Leon Weidner
· 18.09.2026
Mit den Einzelzeitfahren der Elite-Klassen beginnt die Straßenrad-Weltmeisterschaft 2026 in Montreal. Noch bevor die Sprinterinnen, Puncheurinnen und Klassikerjägerinnen um die weiteren Regenbogentrikots kämpfen, steht die erste Medaillenentscheidung der Titelkämpfe im Einzelzeitfahren an. Das Zeitfahren gilt traditionell als einer der ehrlichsten Wettkämpfe des Radsports: Ohne Windschatten, Teamtaktik oder Rennsituationen entscheidet allein die individuelle Leistung über Sieg oder Niederlage. Entsprechend prestigeträchtig ist das Regenbogentrikot, das sich die beste Spezialistin der Welt sichern darf.
Die Ausgangslage verspricht in diesem Jahr besondere Spannung. Während einige der etablierten Zeitfahr-Asse erneut um Gold kämpfen, drängen immer mehr Fahrerinnen in die Weltspitze dieser Disziplin. Hinzu kommt, dass die Weltmeisterschaften wieder spät im Kalender stattfinden und viele Fahrerinnen nach einer langen Saison unterschiedliche Formkurven mitbringen. Das macht Prognosen schwierig und eröffnet Außenseiterinnen zusätzliche Chancen.
Die Organisatoren haben für das Einzelzeitfahren in Montreal einen Kurs gewählt, der den Spezialistinnen zwar entgegenkommt, gleichzeitig aber nicht ausschließlich auf reine Kraftfahrerinnen zugeschnitten ist. Die Strecke führt über breite Straßen und bietet zahlreiche Passagen, auf denen eine konstante Aeroposition entscheidend sein wird. Lange Geradeausstücke ermöglichen hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten und belohnen Fahrerinnen, die ihre Leistung präzise einteilen können.
Gleichzeitig verhindern mehrere technische Abschnitte, dass das Rennen zu einer reinen Watt-Schlacht wird. Wer um die Medaillen kämpfen möchte, braucht nicht nur Motor, sondern auch fahrerisches Können und die Fähigkeit, den Rhythmus trotz wechselnder Streckencharakteristik aufrechtzuerhalten. Das Finale hat es dann noch einmal so richtig in sich. Die letzten drei Kilometer geht es nur noch bergauf, wobei der letzte Kilometer der steilste ist. Die drei Punkte für Zwischenzeiten bei Kilometer 10,7, 21,9 und 29,8 geben also nur eine Richtung vor, beim Schlussanstieg kann aber alles passieren.
Das Rennen führt über 39,2 Kilometer durch Montreal und weist dabei insgesamt 220 Höhenmeter auf. Gestartet wird um 9:00 Uhr auf der Avenue du Parc, das Ziel befindet sich im Parc Jeanne-Mance. In diesem Jahr fahren sowohl Frauen, als auch Männer, auf dem gleichen Kurs. Nach einigen Jahren mit unterschiedlich langen Strecken, kehrt man wieder zurück zum Prinzip, das es schon in Australien bei der Weltmeisterschaft 2022 gab.
***** Marlen Reusser
**** Demi Vollering
*** Zoe Bäckstedt, Antonia Niedermaier, Lieke Nooijen
** Elisa Longo Borghini, Cédrine Kerbaol, Paula Blasi
* Juliette Berthet, Katrine Aalerud, Franziska Koch, Lotte Kopecky, Kristen Faulkner, Lauretta Hanson, Taylor Knibb
* Je mehr Sterne eine Fahrerin erhält, desto höher sind ihre Chancen einzuschätzen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist die Startliste noch nicht final bekannt.
Auf dem Papier führt der Weg zum Weltmeistertitel vor allem über zwei Fahrerinnen. Titelverteidigerin Marlen Reusser reist erneut als klare Favoritin nach Montreal. Die Schweizerin hat auch in dieser Saison eindrucksvoll bewiesen, weshalb sie als Maßstab im Zeitfahren gilt. Kaum eine Fahrerin vereint Aerodynamik, Pacing und reine Leistung so konstant wie die amtierende Weltmeisterin. Wenn Reusser ihr gewohntes Niveau erreicht, fährt sie in ihrer eigenen Liga.
Die größte Herausforderin dürfte Demi Vollering sein. Die Niederländerin gewann in diesem Jahr sowohl den Giro d'Italia Women als auch die Tour de France Femmes und unterstrich damit einmal mehr ihren Status als kompletteste Rundfahrerin des Pelotons. Gleichzeitig gehört Vollering auch im Kampf gegen die Uhr zur absoluten Weltspitze. Allerdings wird sie für Gold vermutlich einen perfekten Tag benötigen, denn Reusser gilt auf einer Strecke wie jener in Montreal als die Fahrerin, die es zu schlagen gilt.
