Neo-Profis, auf die 2024 zu achten istHolmgren-Schwestern, Czapla & Co. stürmen die Women`s World Tour

Sebastian Lindner

 · 08.02.2024

Lidl-Trek hat 2024 die beiden Zwillingsschwestern Ava (l.) und Isabella Holmgren unter Vertrag genommen. 2023 dominierten sie mit Silber und Gold bei den Juniorinnen die Cross-WM.
Foto: DPA Picture Alliance
2024 machen reichlich Talente den Schritt zur professionellen Radsportlerin. TOUR wirft den Blick auf sechs Neo-Profis, die perspektivisch für Furore im Feld sorgen können.

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Die Women’s World Tour gewinnt mit jeder neuen Saison an Professionalität. Hinter der höchsten Rennserie im Frauenradsport klafft jedoch eine Lücke, sowohl organisatorisch als auch leistungstechnisch. Es passt daher ins Bild, dass viele junge und talentierte Frauen direkt aus dem Jugendbereich in die WWT wechseln und die U23-Klasse in einem Kontinentalteam auslassen. Häufig haben sie eine interdisziplinäre Ausbildung genossen, kommen mit großen Erfolgen von der Bahn, auf dem Mountainbike oder aus dem Cross auf die Straße.



Vor allem im Querfeldein-Bereich sind die Chancen für die Entwicklung des weiblichen Nachwuchses größer. Denn an jeden Elite-Weltcup der Männer sind nicht nur seit Jahren schon gleichrangige Frauen-, sondern auch U23- und Juniorenrennen angeschlossen. Obwohl - verglichen zu den anderen Radsportdisziplinen - das meiste Geld in der Straße steckt, wurden gerade die Juniorinnen doch sträflich vernachlässigt. Und so haben die Neo-Profis, die 2024 in die WWT wechseln, überwiegend noch wenig Erfahrungen in einem großen Peloton.

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Lauren Molengraaf (FDJ-Suez)

Reihenweise Weltcupsiege sowie Welt- und Europameisterschaftsmedaillen bei den Juniorinnen im Cross hat sie schon, Niederländische Meisterin auf dem Mountainbike ist sie auch. Und nun will Lauren Molengraaf auch die Straße erobern. Platz 7 bei den Europameisterschaften in ihrer Heimat im Vorjahr war ein erster Schritt. Zur Saison 2024 wird sie bei FDJ-Suez fahren.

Für die 18-Jährige ist das allerdings nicht der einzige Profivertrag, den sie unterschrieben hat. Gleichzeitig hat sie bei Intermarche-Wanty bzw. Tormans, dem Cross-Team der Belgier, unterschrieben. Und dazu noch bei Lapierre-Mavic Unity, einer MTB-Mannschaft. Die drei Teams haben diese besondere Situation herbeigeführt, damit sich Molengraaf in allen drei Spezialgebieten weiterentwickeln kann. “Die drei Teams haben die gleichen Vorstellungen von meiner Zukunft, deshalb habe ich mich für dieses besondere Abenteuer mit drei hochkarätigen Teams entschieden”, so Molengraaf in einer Pressemitteilung. “In jeder Disziplin erhalte ich die Möglichkeit, mich in einem professionellen Umfeld in meinem Tempo zu entwickeln.”

Tom Pidcock im Männerbereich und Puck Pieterse bei den Frauen, die ebenfalls gerade die dreigleisige Entwicklung durchmacht, zeigen, dass es möglich ist, interdisziplinär auf höchstem Niveau erfolgreich zu sein. Lauren Molengraaf, die zu den größten Radsporttalenten ihrer Generation gerechnet wird, könnte die nächste Erfolgsgeschichte im Elitebereich schreiben.

Felicity Wilson-Haffenden (Lidl-Trek)

Diese Geschichte - sie klingt beinahe zu kurios, um wahr zu sein. Während der Corona-Pandemie schwingt sich Hockeyspielerin Felicity Wilson-Haffenden auf ein Fahrrad, um der Langeweile zu entgehen, denn ihrem eigentlichen Sport kann sie nicht mehr nachgehen. 2022 tritt sie bei den Australischen Meisterschaften der Juniorinnen an, mehr oder weniger aus dem Kalten. Sie wird auf Anhieb Vierte im Zeitfahren, bleibt dran und kommt ein Jahr später wieder. Dieses Mal holt sie den Titel, auch auf der Straße. Doppel-Gold motiviert sie zusätzlich. Und sieben Monate später ist Wilson-Haffenden Weltmeisterin.

Danach fühlte sie sich “wie ein Kind in einem Süßigkeitenladen”, sagte die 18-Jährige zu Jahresbeginn in einem Interview mit cyclingnews.com. Profiteams zeigten Interesse, dass sie letztlich für drei Jahre bei Lidl-Trek unterschrieb, ist auf die guten Kontakte von Ex-Profi Richie Porte, der wie Wilson-Haffenden von Tasmanien stammt, und der starken australischen Fraktion in der Frauenmannschaft zurückzuführen.



Ihr erster Einsatz in den neuen Teamfarben war die U23-Zeitfahrmeisterschaft des Landes, bei der sie Zweite wurde. Weiter ging es zur Tour Down Under, ihrem ersten Rennen in einem großen Profi-Peloton. Dass sich Felicity Wilson-Haffenden in einer für sie noch neuen Situation zurechtfinden muss, zeigen die Ergebnisse. In der Gesamtwertung wurde sie Vorletzte. Doch sobald sie sich akklimatisiert hat, dürfte auch in den Straßenrennen mehr herausspringen. Im Zeitfahren sowieso.

