis die Wahrheit keinen Wert mehr hatte – es galt die sogenannte Omertà, das interne Schweigegelübde. Sogar der Präsident des internationalen Radsportverbandes UCI, Hein Verbruggen, half Fahrern und Teams, ihren Dopingmissbrauch zu vertuschen, in einem ebenso verzweifelten wie unschönen Versuch, das Image seines Sports zu schützen.

2006 gewann Ullrich beim Giro d'Italia überlegen das Zeitfahren nach Pontedera. Pevenage war so froh, dass der alte Jan wiederaufstanden war, dass er aus Begeisterung mit seinem eigenen Handy Fuentes anrief und eine SMS schrieb, der zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits von Polizei und Ermittlungsbehörden abgehört wurde. Im selben Monat startete die Guardia Civil die Operacíon Puerto, eine groß angelegte Aktion gegen Fuentes und dessen Netzwerk. Am 23. Mai 2006 wurden bei einer Razzia in Madrid mehr als 200 Blutbeutel in Fuentes' Praxis gefunden, der Anruf von Pevenage war ein weiteres Indiz für die Handlungen des Gynäkologen. Fuentes wurde noch am selben Tag gemeinsam mit dem Sportlichen Leiter von Liberty-Seguros, Manolo Saiz, verhaftet.

​Radsport-Regisseure: Fuentes-Razzia und die Folgen

Die Gerüchteküche brodelte, aber offiziell war noch nichts passiert. Obwohl Hein Verbruggen Pevenage bat, nicht mit Ullrich zur Tour zu kommen, und vorschlug, dass Ullrich als Grund vorschützen solle, Ullrich habe sich bei einem Sturz den Arm gebrochen, fuhren die beiden dennoch zum Tour-Start nach Straßburg. „Was Verbruggen da von mir verlangte, durfte nicht sein. Ich konnte es nicht, es war eine Bitte, der ich unmöglich nachkommen konnte. […] Jan war in Topform, und ich war mir sicher, dass er diese Tour gewinnen würde, denn zum ersten Mal hatten wir eine ganze Mannschaft mit acht Helfern um ihn herum aufgebaut. Ich hatte beschlossen, Erik Zabel nicht mitzunehmen, wir würden allein auf einen Erfolg im Gesamtklassement fahren.“

Am Tag vor dem Grand Départ warf T-Mobile Pevenage wegen seiner Verbindungen zu Fuentes raus. Das Team schickte auch Ullrich nach Hause und entließ ihn später. Pevenage nahm zu dieser für ihn dunklen Zeit Stellung: „Das hat mich innerlich aufgefressen, ich wurde depressiv. Niemand hat mich mehr angerufen, niemand hat mich mehr besucht. Ich gehörte nicht mehr dazu. Ab und zu rief ich – heimlich – Jan an, er hat stets zu mir gehalten, aber dann hörten wir ungewöhnliche Klickgeräusche in der Leitung, und wir mussten lachen. Jan wurde abgehört, schließlich rief ich aus einer Telefonzelle an.“

Radsportregisseure, Lidewey von NordFoto: Delius Klasing VerlagRadsportregisseure, Lidewey von Nord

Info zum Buch Radsport-Regisseure:

Radsport-Regisseure, Aus dem Drehbuch der Sportlichen Leiter, Lidewey van Noord

  • ​ISBN: 978-3-667-13210-9
  • Seiten: 240
  • Format: 14.7 x 21.8 cm
  • 1. Auflage 2026, Delius Klasing Verlag, 29,90 Euro

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Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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