Wenn die letzten Rennen gefahren sind, beginnt für die Stars nicht einfach die große Pause. Jeder füllt die Offseason auf seine eigene Weise, und kaum einer hat dabei nur Erholung im Sinn.
Jeden Herbst stellt sich in den Cafés rund um die belgischen Crossstrecken dieselbe Frage: Wann kommen sie? Gemeint sind die großen Namen, die im Sommer Monumente und Grand Tours gewinnen und im Winter, zumindest früher, verlässlich durch Sand und Schlamm gepflügt sind. Die Antwort fällt in diesem Jahr so unterschiedlich wie selten aus. Denn die Offseason der Profis ist längst kein einheitliches Ritual mehr, bei dem man ein paar Wochen Urlaub macht und dann ins Trainingslager fährt. Sie hängt vom Körper ab, vom Kalender, manchmal auch vom Familienleben.
Die größte offene Frage des Winters trägt das Trikot von Alpecin. Van der Poel hat bestätigt, dass die WM in Kanada sein letztes Straßenrennen 2026 war, dort holte er Bronze. Ob danach Crossrennen folgen, ist offen. Nach dem WM-Rennen sagte er, er habe sich ganz auf dieses Rennen konzentriert und noch nicht über den Winter entschieden. Dazu kommt ein Grund, der wichtiger ist als jede Siegprämie: Van der Poel und seine Partnerin erwarten ein Baby, die Geburt steht im Januar an, was seine Entscheidung wohl mitprägen wird.
Sportlich hat er im Gelände ohnehin nichts mehr zu beweisen. Mit seinem achten WM-Titel im vergangenen Winter in Hulst ist er alleiniger Rekordhalter, einen Titel vor Erik De Vlaeminck. Schon im Frühjahr hatte er durchblicken lassen, dass er einen Winter ohne Cross vor allem mit Blick auf die Straßensaison erwägen würde, um sich mehr Ruhe zu gönnen. Der belgische Ex-Weltmeister Paul Herygers bringt die Lage auf den Punkt: Van der Poel habe die Szene mit einem Fragezeichen “so groß wie ein Lastwagen” zurückgelassen. Leidtragende sind die Konkurrenten, die womöglich hart trainieren, nur um dann zu erfahren, dass Van der Poel doch an der Startlinie steht und der erste Platz somit fast sicher weg ist.
Sein ewiger Rivale hat sich längst festgelegt, zumindest grob. Natürlich komme er zurück zum Cross, sagte Van Aert nach der WM, aber vorerst wandere das Rad in den Koffer, es gehe in den Urlaub. Die Pause hat er in der Offseason nötig: Bei der WM war ihm nach eigenen Worten schon vier oder fünf Runden vor Schluss die Kraft ausgegangen.
Dass der Belgier trotzdem wieder in den Matsch will, hat mit Leidenschaft zu tun. Cyclocross bleibe seine erste Liebe, deshalb kehre er jeden Winter gern zurück, sagte er schon vor einem Jahr. Wie riskant diese Liebe sein kann, hat er zuletzt am eigenen Leib erfahren: Bei einem Sturz in Mol brach er sich Anfang 2026 den Knöchel und musste operiert werden, was seine Crosssaison abrupt beendete und auch die Straßensaison beeinflusste. Erwartbar ist deshalb wieder ein kompaktes Programm rund um die Feiertage, denn die Weihnachtszeit im Cross ist nach eigener Aussage die Phase, die er am meisten genießt. Eine Cross-WM ohne Van der Poel wäre gleichzeitig eine seltene Gelegenheit auf den Titel.
Vom einstigen Trio, das den Cross jahrelang prägte, ist der Brite derjenige, der sich am weitesten entfernt hat. Pidcock lässt den dritten Winter in Folge aus; sein letztes Crossrennen fuhr er im Januar 2024 beim Weltcup in Benidorm. Zurückkehren will er nur unter einer Bedingung: Sollte Cyclocross olympisch werden, würde er wieder starten. Genau diese Hoffnung ist aber vorerst geplatzt, denn das IOC hat im Mai entschieden, dass die Disziplin bei den Winterspielen 2030 in den französischen Alpen nicht dabei ist.