Justyna Czapla (Canyon//SRAM)

Als erfolgreiche Juniorin hat sich auch Justyna Czapla herausgestellt. Im Januar 20 Jahre alt geworden, sammelte die Bayerin aus Schwabach bei Nürnberg 2022 Medaillen. Auf der Bahn holte sie WM-Bronze in der Mannschaftsverfolgung, auf der Straße wurde sie Europameisterin und Vize-Weltmeisterin. Nach ihrer Junioren-Zeit unterschrieb Czapla 2023 einen Vertrag bei Canyon//SRAM Generation, dem Development-Team der WWT-Mannschaft - für das sie in den Saisons 2024 bis 2026 fahren wird.

Ein Jahr in der U23 reichte Teammanager Ronny Lauke offenbar, um das Talent zu befördern. “Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Es ist einer meiner größten Träume”, freute sich Czapla darüber in einer Teammitteilung. Ein 8. Platz im spanischen 1.1-Rennen reVolta war für sie neben Platz 6 in der Gesamtwertung der Princess Anna Vasa Tour (2.2) durch Polen das beste Resultat. Neben ihre Stärke im Kampf gegen die Uhr darf es also auch gerne ein bisschen bergauf gehen.

Der Wechsel auf die längeren Strecken - sind bei den Juniorinnen 80 Kilometer üblich, sind es bei den Frauen auch mal 130 und mehr - sei für sie zunächst etwas schwierig gewesen, mittlerweile aber nicht mehr problematisch. Beim Omloop van het Hageland am 25. Februar wird sie das erstmals als Profisportlerin beweisen können. Der Frühjahrsklassiker bringt es auf 129 Kilometer.

Isabella und Ava Holmgreen (Lidl-Trek)

Neben Felicity Wilson-Haffenden hat Lidl-Trek zwei weitere 18-Jährige zu Neo-Profis gemacht. Das US-lizenzierte Team hat sich zudem die Dienste der Zwillingsschwestern Isabella und Ava Holmgren aus Kanada gesichert. Die Holmgrens schrieben sich bereits in die Geschichtsbücher ihres Landes ein. Gold und Silber holten sie sich bei den Cross-Weltmeisterschaften 2023 in Hoogerheide. Bis dato hatte Kanada in keiner Altersklasse Edelmetall geholt.

Während sich Isabella 2023 in Glasgow auch zur Mountainbike-Weltmeisterin ihrer Altersklasse krönte, wurde Ava Panamerika-Meisterin bei den Junioren. 2024 will sich das Duo nun auch auf der Straße weiterentwickeln. Dass es weit nach vorne gehen kann, zeigte Isabella in Glasgow, als sie das Straßenrennen als Achte beendete.

Ansonsten haben beide auf Asphalt noch wenig Erfahrungen, außerhalb der Junioren nahezu überhaupt nicht. Der Winter stand noch im Zeichen der Querfeldeinrennen, Isabella wurde bei der Weltmeisterschaft in Tabor kürzlich Vierte in der U23, Ava 13. “Teil eines World-Tour-Teams zu sein, war ein langfristiges Ziel von mir. Daher war es für mich ein kleiner Schock, als Juniorin diese großartige Chance zu bekommen”, sagte Isabella Holmgren bei der Unterschrift ihres zweijährigen Vertrages. Er könnte noch etwas größer werden, wenn der gewohnte Erfolg zunächst ausbleibt und sich in einem großen Feld ganz andere Rennsituationen ergeben. Doch damit werden sich die Holmgren-Schwestern arrangieren, mittelfristig wird mit ihnen zu rechnen sein.

Cat Ferguson (Movistar)

Cat Ferguson ist aktuell der hellste Stern am Himmel der Radsporttalente. Sie ist gerade mal 17 Jahre alt und kommt aus Großbritannien. Wenn sie nicht noch ihre Schulausbildung beenden müsste, würde sie bereits in diesem Jahr als Neo-Profi bei Movistar unter Vertrag stehen. Doch so wird sie ab August Stagiare beim spanischen WWT-Team, um dann ab 2025 auch offiziell mit einem bis Ende 2027 datierten Vertrag ausgestattet zu werden.

Es ist bereits alles durchgeplant. Und doch ist alles irgendwie überraschend. Im Interview mit Cycling Weekly sagte Ferguson, überhaupt nicht mit dieser Entwicklung gerechnet zu haben. Dabei ließ sich das bei dem ungeheuren Erfolg gar nicht vermeiden. Im ersten Juniorenjahr gewann sie die Juniorenaustragung der Flandern-Rundfahrt, die Trofeo Alfredo Binda, holte Platz zwei bei Gent-Wevelgem. Dazu kommt der Titel bei den Britischen Meisterschaften im Zeitfahren. Bei der WM in Glasgow reichte es im Straßenrennen für Silber. Von 20 Renntagen beendete sie 19 in den Top 10.

Auf der Straße. Dazu kommt eine ähnliche Bilanz im Cross. Nur bei drei Weltcups landete sie nicht auf dem Podest. Die WM in Tabor beendete sie als Zweite ihrer Altersklasse mit dem gleichen Ergebnis wie die Mixed-Staffel der Elite. Bei Movistar darf sie in Zukunft in aller Ruhe weiterhin ihrer beiden Leidenschaften frönen - für sie eines der wichtigsten Argumente, das pro Spanien entschied.

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