Vor einem Monat sah alles noch nach einem Hattrick für Tadej Pogacar aus, doch nach dem Sturz des Radsport-Superstars dürfte es die wohl spannendste WM seit Jahren werden. Plötzlich denkt die Elite hinter Pogacar nicht mehr an Platz zwei, sondern an den Triumph am Fuße des Mont Royal in Montreal. Die Chancen der Favoriten in dem 273,4 Kilometer langen Rennen mit 3800 Höhenmetern am Sonntag (15:00 Uhr MEZ) im Überblick.
Der logische Favorit. Als erster Mann kann Remco Evenepoel das WM-Double aus Zeitfahren und Straßenrennen holen. Vier Titel im Kampf gegen die Uhr hat er bereits, vor vier Jahren gewann er das einzige Mal auf der Straße. «Remco liegt der Kurs», sagt sein deutscher Red-Bull-Teamkollege Florian Lipowitz. Bei der Generalprobe auf dem fast identischen Kurs, dem Grand Prix Montreal vor zwei Wochen, reichte es aber nur zu Platz fünf. Um Geschichte zu schreiben, muss eine Steigerung her.
Frankreichs Wunderknabe hatte in Montreal bisher fast nur Grund zum Feiern. Beim Grand Prix machte er den stärksten Eindruck, belegte am Ende Platz zwei. Im Einzelzeitfahren überraschte Paul Seixas mit der Bronzemedaille - und am Mittwoch feierte er seinen 20. Geburtstag. Damit kann er der jüngste Weltmeister der Geschichte werden. Der Vorteil von Seixas: Die französische Mannschaft fährt zu 100 Prozent für ihn. Sein Nachteil: Er ist im Sprint zu schwach und muss das Ziel allein erreichen.
Der Kronprinz von Tadej Pogacar. Isaac Del Toro ist nicht nur Teamkollege des Tour-Rekordsiegers, sondern erinnert auch fahrerisch an den Slowenen. «Er ist in der komfortablen Situation, dass er einfach nur mitfahren muss», sagt Maximilian Schachmann. Denn der Mexikaner kann das Rennen sowohl allein als auch im Sprint gewinnen. Eine starke Mannschaft hat der 22-Jährige allerdings nicht, ist womöglich auf Unterstützung von Fahrern aus seinem UAE-Team aus anderen Nationen angewiesen. Er gewann in diesem Jahr den GP Montreal im Sprint gegen Seixas.
Der zweite belgische Trumpf. Wout van Aert hat aber noch nie ein Rennen mit mehr als 3100 Höhenmetern gewonnen. In Montreal muss der Roubaix-Sieger nicht die Initiative ergreifen. Hat Evenepoel Defekt oder einen schlechten Tag, dann kann der 32-Jährige übernehmen. Im Sprint am Ende dürfte er trotz der Steigung von wenigen zu schlagen sein.
In seiner Sammlung hat Tom Pidcock bereits drei WM-Titel. Einen im Cross, zwei im Mountainbike. Nun soll das Regenbogentrikot auf der Straße hinzukommen. Die Mannschaft stellt sich in seinen Dienst, beim Grand Prix belegte Pidcock Platz sechs. Auch ihn zeichnet neben seinen Kletterfähigkeiten eine gewisse Sprintstärke aus. In der Geschichte gab es erst zwei britische Weltmeister: 1965 Tom Simpson und 2011 Mark Cavendish.
Der Kurs, sagt Bundestrainer Jens Zemke, erinnert ihn an die WM in Glasgow. Dort hatte 2023 Mathieu van der Poel triumphiert. Und spätestens nach seinem wahnwitzigen 174-Kilometer-Solo bei der Luxemburg-Rundfahrt am Sonntag zählt der Rekord-Crossweltmeister zu den Favoriten. Er selbst wiegelt ab, bezeichnet den Kurs als zu schwer. Natürlich kommt ihm der längste Anstieg mit etwas mehr als zwei Kilometern Länge nicht entgegen. Aber bei seinem Sieg in Glasgow hatte die Strecke nur 250 Höhenmeter weniger.
Der Außenseiter-Tipp. Der US-Amerikaner ist in Bestform, belegte bei den vergangenen beiden Auflagen des Grand Prix Montreal die Plätze drei und vier. Der 25-Jährige mag den Kurs, die Fans lieben seine waghalsigen Attacken. «Er ist ein Fahrer, den man nicht gleich als gefährlich einstuft. Aber wenn er einmal weg ist, ist er schwer wieder einzuholen», sagt Schachmann. In Brandon McNulty und Matteo Jorgensen hat Simmons zudem kletterfeste Teamkollegen.
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