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· 24.03.2026
Tom Bachmann, dpa
Marcel Kittel balanciert seine Tochter auf dem Arm, brabbelt aufgeregt in Richtung Fernseher - und jubelt schließlich wie einst bei seinen Tour-Etappensiegen. «Es ist immer noch derselbe Nervenkitzel. Auch die Kids sind total aus dem Häuschen», sagt der einst beste Sprinter der Welt.
Aus dem Häuschen war die Kittel-Familie wegen des Sieges von Dylan Groenewegen bei einem Rennen irgendwo in Belgien. Der Niederländer ist ein Schützling von Kittel. Deutschlands erfolgreichster Radprofi bei der Tour de France ist seit Jahresbeginn zurück im Rennzirkus. Seine Rolle: Sprintcoach beim Team Unibet Rose Rockets.
Nachdem Ende seiner Karriere hatte Kittel einen anderen Blick auf den Sport eingenommen, arbeitete unter anderem als Experte für TV-Sender. Nun sitzt er im Begleitfahrzeug hinter dem Renngeschehen. «Es ist die letzte Perspektive, die mir noch gefehlt hat. So schließt sich der Kreis», sagt der 37-Jährige.
Kittels neuer Job ist nicht irgendeiner. Denn um sein Team ist ein Hype entbrannt, die Rockets sind gerade eines der heißesten Themen außerhalb von Ergebnissen und Weltranglisten.
Warum ist das so? Da ist zum einen die wohl einzigartige Entstehungsgeschichte. Drei Freunde aus den Niederlanden verbindet die Freude am Radsport. Sie fahren zur Tour de France, lassen sich allerlei verrückte Sachen einfallen - und filmen sie. So rufen sie am Ruhetag einen Wettbewerb unter den Profis aus, wer am längsten nur auf dem Hinterrad fahren kann. Oder sie verteilen nach der Schlussetappe auf den Champs-Élysées in Paris Pizza an die Fahrer.
Ihre Abenteuer veröffentlichen sie auf Youtube, gewinnen recht schnell eine große Fangemeinde. Vier Jahre nach dem ersten Youtube-Abenteuer geht das Trio mit einem eigenen Team an den Start. In der untersten Kategorie. Mit einem großen Traum. Einmal selbst bei der Tour de France zu starten.
«Im ersten Jahr gab es eigentlich nichts als die Idee und eine Powerpoint-Präsentation», sagt Bas Tietema. Der 31-Jährige ist sozusagen das Gesicht des Teams. Sie hatten durch Youtube Bekanntheit, aber wenn sie Fahrer ansprachen, kamen Zweifel auf. Ob das denn alles ein ernsthaftes Projekt sei.
Tietema und Co. organisierten selbst die Trainingscamps, saßen als Sportliche Leiter im Auto. «Heute sind wir eine Organisation von etwa 100 Leuten», sagt Tietema. «Seit dem Beginn, seit dem ersten Youtube-Video waren wir in jeder Minute außerhalb unserer Komfortzone.»
Das Wachstum ist rasant. Nach einem Jahr stieg das Team von der dritten in die zweite Radsport-Liga auf, die ProTour. In der ist man heute noch. Im vergangenen Jahr schaffte das Team es unter die besten 26 Mannschaften der Welt - und kam damit in die Verlosung für Wildcards zu großen Rennen. Doch die Tour de France fühlte sich noch nicht bereit für das Team mit den auffälligen pinken Helmen. Dafür starten die Rockets bei Mailand-Sanremo, der Flandern-Rundfahrt und beim Giro d’Italia.
Gestandene Profis wie Groenewegen wurden geholt und eben Kittel als prominenter Coach. «Die große Challenge ist die Organisation hinter dem Team. Das ist mit großen Wachstumsschmerzen verbunden, weil die Radsport-Saison lang ist und der Winter kurz», erklärt Kittel. Deshalb könne man noch nicht die Stabilität großer Mannschaften haben. «Aber Profisport heißt ja auch, sich von Jahr zu Jahr weiterzuentwickeln und das nächste höhere Level zu finden.»
Was die Rockets von allen anderen Teams unterscheidet, ist das Geschäftsmodell. Zum einen ist da der Name. «Wir werden immer die Rockets sein, egal, wer unser Hauptsponsor ist», sagt Tietema.
Das Kalkül dahinter: Während die anderen Teams nach ihren großen Geldgebern benannt sind und dieser automatisch irgendwann deren Identität wird, wird die Marke Rockets bleiben. Tietema erklärt: «Kurzfristig bekommt man vielleicht mehr Geld, wenn man seine gesamte Identität verkauft. Auf lange Sicht sehen wir unseren Weg als nachhaltiger an.»
Ein wichtiger Einkommensstrang sind die Aktivitäten auf Youtube und Co. Sowohl direkt als auch indirekt. «Normalerweise basiert ein Sponsoring auf Leistung, Ergebnissen und Sichtbarkeit in den Rennen», sagt Tietema. «Wir verändern das durch unseren eigenen Content und unsere eigenen Medien. Wir sind das ganze Jahr über sichtbar.»
Das Ziel ist es, die größte Fangemeinde im Radsport aufzubauen. Messbar ist das schwer, Tietema bezeichnet es als «endloses Ziel». Das nächste sportliche Ziel ist klar. Im kommenden Jahr soll es mit der Tour de France klappen. Tietema will dabei nicht auf Wildcards angewiesen sein, sondern es sportlich schaffen.
Dabei hilft eine Regeländerung. Die drei besten ProTour-Teams dieses Jahres erhalten 2027 automatisch eine Einladung zu den Eliterennen der WorldTour - dazu zählt die Tour de France. Im Moment liegen die Rockets auf Platz vier, doch der Sprung in die Top 3 ist angesichts der Konkurrenz enorm. Aufhalten lassen will man sich davon nicht. «Wir greifen immer nach den Sternen», betont Tietema. «Und bisher haben wir immer geliefert.»
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