Wenn’s wirklich ernst istDas Tabuthema „großes Geschäft“ im Profipeloton

Leon Weidner

 · 15.06.2026

Wenn’s wirklich ernst ist: Das Tabuthema „großes Geschäft“ im Profipeloton
Und damit zurück zur UCI. Während das Urinieren in den letzten Tagen und Wochen immer wieder das Gesprächsthema Nummer eins war, stellt sich natürlich die Frage, wie es mit dem „großen Geschäft“ aussieht. Eine klare Regel gibt b
​Die UCI hat mit ihren jüngsten Pinkel-Sanktionen eine alte Grundsatzfrage des Radsports neu entfacht: Wie viel Regulierung verträgt ein Sport, dessen wichtigste Gegner nicht nur Konkurrenten und Berge sind, sondern bisweilen schlicht die eigene Physiologie? Was passiert denn beim großen Geschäft?

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Während das „kleine Geschäft“ im Profi-Peloton in letzter Zeit für viel Gesprächsstoff gesorgt hat, bleibt das große Geschäft ein Tabu. Seltener, unangenehmer und doch lohnt es sich einmal nachzufragen: was ist wenn? Denn die wenigen dokumentierten Fälle zeigen: Wenn es im Peloton wirklich dringend wird, gibt es keine sauberen Lösungen, nur pragmatische. Und was muss... naja, das muss eben.

​Legendär oder einfach ganz normal

Die legendärste Szene stammt natürlich von Jan Ullrich. Der Toursieger behalf sich während eines Rennens kurzerhand mit seiner Kappe, ein improvisiertes Hilfsmittel, das bis heute als Sinnbild für die Kompromisslosigkeit dieses Sports gilt. Auch wenn solche Fälle selten publik werden, ist klar: Der Körper kennt keine Rennsituation. Und wenn er sich meldet, bleibt oft keine Zeit für Etikette oder Ästhetik. Das zeigt auch ein Blick in die jüngere Vergangenheit.

Der wohl prominenteste Vorfall der modernen Ära spielte sich beim Giro d’Italia 2017 ab, mit unmittelbaren sportlichen Folgen. Gesamtführender Tom Dumoulin wurde auf einer Schlüssel-Etappe von heftigen Magenproblemen eingeholt. Er reagierte instinktiv: Vollbremsung, rüber in den Straßengraben, Trikot runter, so schnell wie möglich. Doch anders als bei den üblichen Pinkelpausen wartete das Feld nicht. Dumoulin verlor durch den unfreiwilligen Halt mehr als zwei Minuten und büßte damit einen Großteil seines Vorsprungs in der Gesamtwertung ein.

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Weltmeister-Toilettenpause und Nils Politt

Dass absolute Topstars nicht immun sind, zeigte auch Mathieu van der Poel bei der WM 2023. Während einer Rennunterbrechung klopfte der spätere Weltmeister mit einer klaren Bitte kurzerhand an der Tür eines Privathauses. Die Bewohner ließen ihn hinein. Van der Poel sagte später aus, dass er ohne das Paar das Regenbogentrikot vermutlich nie gewonnen hätte.

Noch drastischer und öffentlichkeitswirksamer war der Fall Nils Politt bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Mitten im Rennen zwangen ihn akute Magenprobleme zum Stopp. Doch anders als üblich gab es keine Hecke, keine ruhige Seitenstraße. Stattdessen weit und breit nur dicht gedrängte Zuschauerreihen am Montmartre. Politt blieb nichts anderes übrig, als in ein Café zu flüchten. Dort erledigte er sein Geschäft, mitten im laufenden olympischen Wettbewerb. Seine Medaillenchancen waren danach dahin. Die Szene ging jedoch viral, wie Politt durch jubelnde Fans aus dem Café heraus kam.

Keine Regeln für den Ernstfall

Und damit zurück zur UCI. Während das Urinieren in den letzten Tagen und Wochen immer wieder das Gesprächsthema Nummer eins war, stellt sich natürlich die Frage, wie es mit dem „großen Geschäft“ aussieht. Eine klare Regel gibt ebenso wie für das Pinkeln nicht. Die Vorschriften, die zu den Pinkel-Sanktionen geführt haben, dürften aber auch hier zu Strafen für Profis führen, sollten diese einen solchen Zwischenstopp einlegen.

Dabei zeigt gerade dieser Extremfall, wie realitätsfern manche der UCI-Vorschriften wirken. Anders als beim Wasserlassen gibt es hier keine halbwegs akzeptable „on-the-go“-Lösung. Wer muss, der muss anhalten. Punkt.

Fazit: Transparenz ist gefragt

Das große Geschäft im Peloton bleibt ein Randthema, aber ein immer Wiederkehrendes. Es zeigt, wie sehr der Radsport an der Grenze dessen operiert, was planbar ist. Ernährung, Hydration, Hitze, Stress und oftmals viele Tage hintereinander im Sattel. All das kann innerhalb von Sekunden eine Situation heraufbeschwören, die weder trainierbar noch taktisch steuerbar ist.

Während die UCI versucht, das Bild des Sports zu kontrollieren, erinnert die Realität im Peloton regelmäßig daran, dass am Ende immer noch Menschen auf den Rädern sitzen, mit all ihren ganz normalen Bedürfnissen. Es wird also Zeit, dass sich die UCI mit solchen Fällen beschäftigt und im Ausdauersport mit gutem Beispiel in Sachen Transparenz und pro Sportlerinnen und Sportler handelt.

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Leon Weidner

Werkstudent

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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