Bei kaum einem anderen Wettbewerb der Rad-WM 2024 ist das Feld der Siegesanwärterinnen bzw. Siegesanwärter so homogen wie beim Elite-Rennen der Frauen. Die Titelverteidigerin Lotte Kopecky aus Belgien ist auch dieses Jahr eine der heißesten Kandidatinnen für die Goldmedaille. Die Fahrerin vom Team SD Worx - Protime sieht sich einer bärenstarken niederländischen Mannschaft gegenüber, aus der fast alle gewinnen können.
***** Lotte Kopecky (Belgien), Demi Vollering (Niederlande)
**** Marianne Vos (Niederlande), Puck Pieterse (Niederlande), Elisa Longo Borghini (Italien)
*** Liane Lippert (Deutschland), Kristen Faulkner (USA), Katarzyna Niewiadoma (Polen)
** Antonia Niedermaier (Deutschland), Grace Brown (Australien), Elise Chabbey (Schweiz), Pauline Ferrand-Prevot (Frankreich)
* Noemi Rüegg (Schweiz), Mischa Bredewold (Niederlande), Cedrine Kerbaol (Frankreich), Chloe Dygert (USA), Cecilie Uttrup Ludwig (Dänemark), Thalita de Jong (Niederlande)
* Je mehr Sterne eine Fahrerin erhält, desto stärker ist sie einzuschätzen
Der Parcours, auf dem Kopecky 2023 in Glasgow Gold holte, hatte 2229 Höhenmeter und somit nur unwesentlich weniger als die Strecke in Zürich (2384). Ihre Bergfestigkeit hat die 28-Jährige dieses Jahr eindrucksvoll bei der UAE Tour und beim Giro d’Italia Women unter Beweis gestellt. Die Siege bei der Tour de Romandie Feminin und der Europameisterschaft im Einzelzeitfahren unterstreichen Kopeckys gute Form. Ihr großer Vorteil: Das belgische Team wird sich zu 100 Prozent in ihren Dienst stellen.
Etwas anders könnte das bei Demi Vollering aussehen. Die Siegerin der Tour de France Femmes 2023 steckt in dem Dilemma, dass die Niederländerinnen viele potenzielle Siegkandidatinnen in ihren Reihen haben. Nach Silber im Straßenrennen von Glasgow und dem Sekundenkampf bei der Frankreich-Rundfahrt, den Vollering knapp verlor, wird die 27-Jährige alles daran setzen, um mit dem Regenbogentrikot nochmal ein fettes Ausrufezeichen zu setzen. Will sie ihre Teamkollegin Kopecky im direkten Duell schlagen, müsste sich Vollering vorher absetzen, denn im Sprint ist die Belgierin wohl schneller.
Kopecky im Sprint zu bezwingen, ist eher Marianne Vos zuzutrauen. Das gelang der Grande Dame des Radsports zuletzt im olympischen Straßenrennen, wo sie sich allerdings zuvor in einem taktischen Geplänkel mit Kopecky verzettelte und Kristen Faulkner, die Gold holte, davonziehen ließ. Die 37-jährige Vos war bereits dreimal Straßen-Weltmeisterin (2006, 2012 und 2013) und würde gerne ein weiteres Regenbogentrikot zu ihrer Sammlung hinzufügen. Im direkten Vergleich mit Vollering und Kopecky muss Vos etwas Abstriche in Sachen Bergfestigkeit machen, was auf dem Parcours in Zürich den Ausschlag geben könnte.
Eine weitere Niederländerin, der der Titel zuzutrauen ist, ist Puck Pieterse. Die 22-Jährige krönte sich erst Anfang September in Andorra zur Mountainbike-Weltmeisterin im Cross Country und will nun auch auf der Straße gewinnen. Bei der Tour de France Femmes hat Pieterse, die erst seit dieser Saison intensiv für Fenix-Deceuninck auf der Straße mitmischt, auf der Ardennen-Etappe mit ihrem Sieg in Lüttich bewiesen, dass sie die versammelte Weltelite auf einem solch schweren Parcours schlagen kann.
Die Italienerin ist neben dem niederländischen Trio die heißeste Kandidatin, wenn es darum geht, Kopecky zu entthronen. Hinter der 32-Jährigen von Lidl-Trek liegt mit den Siegen bei der Flandern-Rundfahrt und beim Giro d’Italia Women eine herausragende Saison. Der Parcours von Zürich kommt ihr sehr gelegen. Auf einen Sprint mit Kopecky, Vollering, Vos oder Pieterse sollte sie es aber nicht anlegen. Die Taktik der Italienerinnen dürfte daher sehr offensiv ausgerichtet sein, um das Rennen möglichst früh sehr hart zu gestalten für Longo Borghini.
