Es war der Nachmittag, an dem die Tour de France 2023 entschieden wurde. Im Zeitfahren nach Combloux schoss Jonas Vingegaard die Côte de Domancy hinauf, als hätte jemand die Schwerkraft für ihn abgeschaltet. Am Ende hatte er Tadej Pogačar auf der einzigen Zeitfahretappe 1:38 Minuten abgenommen, am folgenden Alpentag baute er seinen Vorsprung auf über sieben Minuten aus. Vier Jahre später kehrt der Radsport an genau diesen Hang zurück. Nicht für eine Etappe, sondern für das wichtigste Eintagesrennen des Jahres: Bei der WM 2027 in der Haute-Savoie fällt die Entscheidung um das Regenbogentrikot an der Côte de Domancy. Und plötzlich stellt sich eine Frage, die man bei Vingegaard bislang kaum stellen musste: Ist das endlich eine WM für ihn?
Wer Vingegaards Palmarès durchblättert, landet fast ausschließlich bei Rundfahrten. Allein 2026 gewann er Paris–Nizza, die Volta a Catalunya und den Giro d’Italia, womit er Siege bei allen drei Grand Tours gesammelt hat. Bei den Eintagesrennen dagegen herrscht weitgehend Leere, und bei Weltmeisterschaften erst recht: Sein einziger WM-Auftritt liegt im Jahr 2018 als U23-Fahrer, seine Rückkehr ins dänische Nationaltrikot bei der EM 2025 endete ohne Zielankunft. Dort wurde er früh abgehängt und stieg vorzeitig aus.
Dabei war die WM-Premiere schon zweimal greifbar. 2025 galt sein erster WM-Start eigentlich als sicher, ehe er wenige Stunden vor der Vuelta-Teampräsentation absagte. 2026 sollte es dann Montréal werden, bis Jonas Vingegaard sich auf der 15. Etappe der Tour de France bei einem Sturz das Schlüsselbein brach. Visma erklärte die Saison wenig später für beendet, weil er noch unter den Folgen der Verletzung litt. Wenn er im August 2027 in Sallanches am Start steht, wird Vingegaard 30 Jahre alt sein und noch immer auf seinen ersten Elite-WM-Start warten.
Was ihn diesmal reizen dürfte, ist die Strecke der Weltmeisterschaften. Alle Straßenrennen nutzen 2027 denselben 13,3 Kilometer langen Rundkurs um Sallanches und Domancy, im Zentrum steht die Côte de Domancy mit 2,5 Kilometern, 9,4 Prozent Durchschnitt und Rampen bis 16 Prozent. Jede Runde bringt 285 Höhenmeter. Die Elite-Männer müssen den Kreis zwanzigmal absolvieren, macht 265 Kilometer und 5700 Höhenmeter, so viel wie bei keinem WM-Straßenrennen der Männer in diesem Jahrhundert. Selbst die Kletter-WM von Kigali 2025 wird damit übertroffen.
Geschichte hat der Ort ohnehin genug. Bernard Hinault holte 1980 genau an dieser Steigung das Regenbogentrikot, und der Kurs von 2027 folgt auf Hinaults Wunsch derselben Linienführung; in Sallanches wurde 1964 zudem Eddy Merckx Amateur-Weltmeister.
Dass die WM 2027 in Vingegaards Kopf ist, daraus macht der dänische Nationaltrainer kein Geheimnis. Michael Mørkøv sagte gegenüber Eurosport Dänemark, er habe Jonas Vingegaard schon vor Jahren darauf angesprochen, als feststand, wo die WM stattfinden würde. Für Mørkøv könnte Sallanches die Weltmeisterschaft dieses Jahrzehnts werden, die am besten zu Kletterern und einem Fahrer wie Vingegaard passt. Und er geht noch weiter: Sein klarer Eindruck sei, dass Vingegaard sehr gern für die Nationalmannschaft fahren und an einer WM teilnehmen wolle, solange es zu seinen übrigen Verpflichtungen passt.
Einen Vorgeschmack gibt es schon bei der Tour. Die 10. Etappe führt am 13. Juli über 171 Kilometer von Annecy nach Sallanches, die Côte de Domancy ist einer von sechs schweren Anstiegen des Tages (hier gibt es die gesamte Strecker der Tour de France 2027 zum nachlesen). Für Jonas Vingegaard ist das ein Heimspiel auf vertrautem Terrain, für Pogačar allerdings auch eine Gelegenheit zur Revanche.
