Manchmal erzählt ein Karriereweg mehr als jede Siegerliste. Fabio Jakobsen gehört zu den Fahrern, die im Radsport nicht nur wegen ihrer Erfolge, sondern vor allem wegen ihrer Geschichte in Erinnerung bleiben. Nach schwierigen Jahren und einer sportlichen Durststrecke wagt der Niederländer nun den nächsten Neustart. Ab der Saison 2027 wird Jakobsen für Team Visma | Lease a Bike fahren. Die Hoffnung: zurück zu alter Stärke und zurück in die Weltspitze der Sprinter.
Als Fabio Jakobsen zu Beginn seiner Profikarriere bei Deceuninck - Quick Step auf sich aufmerksam machte, galt er als eines der größten Sprinttalente seiner Generation. Mit seinem explosiven Antritt gewann er Rennen am Fließband und etablierte sich schnell in der absoluten Weltklasse.
Doch im August 2020 nahm seine Karriere eine dramatische Wendung. Beim Auftakt der Polen-Rundfahrt kam Jakobsen im Massensprint nach einer Kollision mit Dylan Groenewegen schwer zu Fall. Der Niederländer erlitt lebensgefährliche Verletzungen im Gesichtsbereich, lag anschließend mehrere Tage im Koma und musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Lange war unklar, ob er überhaupt jemals wieder professionell Rad fahren würde.
Dass Fabio Jakobsen überhaupt in den Rennsport zurückkehrte, grenzte bereits an ein kleines Wunder. Doch er beließ es nicht dabei. Nach seinem Comeback kämpfte er sich Schritt für Schritt zurück in die Weltspitze.
Vor allem die Jahre 2021 und 2022 zeigten eindrucksvoll, welche mentale Stärke Jakobsen besitzt. Er gewann zahlreiche Rennen, feierte drei Etappensiege bei der Vuelta a España und gehörte wieder regelmäßig zu den erfolgreichsten Sprintern im Peloton.
Viele Beobachter hatten den Eindruck, dass er endgültig an sein früheres Niveau angeknüpft hatte. Fabio Jakobsen galt erneut als einer der schnellsten Männer der Welt und schien bereit, die nächsten Jahre zu prägen.
Doch genau zu diesem Zeitpunkt begann die Erfolgskurve wieder nach unten zu zeigen. Während die Konkurrenz mit Fahrern wie Jasper Philipsen, Tim Merlier oder Jonathan Milan immer stärker wurde, fand Jakobsen zunehmend schwerer in die entscheidenden Sprintpositionen.
Die Siege wurden seltener, die ganz großen Ergebnisse blieben aus. Auch körperliche Rückschläge und ein fehlendes Selbstvertrauen spielten dabei eine Rolle. Der Niederländer wirkte häufig nicht mehr so unbeschwert und dominant wie in seinen besten Jahren.
Zur Saison 2024 folgte deshalb der Wechsel zum damaligen Team dsm-firmenich PostNL, heute Team Picnic PostNL. Neue Umgebung, neues Material, neue Impulse. Doch die erhoffte Trendwende blieb weitgehend aus. Fabio Jakobsen kämpfte weiterhin mit seiner Form und konnte nur selten an frühere Glanzzeiten anknüpfen. Grade mal ein einziger Etappensieg verbuchte er in dieser Zeit, eine Sprintankunft bei der Türkei-Rundfahrt.
Mit dem Wechsel zu Visma | Lease a Bike öffnet sich nun ein weiteres Kapitel. Und die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Neuanfang könnten kaum besser sein.
Das niederländische Team zählt seit Jahren zu den professionellsten Organisationen im Radsport. Visma hat mehrfach bewiesen, dass man Fahrer nicht nur leistungsstärker machen, sondern auch nach schwierigen Phasen wieder aufbauen kann. Die Mannschaft arbeitet akribisch in den Bereichen Training, Performance-Analyse und Rennstrategie. Und noch etwas ist anders: das Team verpflichtet nicht nur die ganz großen Fahrer, sondern gibt auch Talenten und eben Profis wie Jakobsen eine echte Chance.
Für Fabio Jakobsen dürfte besonders wichtig sein, wieder in ein Umfeld zu kommen, das ihm langfristig Vertrauen schenkt. Als einer der wenigen ausgewiesenen Spitzen-Sprinter im Aufgebot könnte er bei Visma eine klar definierte Rolle erhalten.
Die große Frage lautet natürlich, ob Jakobsen noch einmal um Siege bei der Tour de France kämpfen kann. Mit 30 Jahren ist der Niederländer keineswegs zu alt für einen Sprinter. Viele Fahrer dieses Profils erreichen ihre stärksten Jahre sogar erst um dieses Alter herum. Allerdings hat sich das Niveau im internationalen Sprintgeschäft in den vergangenen Jahren enorm erhöht.
Eine Rückkehr zur absoluten Dominanz erscheint deshalb schwierig. Dennoch wäre es keine Überraschung, wenn Jakobsen bei Visma wieder regelmäßiger Siege einfährt und sein Selbstvertrauen zurückgewinnt. Die Grundschnelligkeit besitzt er nach wie vor, entscheidend wird sein, ob er körperlich und mental wieder die Konstanz früherer Jahre erreicht.

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