Der Giro d’Italia hat nach neun Etappen schon jetzt mehr Drama geliefert, als mancher Rundfahrtliebhaber in drei Wochen bestellt. Regen, Nervosität im Feld und tückische Straßen haben die erste Giro-Phase geprägt – und vor allem die Sturzserie in den ersten Tagen hat das Rennen früh spürbar verformt.
Am härtesten erwischte es beim Giro d’Italia 2026 ausgerechnet eines der Teams, das mit den größten Ambitionen angereist war: UAE Team Emirates - XRG. Innerhalb weniger Etappen brach die ursprünglich geplante Kletter- und Helfer-Statik für die Gesamtwertung praktisch komplett weg. Adam Yates musste nach einem schweren Sturz mit Kopfverletzung und heftigen Schürfwunden aufgeben. Jay Vine erwischte es ebenfalls – Gehirnerschütterung und Ellenbogenbruch, Giro-Aus. Und auch Marc Soler sah sich verletzungsbedingt zur Aufgabe gezwungen. Drei zentrale Bausteine weg und damit ein massiver Einschnitt, nicht nur fürs Team, sondern auch für die Dynamik im Rennen.
Umso bemerkenswerter: UAE hat sich davon sportlich kaum beeindrucken lassen, im Gegenteil. Drei Etappensiege in der ersten Woche sprechen eine klare Sprache. Die verbliebenen Fahrer fahren nicht auf Schadensbegrenzung, sondern mit breiter Brust: offensiv, präsent in Ausreißergruppen und schon dreimal erfolgreich.
In der Sprintwertung zeigt sich nach neun Etappen ein überraschendes Bild: Nicht der erwartete Sprint-Star Jonathan Milan führt die Punktewertung an, sondern der junge Franzose Paul Magnier. Auch dank seiner beiden Etappensiege hat Magnier bereits 130 Punkte gesammelt und sich damit deutlich an die Spitze gesetzt.
Auf Rang zwei folgt Jhonatan Narváez mit 86 Punkten. Er profitiert nicht nur von seinem Etappensieg, sondern auch von konstant starken Platzierungen, die ihn im Klassement stabil halten. Erst dahinter erscheint Milan auf Platz drei: Mit 76 Punkten bleibt er zwar in Schlagdistanz, doch die Dominanz, die man nach seinem starken Vorjahr erwartet hatte, konnte er bislang nicht unter Beweis stellen. In den kommenden zwei Wochen stehen noch zwei Sprintankünfte auf dem Programm. Genau dort dürfte Milan ansetzen, um die Wertung wieder in seine Richtung zu drehen – und Magnier spürbar unter Druck zu setzen. So stark und schlau wie Magnier bis jetzt jedoch gesprintet ist, ist fraglich ob er sich vom Podest noch einmal hinunterstoßen lässt.
Im Gesamtklassement des Giro d’Italia hat sich nach der 9. Etappe ein erstes Bild ergeben. Die Abstände sind noch überschaubar, die richtig großen Berge stehen erst noch an – entsprechend haben sich viele Favoriten bislang nicht voll aus der Deckung gewagt. Trotzdem gab es bereits Akzente: Zeitgewinne hier, kleine Risse dort. Das Maglia Rosa wechselte mehrfach den Besitzer, und die Top 10 liegen weiterhin eng beieinander. Afonso Eulálio führt die Wertung mit 2:24 Minuten vor Jonas Vingegaard an, dahinter kommt Felix Gall mit 2:59 Minuten Rückstand. Eines ist aber schon jetzt deutlich geworden. Vingegaard ist in den Bergen der Stärkste, dicht gefolgt von Gall. Die große Hoffnung der Italiener, Giulio Pellizzari, hat sich beim Versuch mit Vingegaard mitfahren zu wollen so richtig verbrannt. Er hat insgesamt 5:15 Minuten Rückstand auf den Führenden.
Nach dem zweiten Ruhetag richtet sich der Blick nun auf die nächste Wegmarke: das lange Einzelzeitfahren am Dienstag über 42 Kilometer. Der Kurs ist flach – beste Voraussetzungen für die großen Motoren, die hier Sekunden sammeln oder im Idealfall sogar ein kleines Zeitpolster in Minutenhöhe herausfahren können. Für andere ist das dagegen ein Tag des Überlebens: möglichst wenig verlieren, kontrolliert durchkommen, den Schaden begrenzen – und dann auf die kommenden hügeligen und bergigen Etappen setzen. Das gilt auch für Felix Gall. Der Österreicher ist im Kampf um das Gesamtklassement einer der schwächeren Zeitfahrer, er dürfte hier vor allem durch die Länge des Zeitfahrens sogar im Minutenbereich verlieren.
Für Giulio Pellizzari hingegen bringt das Zeitfahren eine gewisse Entlastung. Durch seine starken Zeitfahrqualitäten dürfte er sich im Gesamtklassement wieder verbessern und damit näher an Gall heranrücken. Aber auch Arensman, der aktuell Sechster ist, könnte sich hier verbessern. Erwartbar ist, dass der Führende Afonso Eulálio das Maglia Rosa nach dem Zeitfahren abgeben muss. Wie sich die Fahrer des Gesamtklassement beim Giro d’Italia hinter Jonas Vingegaard sortieren ist jedoch offen.
Werkstudent