Der Kalender spielt dem Dänen in die Karten. Das Elite-Rennen der Männer steigt am 29. August, nur einen Monat nach der Tour de France. Wer aus der Grande Boucle mit Topform herauskommt, muss sie nur über einige Wochen konservieren. Danach drängt allerdings schon die Vuelta: Zwischen dem WM-Straßenrennen und dem Vuelta-Auftakt in Santiago de Compostela liegen nur sechs Tage. Tadej Pogačar hat bereits jetzt angekündigt die Spanien-Rundfahrt fahren zu wollen.
Dass Sallanches für Vingegaard 2027 mehr sein könnte als ein Nebenschauplatz, liegt auch an der Tour selbst. Die am 22. Oktober präsentierte Strecke der Grande Boucle ist kein Kletterparcours. Gerade einmal zwei Bergankünfte stehen im Programm, am Grand Colombier und am Col du Portet. Die erste Woche gehört den Puncheuren und Sprintern, die Hochgebirgsetappe kommt erst am neunten Tag. Dafür hat ASO den Rotstift beim Zeitfahren weggelassen: Mit 71 Kilometern gegen die Uhr, verteilt auf zwei Tage, gibt es so viele Zeitfahrkilometer wie seit 2012 nicht mehr, als Bradley Wiggins die Tour gewann.
Natürlich gibt es auch harte Bergtage, die Pyrenäen-Königsetappe zum Portet mit 5400 Höhenmetern etwa, oder den Alpentag nach Les Saisies. Doch für einen Fahrer, dessen Stärke die Abfolge langer, zermürbender Hochgebirgsetappen ist, bietet dieser Parcours schlicht weniger Gelegenheiten, Zeit zu gewinnen. Profitieren dürfte vor allem Remco Evenepoel, der auf den flachen Zeitfahren nach Chambord und in Toulouse seine größten Trümpfe ausspielen kann. Für Vingegaard, der in den letzten Jahren ohnehin meist hinter Pogačar ins Ziel kam, wird der dritte Toursieg damit nicht wahrscheinlicher. Umso mehr Gewicht bekommt ein Ziel, bei dem die Strecke einmal ganz auf seiner Seite steht.
Genau diese Rechnung macht auch der Mann auf, an dem Vingegaard seit Jahren gemessen wird. Pogačar hat für 2027 drei große Ziele ausgegeben: die Tour, die Vuelta und die WM in Frankreich. Der Slowene, Weltmeister 2024 und 2025, verpasste Montréal nach seinem Vuelta-Sturz, Sallanches könnte für ihn die ideale Chance werden, sich das Regenbogentrikot zurückzuholen.
Und hier liegt der Haken an der vermeintlichen Traum-WM. Die Domancy ist kein Alpenpass, auf dem Jonas Vingegaard seine Stärke über 40, 50 Minuten ausspielen kann. Sie ist ein knapp sieben Minuten langer, giftiger Stich – eine Belastung, die eher an Lüttich oder die Lombardei erinnert als an Hautacam. Auf solchen Rampen war Pogačar zuletzt kaum zu schlagen. Dagegen spricht die schiere Summe: 20 Anstiege und 5700 Höhenmeter verwandeln das Rennen in einen Zermürbungskrieg, in dem nicht der Explosivste gewinnt, sondern der, der in Runde 18 noch dieselben Watt drücken kann wie in Runde 3. Genau das ist Vingegaards Spezialität. Seine Siege bei Tour, Vuelta und Giro beruhten stets auf langen, zermürbenden Bergtagen.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Es geht nicht nur darum, ob Vingegaard in Sallanches gewinnen kann, sondern ob er es überhaupt ernsthaft versucht. Auf den folgenden, flachen Weltmeisterschaften in Abu Dhabi und Dänemark dürfte er kaum eine Chance haben. Die WM 2027 ist damit nicht nur die beste Gelegenheit seiner Karriere, sie könnte auch die letzte realistische sein. Für einen Fahrer, der Eintagesrennen lange gemieden hat, wäre das Regenbogentrikot auf Hinaults Hausberg die größtmögliche Antwort an alle, die ihn für einen reinen Rundfahrer halten.

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