Radrennen sind ein extrem harter Sport, der die Rennfahrer oft an ihre physischen und psychischen Belastungsgrenzen bringt und manchmal auch darüber hinaus. Kein Wunder, dass dann auch mal die Gefühle mit den Athleten durchgehen und Konflikte im Radsport entstehen, bei denen dann auch mal die Fäuste fliegen. Ein Ruhmesblatt ist das für keinen Sportler, aber manche dieser Szenen sind dennoch in Erinnerung geblieben.
Der Niederländer Jeroen Blijlevens war in den 1990er-Jahren einer der erfolgreichsten Sprinter im internationalen Peloton, insgesamt 74 Rennen konnte er gewinnen, die meisten davon Etappen bei Rundfahrten. Er gehört zu den wenigen Profis, die bei Giro d’Italia, Tour de France und Vuelta a Espana Tageserfolge erzielen konnten. Zeit seiner Karriere war Blijlevens ein eher robuster Typ, der seine Position in den Massensprints zäh verteidigte. Bei der Tour de France 2000 gingen dabei allerdings einmal die Pferde mit ihm durch. Nach der Zieldurchfahrt der Schlussetappe beschuldigte er den Amerikaner Bobby Julich, ihn im Sprint behindert zu haben. Als Julich sich lachend abwenden wollte, wurde der Niederländer aber erst recht wütend und schlug dem US-Profi mit der Faust ins Gesicht, wobei dessen Brille zerbrach. Für diese Tätlichkeit wurde Blijlevens nachträglich disqualifiziert und musste eine Geldstrafe in Höhe von rund 130 Euro berappen.
Im selben Jahr wurde bei der Spanien-Rundfahrt ein ähnlicher Vorfall aktenkundig; vor dem Start zur 5. Etappe lieferte sich der Italiener Mario Cipollini in Albacete mit dem spanischen Fahrer Javier Cerezo der Mannschaft Vitalicio eine Schlägerei. Augenzeugen berichteten damals, Cipollini habe dem Vitalicio-Fahrer beim Einschreiben vor dem Start mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Die Ehefrau und Kinder Cerezos, der nach dem Schlag stark blutete und dessen Auge anschwoll, waren Zeugen der Szene. Cipollini warf Cerezo vor, ihn beleidigt zu haben, die genauen Umstände des Streits sind nicht bekannt.
“Cipo” begeisterte die Fans im Verlauf seiner Karriere mit tollen Leistungen und ungezählten Siege sowie seinen Star-Qualitäten, geriet aber auch mehr als einmal mit dem Gesetz in Konflikt. 2009 wurde er wegen Steuerhinterziehung verurteilt, später aber freigesprochen, weil er zur fraglichen Zeit in Monaco gelebt habe und daher in Italien nicht steuerpflichtig gewesen sei. 2022 wurde Cipollini wegen Gewalt gegen seine ehemalige Lebensgefährtin zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Der frühere Radprofi Bernard Hinault – bis heute der letzte Franzose, der die Tour de France gewinnen konnte (1984) – war schon zu Zeiten seiner aktiven Laufbahn bekannt für seine bretonische Sturheit und seinen aufbrausenden Charakter. Ein schönes Beispiel dafür ist seine Abneigung gegen den legendären Kopfsteinpflaster-Klassiker Paris-Roubaix. Hinault machte nie ein Hehl daraus, dass er das Rennen nicht mochte, zeigte aber allen Kritikern mit seinem Sieg 1981, dass er auch diese Herausforderung annimmt. Anschließend meinte er mit der Autorität des Siegers: “Das Rennen ist Unsinn.” Er nahm auch nur noch ein weiteres Mal teil (1982, als Vorjahressieger) und machte ansonsten einen großen Bogen um das Rennen.
Seit dem Ende seiner aktiven Laufbahn arbeitet Hinault auch für den Veranstalter der Tour de France und begleitet die Siegerehrungen nach den Etappen. In dieser Funktion machte er 2008 kurzen Prozess mit einem Demonstranten in Nantes, der die Siegerehrung für seinen Protest gegen den Flughafenausbau nutzen wollte, und schubste den Störer kurzerhand und ziemlich rüde von der Bühne.