Langweilig wird ihm trotzdem nicht. Nach seinem XCO-WM-Titel 2026 deutete er an, 2027 eine Pause vom Mountainbike einzulegen und 2028 mit Blick auf das dritte Olympiagold zurückzukehren. Und während andere schon am Strand liegen, saß er noch im Sattel: Pidcock fuhr erstmals die Tour of Guangxi, die vom 13. bis 18. Oktober in China stattfand.
Für den Dominator der vergangenen Jahre begann die Offseason ungewollt früh. Bei einem Sturz auf der achten Vuelta-Etappe am 29. August brach er sich Schlüsselbein und einen Halswirbel, dazu kam eine Gehirnerschütterung. Wenige Tage später erklärte UAE die Saison für beendet – und verlängerte zugleich seinen Vertrag bis 2032.
Inzwischen sitzt Pogačar wieder auf dem Rad. Seine Partnerin Urška Žigart zeigte Bilder gemeinsamer Trainingsfahrten nahe Ljubljana, wo er Familie und Freunde besuchte. Erwartet wird, dass er zunächst Urlaub macht und dann am 31. Oktober zum Teamevent von UAE nach Abu Dhabi reist. Bemerkenswert ist, was danach kommt: Pogačar will mit der Vorbereitung auf 2027 einen Monat früher beginnen als sonst. Die unfreiwillige Pause wird bei ihm also zur früheren Saisonvorbereitung umgedeutet.
Auch Pogačars großer Rivale steht seit Wochen ohne Rennen da. Nach seinem Giro-Sieg im Mai stürzte Vingegaard auf der 15. Tour-Etappe und fährt in dieser Saison nicht mehr. Für den Dänen hat die rennfreie Zeit aber eine Bedeutung, die über die Reha hinausgeht. Im Sommer erzählte er offen, dass er im Vorjahr ans Aufhören gedacht hatte und die langen Zeiten fern der Familie schwer auszuhalten seien, weshalb das Team seinen Ansatz verändert habe.
Der Winter ist für Vingegaard deshalb vor allem Zeit zu Hause, mit klar umrissenem Ziel: Er will sich optimal auf die Ziele für 2027 vorbereiten und diese demnächst mit dem Team besprechen. Dass auch das klassische Wintertrainingslager im Süden seine Tücken hat, musste er zu Jahresbeginn erfahren: Bei Málaga stürzte er in einer Abfahrt, als er versuchte, einen ihm folgenden Hobbyfahrer abzuschütteln.
Bleibt die dritte große Säule der Offseason: das Trainingslager. Wie intensiv das werden kann, zeigte Red Bull-Bora-hansgrohe vor einem Jahr auf Mallorca, als Remco Evenepoel im Dezember-Camp eine fast komplette Inselrunde über 244 Kilometer mit einem Schnitt von 40,5 km/h fuhr. Gerade bei ihm ist der Winter ein heikles Thema, schließlich hatte ein Trainingsunfall im Dezember 2024 seine Saison 2025 verzögert.
Für den besten deutschen Rundfahrer im Team hat der Winter dagegen eine ganz eigene Geschichte. Florian Lipowitz kommt aus einer Sportart, in der die kalten Monate Hochsaison sind: Mit acht Jahren begann er mit Biathlon, wurde als Schüler deutscher Meister und gehörte zum Nationalkader. Sein früherer Trainer in Stams erinnert sich, dass Lipowitz dort bis heute den Rekord im Liegendschießen hält. Das eine oder andere Mal wird er wohl die Langlaufski anziehen können, um ein Trainingslager kommt er, wie die meisten Profis, aber wohl nicht drumherum.
Ob Matsch, Wickeltisch, Mallorca-Kilometer oder Langlaufski: Die Offseason der Profis folgt keinem Lehrbuch mehr. Gemeinsam ist allen nur eines: Persönlicher Freiraum scheint heute Teil eines echten Erfolgskonzepts zu sein. Und trotzdem richtet sich der Blick schon jetzt nach vorn. Spätestens am 22. Oktober, wenn in Paris die Strecke der Tour de France 2027 vorgestellt wird, wissen die Stars, wofür sie in diesem Winter leiden.

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