Die 26-Jährige hat mit der WM noch eine Rechnung offen. 2022 war sie im Straßenrennen im australischen Wollongong die wohl stärkste Fahrerin, schrammte aber letztlich als Vierte knapp an einer Medaille vorbei. Nach einer Stressfraktur im Oberschenkelhalsknochen brauchte Lippert 2024 lange, um wieder auf Touren zu kommen. Zuletzt ließ sie vor allem mit einem starken dritten Platz bei der Classic Lorient und einer tollen Leistung an der Seite von Antonia Niedermaier im Mixed-WM-Zeitfahren aufhorchen. Lippert ist eine sehr explosive Fahrerin, was sie prädestiniert macht für den Kurs von Zürich. An einem sehr guten Tag muss sie sich vor niemanden verstecken und kann um eine Medaille kämpfen.
Der Sekundenkrimi, bei dem die Polin die Tour de France Femmes in Alpe d’Huez für sich entschied, war Werbung für den Radsport. Dabei wies Niewiadoma Vollering in die Schranken. Allerdings sieht die Ausgangslage für Zürich etwas anders aus. Die Fahrerin von Canyon//SRAM ist auf dem Papier nicht so stark einzuschätzen wie Vollering: Die amtierende Gravel-Weltmeisterin ist im Sprint deutlich langsamer und es ist ihr erstes Rennen seit dem Triumph bei der Tour, nach der sie sich auch noch eine Corona-Infektion eingefangen hatte.
Im olympischen Straßenrennen bewies die Fahrerin von EF-Oatly-Cannondale, dass sie große Rennen gewinnen kann. Dabei profitierte sie allerdings davon, dass sich ihre Rivalinnen belauerten und ihr nicht nachsetzten. Die 31-Jährige wäre auch eine Kandidatin für eine frühe Attacke. Bei Omloop van het Hageland feierte sie so Ende Februar mit einem 55-Kilometer-Solo einen ihrer größten Siege.
Die 21-Jährige aus Rosenheim ist so etwas wie die Fahrerin der Stunde und neben Lippert die zweite deutsche Trumpfkarte für das Straßenrennen. Zunächst holte Niedermaier Rang vier im Einzelzeitfahren der Frauen-Elite, was gleichbedeutend mit der Goldmedaille in der U23-Konkurrenz war. Am Mittwoch war Niedermaier dann die herausragende Athletin, die das deutsche Team zu Silber im Mixed-Zeitfahren führte. Im TOUR-Interview zeigte sie sich optimistisch, dass auch im Straßenrennen einiges drin ist.
Die 32-Jährige wird ihr Rad am Ende der Saison an den Nagel hängen. Mit dem Olympiasieg sowie WM-Titel im Einzelzeitfahren und dem Triumph im Mixed im Gepäck kann die Fahrerin von FDJ-Suez das Straßenrennen ohne großen Druck angehen. Bei Lüttich-Bastogne-Lüttich gelang ihr in diesem Jahr auf ähnlich anspruchsvollem Terrain ein Überraschungscoup.
Die Straßen-Weltmeisterin von 2014 aus Ponferrada will es nochmal wissen und hat für die kommenden drei Jahre einen Vertrag bei Visma | Lease a Bike unterschrieben. Mit dem Team soll der Sieg bei der Tour de France Femmes her. In Zürich gibt die Mountainbike-Olympiasiegerin ihr Comeback auf der Straße. Der Kurs kommt ihren Fähigkeiten entgegen. Ob ihrer Abstinenz auf der Straße ist Ferrand-Prevot ein absolutes Dark Horse.
Die 31-Jährige ist die wohl beste Karte, die die Gastgeberinnen spielen können. Im direkten Duell mit Kopecky oder Vollering, wird es für Chabbey schwierig. Sie wird ihr Heil in einer frühen Gruppe suchen müssen, genau wie ihre Teamkollegin Noemi Rüegg.
Aus niederländischer Sicht könnten auch Mischa Bredewold, Pauliena Rooijakkers, Riejanne Markus und selbst Thalita de Jong eine Medaille holen. Nicht zu unterschätzen sind zudem die extrem tempofeste Chloe Dygert (USA), Cedrine Kerbaol und Evita Muzic als zweites bzw. drittes Ass der Französinnen neben Ferrand-Prevot sowie Cecilie Uttrup Ludwig (Dänemark), die eine durchwachsene Saison hinter sich hat, aber in Glasgow letztes Jahr bereits Bronze holte.