Bei der Tour de France 2010 gerieten ein weiteres Mal zwei Rennfahrer derart aneinander, dass es dem Publikum nicht verborgen blieb. Nach der sechsten Etappe kam es am Freitag im Zielort Gueugnon zu einer handfesten Schlägerei zwischen dem Spanier Carlos Barredo und dem Portugiesen Rui Costa. Die Streithähne waren bereits während des Rennens aneinandergeraten, als sich die Lenker der beiden berührt haben sollen. Hinter dem Zielstrich ging dann Barredo mit einem Vorderrad auf Costa los, bevor er den Portugiesen mit mehreren Faustschlägen traktierte. Beide Fahrer erhielten von der Jury eine Geldstrafe in Höhe von 300 Euro.
Der Zorn mancher Radprofis richtet sich aber nicht nur gegen andere Rennfahrer, mit denen sie während des Rennens oder aus anderen Gründen aneinandergeraten. Auch Zuschauer am Rande der Rennstrecke können sich den Unmut der Fahrer zuziehen. Viele vermeintliche Radsport-Fans, welche die großen Radrennen mit einer Bühne für ihre eigenen Auftritte im Fernsehen verwechseln, kommen den Rennfahrern alleine schon durch ihre egoistischen Darbietungen in mehr oder weniger geschmackvollen Verkleidungen bedrohlich nahe.
Wenn sie dann noch in Ärzte-Kostümen oder mit überdimensionalen Spritzen ihren Dopingverdacht darstellen wollen, wird es dem einen oder anderen Fahrer dann doch zu bunt. So hatte beispielsweise der Spanier Alberto Contador bei der Tour de France 2011 genug von den Belästigungen eines neben ihm herrennenden Zuschauers und knallte dem vermeintlichen Grünkittel eine.
Bei einer ähnlichen Attacke durch einen spritzenschwingenden Zuschauer während der Kalifornien-Rundfahrt schubste Lance Armstrong den Fan in den Graben.
Während der Vuelta a Espana 2014 blieb eine veritable Prügelei wieder “in der Familie” beziehungsweise im Peloton. Der Italiener Gianluca Brambilla aus dem Team Omega Pharma-Quick Step lieferte sich mit dem Russen Ivan Rovny aus dem Tinkoff-Saxo-Team eine regelrechte Schlägerei auf dem Rad – und das direkt vor den Augen der Kommissäre, die im Schlussanstieg zunächst den Italiener und kurz darauf auch den Russen aus dem Rennen nahmen. Nachdem Brambilla zuerst noch wild gestikulierend gegen die Entscheidung protestierte, zeigte er sich später einsichtig und twitterte: “Es tut mir leid. Das hätte nicht geschehen dürfen.”
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Eine wirklich wilde Geschichte streitender und prügelnder Rennfahrer spielte sich fernab europäischer TV-Bilder bei der Costa-Rica-Rundfahrt 2015 ab. Dort eskalierte die Rivalität zwischen den beiden Teams Frijoles Los Tierniticos und Reitt-Zumco-Micho. Zunächst sollen zwei Rennfahrer beider Teams während des Rennens der 6. Etappe in Streit geraten sein, was die Gemüter heftig erhitzte.
Auch Stunden nach dem Rennen war der Streit nicht abgekühlt. Und da beide Teams nach der Etappe im selben Hotel untergebracht waren, kam es, wie es kommen musste: Auf den Hotelfluren entspann sich eine wilde Keilerei, nach der mehrere Rennfahrer und andere Beteiligte mit gebrochenen Armen und Nasen im Krankenhaus landeten. Die Disqualifikation zweier Teammitglieder von Frijoles Los Tierniticos war dem Team Reitt-Zumco-Micho aber nicht genug Strafe, weshalb die Truppe die Rundfahrt beleidigt abbrach.