Sebastian Lindner
· 16.04.2024
Im Mai wird Alessandro De Marchi (Jayco-AlUla) 38 Jahre alt. Für fast 160 Kilometer in einer Fluchtgruppe quer durch die Alpen hat der Norditaliener aber immer noch genug Power. Sogar, um das Unterfangen siegreich abzuschließen. De Marchi hat die 2. Etappe der Tour of the Alps, die im Südtiroler Salurn gestartet wurde und 190 Kilometer später in Stans bei Innsbruck endete, gewonnen.
Für De Marchi, der als Solist mit 1:20 Minuten vor Patrick Gamper (Bora-Hansgrohe) und Simon Pellaud (Tudor Pro Cycling) ins Ziel fuhr, war es der siebente Sieg der Karriere, der erste seit Tre Valli Varesine 2021. Im Vorjahr hatte er beim Giro d’Italia den Etappensieg nach ebenfalls langer Flucht nur um 250 Meter verpasst. Damals kam das heranrasende Feld mit dem späteren Sieger Mads Pedersen (Lidl-Trek) noch gerade so rechtzeitig, um den Ausreißer abzufangen.
“Es gehört auch immer ein bisschen Glück und Mut dazu”, sagte De Marchi darauf anspielend dann im Siegerinterview. “Manchmal klappt es.” Mit fast 38 Jahren einen Sieg wie diesen zu feiern, sei für ihn ein riesiger Erfolg, der ihn sehr zufrieden mache. Trotz dreier Etappensiege bei der Vuelta zählt er diesen “zu den wichtigsten in seiner Karriere. Es bedeutet mir sehr viel. Wenn dies mein letzter Sieg wäre, wäre das in Ordnung. Aber ich werde es weiter versuchen, denn ich fahre Rennen, um zu begeistern.” Es gebe nur noch wenige Fahrer wie ihn, die den Radsport auf diese Weise interpretieren würden.
35 Kilometer nach dem Start gehörte De Marchi zu einer sechsköpfigen Gruppe, die vom Feld nur halbherzig verfolgt wurde. Rund 30 Kilometer vor dem Ende der längsten Etappe der Rundfahrt war klar, dass der Sieger aus den Reihen der Ausreißer kommen würde. Seine letzten Begleiter schüttelte De Marchi im letzten Anstieg des Tages rund 15 Kilometer vor dem Ziel ab.
Im Gesamtklassement ändert sich derweil nichts. Tobias Foss (Ineos Grenadiers) bleibt im Grünen Trikot des Gesamtführenden, muss aber das Leibchen für den Besten in der Punktewertung an De Marchi abtreten. Das Bergtrikot bleibt auf den Schultern von Mattia Bais (Polti-Kometa).
Die längste Etappe der Rundfahrt kam nur langsam in Schwung. Es dauerte beinahe 20 Kilometer, bis die ersten Attacken lanciert wurden. In der Anfahrt auf den ersten Zwischensprint in Leifers versuchten sich die Protagonisten der gestrigen Ausreißergruppe erneut abzusetzen. Mattia Bais (Polti-Kometa) im Bergtrikot, dessen Teamkollege und Bruder Davide bereits der sechste Fahrer ist, der die Rundfahrt nicht beenden wird - dazu zählt auch Emil Herzog, der die 1. Etappe nicht beendete - versuchte sich gegen Kyrylo Tsarenko (Corratec - Vini Fantini) und Atsushi Oka (JCL Team Ukyo) die Punkte zu sichern, doch es siegte der Japaner.
Die Ausreißer wurden jedoch schnell wieder gestellt, und es dauerte weitere 15 Kilometer, ehe sich eine neue Gruppe bildete. Zu Lukas Pöstlberger (Österreichische Nationalmannschaft), De Marchi, Pellaud und Yuma Koishi (JCL Team Ukyo) gesellten sich Oka im zweiten Anlauf und auch Gamper.
Auf dem immer leicht ansteigenden Terrain Richtung Brenner, wo die Fahrer die Grenze von Italien zu Österreich passierten, fuhren sie sich einen Vorsprung von gut vier Minuten heraus. Unterwegs gewann Pellaud noch den zweiten Zwischensprint. Die Bergwertung am Brenner (3. Kategorie) sicherte sich Gamper.
Auch 60 Kilometer vor dem Ziel hatte die Spitze noch vier Minuten Vorsprung. Erst danach erhöhte Ineos Grenadiers im Feld langsam das Tempo. Koishi war der Erste, der nicht mehr folgen konnte, er viel zurück, noch lange bevor in Gnadenwald die zweite Bergwertung (2. Kategorie) des Tages ausgefahren wurde. Auch Pöstlberger fiel früh zurück.
33 Kilometer vor dem Ziel - der Vorsprung aufs Feld betrug immer noch drei Minuten - sorgte Gamper für das Ende der Zusammenarbeit in der Gruppe. Er attackierte und fuhr sich in zehn Kilometern 20 Sekunden auf seine Verfolger heraus. Der Vorsprung auf das Feld blieb konstant. Doch als es in den Anstieg nach Gnadenwald ging, waren De Marchi und Pellaud wieder dran. Das Hauptfeld hingegen hatte den Tagessieg abgeschrieben, der Rückstand wuchs wieder auf vier Minuten.
Im Moment der Einholung erhöhte De Marchi das Tempo nochmals. Gamper hatte keine Chance zu folgen, und auch Pellaud, der tags zuvor schon in der Ausreißergruppe war, musste kurz darauf abreißen lassen. Mit 40 Sekunden Vorsprung fuhr De Marchi über die Bergwertung und damit auf die letzten 15 Kilometer.
Dann passierte doch noch etwas im Hauptfeld. Georg Steinhauser (EF Education EasyPost) und Joan Bou (Euskaltel-Euskadi) griffen kurz vor dem höchsten Punkt nochmal an und setzten sich ab. Während dieses Unterfangen jedoch scheiterte, fuhr De Marchi seinen Vorsprung auf den letzten flachen Kilometern sicher nach Hause. Auch Gamper und Pellaud retteten sich vor dem Feld ins Ziel. Gregor Mühlberger (Movistar) sicherte sich dort im Sprint Platz vier.