Der Höhepunkt der Straßenrad-Weltmeisterschaften in Montréal steht bevor: Im Rennen der Frauen-Elite kämpfen die besten Fahrerinnen der Welt um das begehrte Regenbogentrikot. Auf den anspruchsvollen Straßen der kanadischen Metropole dürfte sich ein hochklassiges Rennen entwickeln, denn der Kurs vereint Kletterstärke und taktisches Geschick zugleich. Nach einer intensiven WM-Woche bietet das Straßenrennen die letzte und wichtigste Gelegenheit, sich mit Gold zu krönen und ein Kapitel Radsportgeschichte zu schreiben.
Die Fahrerinnen erwartet am Samstag, den 26. September 2026, ein 180,4 Kilometer langes Rennen mit insgesamt 2570 Höhenmetern. Gestartet wird im Vorort Brossard südlich des Sankt-Lorenz-Stroms, bevor das Peloton Kurs auf die Innenstadt von Montréal nimmt. Das Ziel befindet sich am Parc Jeanne-Mance am Fuße des Mont Royal, einer der bekanntesten Landmarken der Stadt.
Mit mehr als 2500 Höhenmetern ist der WM-Kurs richtig anspruchsvoll. Die zahlreichen Anstiege und die wellige Streckenführung auf den acht Runden in Montréal, werden die Fahrerinnen über fast fünf Rennstunden hinweg fordern. Vor allem im Finale dürften die kletterstarken Klassiker-Spezialistinnen und explosiven Puncheurinnen ihre Chancen suchen, wenn sie noch mit dabei sind. Die Strecke ist schwer genug, um das Feld deutlich zu selektieren, lässt gleichzeitig aber verschiedene Rennszenarien zu. Damit sind die Voraussetzungen für einen würdigen Kampf um das Regenbogentrikot geschaffen.
Mit Magdeleine Vallieres geht die Titelverteidigerin ausgerechnet im eigenen Land an den Start. Die Kanadierin wird vor heimischem Publikum bis in die Haarspitzen motiviert sein und kann auf die Unterstützung tausender Fans entlang der Strecke bauen. Der anspruchsvolle Kurs in Montréal kommt ihr grundsätzlich entgegen. Trotzdem gehört sie nicht zur ersten Reihe der Favoritinnen, denn die Konkurrenz ist in diesem Jahr enorm stark.
Die Rolle der großen Favoritin dürfte einmal mehr Demi Vollering zukommen. Die Niederländerin hat 2026 erneut bewiesen, dass sie auf schweren Kursen aktuell das Maß der Dinge ist. Kaum eine Fahrerin vereint Kletterstärke, Rennintelligenz und Durchsetzungsvermögen so wie Vollering. Wenn das Rennen an den Anstiegen selektiert wird, dürfte sie die erste Fahrerin sein, die ihre Rivalinnen im Blick haben müssen.
Direkt dahinter ist Elisa Longo Borghini einzuordnen. Die Italienerin war Vollering in dieser Saison häufig dicht auf den Fersen und zählt auf einem anspruchsvollen WM-Kurs wie Montréal selbstverständlich zum engsten Favoritenkreis. Ähnliches gilt für Kasia Niewiadoma, die mit ihrer aggressiven Fahrweise und ihrer Stärke an kurzen, explosiven Anstiegen jederzeit den entscheidenden Angriff setzen kann.
Auch Marlen Reusser bringt die Qualitäten für ein großes WM-Ergebnis mit. Die Schweizerin zählt zu den stärksten Dieselmotoren im Feld und kann auf selektiven Kursen enorme Leistungen abrufen. Allerdings könnte ihr im Finale der letzte Punch fehlen, um sich gegen die explosivsten Fahrerinnen durchzusetzen oder die entscheidende Attacke mitzugehen.
Genau diesen Punch besitzt Kim Le Court Pienaar. Die Meisterin aus Mauritius vereint Kletterstärke mit einem starken Sprint und gehört deshalb zu den gefährlichsten Fahrerinnen im Feld. Übersteht sie die schwierigsten Passagen gemeinsam mit den besten Bergfahrerinnen, dürfte sie in einer kleineren Gruppe nur schwer zu schlagen sein. Kurios: Die Regenbogenstreifen wären farblich gar nicht so weit entfernt von ihrem Trikot als Landesmeisterin von Mauritius.
Mit Lotte Kopecky und Paula Blasi stehen zwei weitere Fahrerinnen auf der Liste der Medaillenkandidatinnen. Beide verfügen über die nötige Explosivität für die entscheidenden Rennmomente und bringen zudem einen starken Sprint mit. Die große Frage wird sein, ob sie auf den letzten schwierigen Anstiegen den Attacken der ausgewiesenen Kletterspezialistinnen folgen können. Gelingt ihnen das, sind ihre Chancen auf den WM-Titel ausgezeichnet.
Aus deutscher Sicht ruhen die Hoffnungen vor allem auf Antonia Niedermaier. Die junge Deutsche überzeugte bereits im vergangenen Jahr auf einem schweren WM-Kurs und könnte auch in Montréal von ihrer Außenseiterrolle profitieren. Niedermaier gehört zu jenem Fahrertyp, der an den Anstiegen zwar nicht zwingend stärker als die Topfavoritinnen ist, von diesen aber oft auch nicht als unmittelbar größte Gefahr wahrgenommen wird. Genau daraus könnte sich eine Chance ergeben: Wenn die Favoritinnen zögern oder sich gegenseitig beobachten, könnte Niedermaier die Freiheiten erhalten, die für eine Überraschung im Kampf um die Medaillen nötig sind.
Das wäre doch etwas: eine deutsche Weltmeisterin. So oder so wird das Rennen am Samstag unfassbar spannend und zeigt gleichzeitig, wer zu diesem späten Saisonzeitpunkt noch eine gute Form erhalten hat.

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