Herbst-FlauteWarum der Frauenradsport ein echtes WorldTour-Saisonfinale braucht

Leon Weidner

 · 12.10.2026

Herbst-Flaute: Warum der Frauenradsport ein echtes WorldTour-Saisonfinale brauchtFoto: Getty Images/Pim Waslander
Der Frauenradsport hat im Frühjahr längst bewiesen, dass er die Menschen an die Strecke und vor die Bildschirme zieht
​Im Frühjahr fahren die Frauen fast alle großen Klassiker, im Herbst bleibt es ruhig im Frauenradsport. 40 Tage ohne einen einzigen WorldTour-Renntag sind keine Kalenderpanne. Es ist ein strukturelles Problem, und es wird Zeit, das zu lösen.

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​Wer im Frühjahr Frauenradsport schaut, braucht starke Nerven und einen freien Terminkalender. Omloop Nieuwsblad, Strade Bianche, Milano-Sanremo, Ronde van Brugge, Gent-Wevelgem, Dwars door Vlaanderen, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Amstel Gold Race, Flèche Wallonne, Lüttich-Bastogne-Lüttich: Fast jeder große Männerklassiker hat mittlerweile sein weibliches Gegenstück. Und genau diese Rennen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, was der Frauenradsport kann. Franziska Koch gewinnt im Sprint gegen Marianne Vos im legendären Radstadion von Roubaix, alleine beim Gedanken bekomme ich noch jetzt Gänsehaut. Die Gleichstellung im Kalender ist im Frühjahr schon lange kein Versprechen mehr, sie ist Realität. Umso härter ist der Kontrast, wenn die Blätter fallen.

Fehlender Herbst für den Frauenradsport

Schauen wir auf die zweite Saisonhälfte 2026. Die Tour de Romandie Féminin und die Tour of Guangxi wurden gestrichen, die Simac Ladies Tour hat ihren WorldTour-Status verloren. Was dem Frauenradsport nach der Tour de France Femmes bleibt, ist schnell aufgezählt: die Tour of Britain, die Classic Lorient Agglomération und die Tour of Chongming Island. Letztere ist ein dreitägiges Etappenrennen mit drei brettflachen Sprintankünften. Mit allem Respekt vor den Sprinterinnen: Ein Saisonhöhepunkt sieht anders aus. Apropos fallende Blätte: ein Rennen der fallenden Blätter (Lombardei-Rundfahrt), gibt es für die Frauen schlichtweg nicht.

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Dann die Zahl, die mich beim Durchrechnen tatsächlich überrascht hat. Zwischen dem 29. August und dem 9. Oktober gab es in der Women’s WorldTour keinen einzigen Renntag. Das sind 40 Tage Stillstand in der höchsten Rennserie des Sports. 40! Natürlich lag die Weltmeisterschaft in Montréal dazwischen. Aber eine WM ist kein Ersatz für einen normalen Rennkalender: Sie bestreitet nur ein Bruchteil des Pelotons, viele Fahrerinnen sind gar nicht nominiert, und ihre Teams stehen wochenlang ohne Bühne für Sponsoren da.

Der Blick zu den Männern

Bei den Männern wäre so eine Lücke schlicht undenkbar. Dort gibt es im September und Oktober noch einmal richtige Höhepunkte: die beiden Klassiker in Québec und Montréal, dazu die Lombardei-Rundfahrt als letztes Monument des Jahres. Das sind Rennen mit Geschichte, mit Gesichtern, mit Fernsehzeit. Genau dort entstehen die Bilder, die eine Saison abrunden.

Besonders bitter finde ich den Fall Kanada. Die WM fand in diesem Jahr ausgerechnet in Montréal statt, der gesammelte Frauenradsport war ohnehin vor Ort, die Infrastruktur auch. Ein Frauenrennen in Québec oder Montréal hätte sich förmlich aufgedrängt. Stattdessen blieb es bei den Männern.

2027: besser, aber nicht gut

Der Kalender für die kommende Saison ist seit einigen Tagen bekannt, und fairerweise muss man sagen: Es gibt Bewegung. Die Vuelta España Femenina rückt ans Saisonende und folgt direkt auf die Männer-Vuelta. Das ist ein echter Gewinn für den Herbst. Nur: Sie wird nicht zusätzlich gefahren, sondern verschoben. Was der Herbst gewinnt, verliert das Frühjahr.

Und das Grundproblem bleibt. Nach der Tour de Romandie Féminin Mitte September klafft erneut eine Lücke von knapp drei Wochen, bevor die Vuelta Anfang Oktober startet. In dieser Zeit findet auch keine WM statt. Ausgerechnet der September, in dem die Männer ihre Klassiker in Kanada fahren und der Formhöhepunkt vieler Fahrerinnen ansteht, bleibt in der Women’s WorldTour weitgehend leer.

Was es jetzt für den Frauenradsport braucht

Kosmetik am Kalender reicht nicht. Der Frauenradsport braucht im Herbst ein echtes Highlight. Am liebsten eines, das nicht bloß die Männerrennen kopiert.

Ein großer, selektiver Eintagesklassiker im September wäre der naheliegende Schritt. Ein Hügelrennen, bei dem Kletterinnen und Klassikerspezialistinnen gleichermaßen eine Chance haben, als Generalprobe für die WM oder als Abschluss der Saison. Die Lombardei-Rundfahrt der Frauen klingt zwar nach einem Traum, doch ein Monument lässt sich nicht aus dem Hut zaubern. Ein Rennen mit klarem Profil und festem Platz im Kalender schon.

Noch spannender fände ich eine Rundfahrt, die es bei den Männern so nicht gibt. Der Frauenradsport hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er eigene Formate tragen kann. Warum nicht ein kompaktes, anspruchsvolles Etappenrennen im Herbst, das bewusst auf Spannung statt auf Länge setzt? Fünf Tage, wechselndes Terrain, eine Bergankunft, ein Zeitfahren. Das wäre ein Rennen, das sich nicht am Männerkalender messen lassen muss, sondern selbst Maßstäbe setzt.

Die Fahrerinnen sind bereit, das merkt man alleine schon daran, dass nahezu alle Topfahrerinnen den gesamten Rennkalender bestreiten. Die Teams sind professioneller denn je, und das Publikum hat im Frühjahr längst gezeigt, dass es einschaltet. Jetzt sind UCI und Veranstalter am Zug. 40 Tage Funkstille sollten sich nicht wiederholen.

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Leon Weidner

Redakteur

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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