Leon Weidner
· 02.06.2026
Jonas Vingegaard hat den Giro d’Italia 2026 in Rom gewonnen und das nicht grade knapp. Mit einem auffällig stabilen Leistungsprofil über drei Wochen, ohne sichtbare Schwächen, ohne schwierige Tage. Genau diese Art von Souveränität wirkt im Mai beeindruckend, bekommt aber automatisch einen zweiten Bedeutungsrahmen: Das war nur der Testlauf für die bevorstehende Tour de France. Denn ab jetzt läuft jede Analyse auf dieselbe Frage hinaus: Ist Vingegaard bereit für Tadej Pogačar und kann ihm über drei Wochen einen echten Kampf liefern?
Am Giro war weniger das Spektakel entscheidend als die Statik dahinter. Jonas Vingegaard fuhr, als hätte er seinen eigenen Rhythmus gefunden und als könnte er ihn jederzeit wieder abrufen. Das ist der Unterschied zwischen „in Form sein“ und „Grand-Tour-formfest sein“: dosieren statt überziehen, die Spitzen bewusst setzen, den Rest des Tages in einem kontrollierten Bereich abspulen. Dazu kommt jedoch das Zeitfahren: nicht nur schnell, sondern sauber, mit klarer Linie, kontrolliertem Tempoaufbau und Risikomanagement. Nach der Italien-Rundfahrt ist das die einzig erkennbare Schwäche des Dänen, der durchaus schon bessere Tage auf dem Zeitfahrrad hatte. Ansonsten war kein Makel zu erkennen. Kurz: Der Giro liefert ein hartes Argument für Vingegaards Konstanz unter Dauerbelastung. Und Konstanz ist genau die Währung, die im Duell mit Pogačar zählt.
So klar das Giro-Statement von Jonas Vingegaard war: Die Tour de France ist anders. Größer. Härter. Und dann gibt es da eben noch diesen einen Fahrer. Tadej Pogačar. Der Sieger der letzten beiden Ausgaben der Frankreich-Rundfahrt. Gegen ihn scheint kein stark genug zu sein. Während Pogačar sich aus dem Trubel zurückgezogen hat und seine letzten Vorbereitungen für die Tour trifft, hat man schon beinahe das Frühjahr des Slowenen wieder vergessen. Er eilte dort von einem Klassiker-Sieg zum Nächsten und wirkte fast so dominant wie bei den Grand Tours.
Ein entscheidender Unterschied zwischen ihm und Jonas Vingegaard ist der Antritt. Kann Vingegaard Pogačars wiederholte Beschleunigungen neutralisieren, nicht einmal, sondern regelmäßig? Nicht nur am Schlussanstieg, sondern auch in Übergängen, im Positionskampf und nach bereits harten Etappen, wenn die Beine schon vorbelastet sind und jede kleine Lücke teuer werden kann.
Der Giro war Vingegaards Machtdemonstration, allerdings ohne den größten Konkurrenten. Die Tour wird das Duell, in dem diese Souveränität gegen den härtesten Maßstab im aktuellen Radsport gemessen wird: Tadej Pogačar. Ob Jonas Vingegaard bereit ist? Nach Italien ist die Frage nicht endgültig beantwortet, aber sie schwebt größer im Raum als zuvor.
Werkstudent