Leon Weidner
· 15.10.2026
Martijn Tusveld äußerte nach einer Giro-Etappe vorsichtig Kritik an der Taktik. Danach wagte er jahrelang kaum noch, den Mund aufzumachen. Eine Recherche mit 71 Insidern zeigt, dass sein Fall bei Picnic PostNL kein Einzelfall ist.
Am Abend nach der 18. Etappe des Giro d’Italia 2020 sitzt das Team Sunweb im Bus. Sportdirektor Rudi Kemna fragt Martijn Tusveld, was er von der gewählten Taktik hält. Der Niederländer antwortet ehrlich: Man hätte es auch anders machen können. Am Ende der Saison erfährt Tusveld vom Management, dass er für eine „negative Stimmung“ sorge, und in seinem Rennkalender für 2021 stehen keine großen Rennen mehr. Für den Profi war dieser Abend der Wendepunkt seiner Karriere. Aus seiner Sicht war er auch ein Symbol für das, was sich über Jahre im Rennstall von Iwan Spekenbrink entwickelt haben soll.
Das Team heißt heute Picnic PostNL. Nach einer umfangreichen Recherche von NOS Sport und der Radsportplattform In De Waaier herrscht dort seit Jahren eine Angstkultur. Fahrer und Betreuer sollen sich unsicher gefühlt und das Team traumatisiert verlassen haben. Die Ergebnisse erschienen am Donnerstag als Nachrichtenbeitrag und zusätzlich als vierteilige Podcastserie mit dem Titel „De Gehaktmolen“ (Der Fleischwolf). Zu den Autoren gehört der Journalist Thijs Zonneveld.
Die Grundlage der Recherche ist breit. NOS Sport und In De Waaier haben in den vergangenen Monaten vertraulich mit 71 Personen gesprochen, die für das WorldTour-Team arbeiten oder gearbeitet haben. Viele von ihnen beschreiben eine „Angstkultur“ und eine „unsichere Arbeitssituation“. Die meisten Quellen bleiben anonym. Tusveld dagegen zeigt sein Gesicht.
Im Winter 2025 schrieb er Kemna eine E-Mail, die der NOS vorliegt. Darin heißt es, nach dem Gespräch beim Giro habe sich „alles verändert“. Er sei danach nicht mehr derselbe Mensch gewesen und habe sich nicht mehr getraut, Feedback zu geben oder seine Gefühle zu zeigen. Wie er damit umging, beschreibt er so: „Ich dachte: Ich halte meinen Mund und sage Ja und Amen.“ 2021 litt Tusveld unter depressiven Beschwerden und hatte nach eigener Aussage auch Gedanken daran, sich etwas anzutun. Ende 2025 beendete er seine Profikarriere.
Laut der Recherche reicht die Entwicklung im Team Picnic PostNL weit zurück, bis in die erfolgreichste Phase des Teams. Ein ehemaliger Sportlicher Leiter sagt, die Angst vor Kontrollverlust habe sich im Management nach den Tour-Erfolgen mit Marcel Kittel 2013 und 2014 eingeschlichen, als das Team stark wuchs. Damals seien sehr viele Regeln aufgestellt worden.
Als entscheidender Moment gilt jedoch der größte Triumph der Teamgeschichte. Nach Tom Dumoulins Giro-Sieg 2017 wurden Regeln und Protokolle demnach noch strenger. Dumoulin selbst wollte sich nicht zu den Vorwürfen gegen das Team äußern. Adriaan Helmantel, vier Jahre lang Dumoulins Trainer, erinnert sich an eine Sitzung im „Teamhaus“ in Sittard Anfang November 2017. Dort wurde ein Organigramm gezeigt, in dem keine direkte Verbindung zwischen Fahrer und Trainer mehr vorgesehen war. Alles sollte über das Management laufen, das die Fragen dann an Trainer, Ärzte, Ernährungsberater oder Mechaniker weiterreichen sollte. Trainer und Fahrer sollten also nicht mehr direkt miteinander sprechen. Laut Helmantel fürchtete die Teamleitung, die Fahrer könnten sonst zu viel selbst bestimmen.
Wie Helmantel die Folgen bewertet, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Es wurde eine Diktatur.“ Ein ehemaliger Mitarbeiter bestätigt, dass Trainer und Fahrer daraufhin begannen, unter dem Radar zu arbeiten, und in den Trainingstagebüchern jahrelang nur eingeschränkt Informationen mit dem Management teilten.
Weitere Schilderungen aus der Recherche zeigen, wie wenig Raum für psychische Probleme blieb. Ein ehemaliger Fahrer, dem es mental schlecht ging, fragte, ob er zu einem Mentalcoach gehen dürfe. Kemna soll geantwortet haben, er glaube nicht an Psychologen. Ein anderer Ex-Profi berichtet, er habe kurz vor einem Burnout gestanden und kein Verständnis bekommen. Auch Betreuer erlebten die Rolle als belastend. Ein früherer Mitarbeiter sagt, er habe sich später vor allem wie ein Polizist gefühlt und sei direkt nach seinem Ausscheiden selbst zu einem Mentalcoach gegangen.
Bestätigt werden die Vorwürfe von der niederländischen Fahrervereinigung VVBW. Deren Sekretär Jeroen van Keulen sagt, er habe in den vergangenen anderthalb Jahren mehrere Signale und Berichte erhalten, die zu Tusvelds Schilderungen passen. Einige Fahrer habe er weinend am Telefon gehabt.
Neu ist die Kritik nicht. Bereits 2021 veröffentlichte der flämische Sender Sporza eine Recherche über das Team, in der überwiegend anonyme Fahrer ähnliche Vorwürfe erhoben. Unter anderem hieß es, man werde wie kleine Kinder behandelt. Spekenbrink tat die Kritik damals zum Teil als Frust von Fahrern ab, die keinen neuen Vertrag bekommen hätten. Eine Reaktion vom Team selbst habe es bislang auf die Vorwürfe nicht gegeben, trotz Anfrage der beiden Sender, die zu dem Fall recherchiert haben.
Die Enthüllungen treffen das Team in seiner wohl schwierigsten Phase. Sportlich erlebt Picnic PostNL die schlechteste Saison seiner Geschichte. Als die UCI im Dezember 2025 die Lizenzen vergab, erhielt das Männerteam nur eine Lizenz für ein Jahr statt für den gesamten Zyklus 2026 bis 2028. Ob es 2027 in der WorldTour startet, hängt davon ab, ob die UCI die finanziellen Auflagen als erfüllt ansieht. Berichte über einen freiwilligen Rückzug in die ProTeam-Kategorie hatte das Team dementiert.
Zur sportlichen und finanziellen Krise kommt nun eine Glaubwürdigkeitskrise. Das Team hatte sich jahrelang mit seiner Philosophie, seinen Protokollen und seiner Talentförderung profiliert. Die Recherche wirft die Frage auf, welchen menschlichen Preis dieses System gekostet hat. Die Antwort darauf müssten jetzt vor allem Spekenbrink und Kemna geben.

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