Tom Bachmann, dpa
Antonia Niedermaier hatte das Glück der späten Geburt. «Ich habe einen guten Zeitpunkt erwischt. Ich bin direkt in dieses abgesicherte System reingekommen», sagt die 23-Jährige über ihren Einstieg in den Radsport.
Seit 2021 ist Niedermaier dabei und die Entwicklung, die der Frauen-Radsport seitdem genommen hat, kann man ohne Untertreibung als rasant beschreiben. Mindestgehälter, die Rückkehr der Tour de France, mehr TV-Präsenz und eine enorme Professionalisierung der Strukturen. Statt auf dem Klappstuhl vor dem Camper in der Sonne auf den Rennstart zu warten, sitzt man nun im klimatisierten Bus.
Also alles gut? So einfach ist es nicht - und das sieht man aktuell bestens bei der in Montreal stattfindenden Weltmeisterschaft. Dort haben die Deutschen mit Niedermaier, Franziska Koch und Liane Lippert gleich mehrere Medaillenkandidatinnen. «Aber es ist nicht so, dass wir aus dem Unendlichen schöpfen können», sagt Bundestrainer André Korff.
Statt der möglichen sechs Fahrerinnen hat der deutsche Verband nur fünf gemeldet. Mehr hat man in der Weltspitze aktuell nicht. Das deutsche Team hat in Montreal den Vorteil, dass die sehr anspruchsvolle, 180 Kilometer lange Strecke den Qualitäten der Fahrerinnen entgegenkommt.
Das deutsche Dilemma beschreibt auch den Nachholbedarf des Sports. Die Verbesserungen kommen von oben, die breite Basis ist noch immer zu schwach. 2020 wurde ein Mindestgehalt eingeführt - allerdings nur für die WorldTour, wo die Arbeitsplätze limitiert sind. Dies stieg jährlich an, beträgt für angestellte Fahrerinnen mittlerweile rund 40.000 Euro pro Jahr. Selbstständige bekommen mindestens 60.000 Euro. Generell sind Jahreseinkommen von mehreren Hunderttausend Euro möglich - für die absolute Spitze.
«Der Radsport muss überall wachsen. Bei uns ist man entweder in der WorldTour oder im Nirgendwo», kritisiert Koch. Die 26-Jährige betont, dass keine Schere aufgehen dürfe, zwischen gut verdienenden Fahrerinnen und denen, die ohne Mindestlohn fahren. Das Problem: Diese gravierenden Unterschiede gibt es bereits.
Der Weltverband UCI versucht dem entgegenzusteuern. Mit den ProTeams wurde im vergangenen Jahr eine zweite Profi-Liga eingeführt, deren Entwicklung erst greifen muss. Das Mindestgehalt liegt allerdings nur bei 20.000 Euro pro Jahr. Ein deutlicher Unterschied zur WorldTour.
Die Aufmerksamkeit, die der Frauen-Radsport bekommt, ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Die Tour de France oder Paris-Roubaix erreichen hohe Zuschauerzahlen, mit der Ausweitung von Live-Übertragungen steigt die Sichtbarkeit und damit der Sponsoring-Wert.
Das führte in der Vergangenheit dazu, dass sich die Strukturen schneller entwickelten als der Sport. Der Kalender wurde umfangreicher, ohne dass es genügend Fahrerinnen auf dem entsprechenden Niveau gab. Dieser Punkt ändert sich allmählich.
«Es wird immer schwieriger, Rennen zu gewinnen», sagt Lippert. Die 28-Jährige kennt noch andere Zeiten in ihrem Sport. «Als Juniorinnen war es eher so, dass wir trainierten, wie wir Lust hatten. Heute sind junge Fahrerinnen sehr professionell, haben einen Ernährungsplan und fahren in Höhentrainingslager.»
Eine Entwicklung, die in die richtige Richtung geht. Die Professionalisierung ist messbar, aber sie ist noch nicht flächendeckend angekommen. Maßnahmen müssen vor allem unterhalb der WorldTour greifen. Die entscheidende Frage wird also nicht mehr nur sein, ob und wie viel Wachstum es gibt, sondern wer davon alles profitiert. Denn nachhaltiges Wachstum entscheidet sich im Unterbau - sonst bleibt die Spitze elitär und klein.
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