Lange war es ein Gerücht, seit dem heutigen Dienstag ist es offiziell. Filippo Ganna fährt ab der Saison 2027 für Lidl-Trek und hat einen Vertrag bis Ende 2029 unterschrieben. Damit endet eine Ära: Acht Jahre lang war der 30-Jährige eine der prägenden Figuren im Ineos-Trikot, seit er 2019 von UAE Team Emirates kam. Sein Vertrag beim britischen Team wäre eigentlich noch bis Ende 2027 gelaufen.
Der Transfer reiht sich in einen Herbst ein, in dem kaum ein Weg an Lidl-Trek vorbeiführt. Mit Felix Gall, Gregor Mühlberger, Igor Arrieta, Jordan Jegat, Jordi Meeus und Georg Zimmermann hatte das Team schon vor Ganna eine ganze Reihe namhafter Neuzugänge bestätigt. Platz dafür wurde konsequent geschaffen: Giulio Ciccone, Andrea Bagioli und Tim Torn Teutenberg verlassen das Team, Bauke Mollema, Jacopo Mosca und Max Walscheid beenden ihre Karrieren.
Nicht jedem gefällt dieser Kurs. Der frühere Teamchef Patrick Lefevere warf Lidl-Trek zuletzt vor, ohne klaren sportlichen Plan Namen anzuhäufen. CEO Andy Schleck sieht das naturgemäß anders. Filippo Ganna sei ein zentraler Baustein, um die Pläne des Teams umzusetzen, und könne sowohl selbst große Rennen gewinnen als auch seine Teamkollegen entscheidend stärker machen.
Gannas Lebenslauf erklärt, warum Lidl-Trek so viel Aufwand betreibt. Zweimal wurde er Zeitfahr-Weltmeister, dazu kommen acht Etappensiege beim Giro d’Italia, zwei bei der Vuelta und fünf bei Tirreno-Adriatico. Auf der Bahn holte er mit dem italienischen Vierer Olympiagold in Tokio und hält bis heute den Stundenweltrekord.
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Spannender für Lidl-Trek dürfte aber sein, was Filippo Ganna in den vergangenen Jahren auf der Straße dazugelernt hat. Zweimal stand er bei Mailand–Sanremo auf dem Podium, in diesem Frühjahr gewann er Dwars door Vlaanderen. Genau dort sieht er auch seine Zukunft: Die Klassiker nennt er als großes Ziel, und mit Blick auf den neuen Kader sagt er selbstbewusst, dass „nichts außer Reichweite“ sei. Die Grand Tours bleiben ebenfalls auf dem Programm, zum einen als Helfer, zum anderen mit Chancen auf Etappensiege.
Fremd wird sich Filippo Ganna bei Lidl-Trek nicht fühlen. Mit Jonathan Milan und Simone Consonni fuhr er jahrelang im italienischen Bahnvierer, mit Consonni fuhr er schon im selben Straßenteam. Auch die Rollenverteilung scheint geklärt: Mads Pedersen sei die Nummer eins im Team, so Ganna, und er wolle ihm eine starke Stütze sein. In der Klassikersaison könnte daraus ein gefährliches Duo werden. Ein Pedersen, der im Finale auf einen Ganna im Vollgasmodus zählen kann, ist für die Konkurrenz ein echtes Problem.
Bei Netcompany Ineos hinterlässt der Abgang eine Lücke, die über die Ergebnisliste deutlich hinausgeht. Kaum ein Team hat so akribisch am Zeitfahren gearbeitet wie die Briten. Trainer, Ingenieure und Athleten tüftelten an Sitzposition, Material und Aerodynamik, oft bis ins letzte Detail. Filippo Ganna war dabei nicht nur der erfolgreichste Fahrer, sondern das Aushängeschild dieses Systems. Sein Stundenrekord war das Paradebeispiel dafür, was entsteht, wenn Ausnahmeathlet und Entwicklungsabteilung perfekt zusammenarbeiten.
Für Filippo Ganna selbst ist der Wechsel dagegen auch ein Materialwechsel. Er muss sich auf neue Räder und neue Komponenten einstellen und seine Zeitfahrposition gemeinsam mit einem neuen Staff neu abstimmen. Ob er das Niveau seiner besten Ineos-Jahre gegen die Uhr sofort halten kann, wird eine der spannenden Fragen der kommenden Saison sein.
Klar ist: Lidl-Trek bekommt einen Fahrer, der in fast jedem Rennformat einen Unterschied machen kann. Ineos dagegen muss sich neu erfinden, ausgerechnet in der Disziplin, die lange das Markenzeichen war.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.