Sollte es eine Überraschung geben, dann dürfte sie am ehesten aus der nächsten Reihe der Favoritinnen kommen. Besonders spannend ist dabei die Entwicklung von Zoe Bäckstedt. Die Britin tritt erstmals bei einer Weltmeisterschaft im Zeitfahren beim Elite-Rennen an, obwohl sie noch mehrere Jahre im U23-Rennen startberechtigt wäre. Das allein zeigt, welch hohe Erwartungen an die junge Fahrerin geknüpft werden. In dieser Saison gewann Bäckstedt nahezu jedes Einzelzeitfahren, an dem sie teilnahm, inklusive der nationalen Meisterschaft. Lediglich bei der Burgos-Rundfahrt musste sie sich deutlich geschlagen geben. An einem guten Tag besitzt sie das Potenzial, direkt bei ihrem Elite-Debüt um die Medaillen mitzufahren.
In dieselbe Kategorie gehört Antonia Niedermaier. Die Deutsche zählt seit Jahren zu den stärksten Zeitfahrerinnen ihrer Generation und hat ihr Können immer wieder auf höchstem Niveau unter Beweis gestellt. Bei der Tour de France Femmes 2026 konnte sie ihre Zeitfahrstärke zwar nicht vollständig abrufen, weshalb ein kleines Fragezeichen hinter ihrer aktuellen Form steht. Ihr Potenzial für einen Platz auf dem Podium ist dennoch unbestritten.
Komplettiert wird die erste Reihe der Verfolgerinnen von Lieke Nooijen. Die Niederländerin ist eine ausgewiesene Spezialistin, für die das Zeitfahren klar die stärkste Disziplin darstellt. Gleichzeitig zeigte sie in dieser Saison, dass ihre Form insgesamt hervorragend ist. Besonders ihr Titel bei den niederländischen Straßenmeisterschaften gegen starke Konkurrenz unterstreicht ihre aktuelle Verfassung. Gelingt ihr ein Rennen auf höchstem Niveau, ist ein Platz auf dem Podium durchaus realistisch.
Hinter den Topfavoritinnen lauert eine Reihe von Fahrerinnen, die zwar nicht als erste Anwärterinnen auf Gold gelten, deren Sieg aber keineswegs völlig überraschend käme. Dazu gehört vor allem Elisa Longo Borghini. Die Italienerin gehört seit Jahren zur Weltspitze, verfügt über enorme Erfahrung und liefert gerade bei großen Meisterschaften regelmäßig starke Leistungen ab. Wer um Medaillen fährt, muss Longo Borghini fast immer auf der Rechnung haben. Im Zeitfahren ist sie allerdings nicht ganz so stark wie ihre Kontrahentinnen bei den großen Rundfahrten.
Ähnliches gilt für Cédrine Kerbaol. Die Französin hat jüngst ihren Teamwechsel bekanntgegeben und dürfte hoch motiviert nach Kanada reisen. Eine Weltmeisterschaft ist der ideale Rahmen, um dem neuen Arbeitgeber direkt einen eindrucksvollen Leistungsnachweis zu liefern. Die Fähigkeiten für ein Spitzenergebnis bringt sie zweifellos mit.
Die erst 22-Jährige Paula Blasi hat in dieser Saison ihren endgültigen Durchbruch auf höchstem Niveau geschafft und sich als starke Rundfahrerin etabliert. Zwar fehlt ihr auf dem Papier noch die große Erfahrung bei Weltmeisterschaften, die Formkurve der Spanierin zeigt jedoch seit Monaten steil nach oben. Ein Platz auf dem Podium beim Einzelzeitfahren wäre allerdings eine kleine Überraschung.
Dahinter folgt eine Gruppe von Fahrerinnen, die für eine Überraschung sorgen könnte. Juliette Berthet gehört definitiv dazu. Zwar konnte sie ihre Zeitfahrstärke in dieser Saison bislang nicht vollständig zeigen, doch als Siebte der vergangenen Weltmeisterschaften weiß die Französin genau, wie man bei einem Großereignis abliefert.
Ähnlich verhält es sich bei Katrine Aalerud. Die Norwegerin wurde bei der WM 2025 starke Fünfte und ist im Kampf gegen die Uhr deutlich stärker, als es ihre öffentliche Wahrnehmung manchmal vermuten lässt.
Aus deutscher Sicht richtet sich der Blick außerdem auf Franziska Koch. Die Deutsche bringt die Qualität mit, um sich weit vorne zu platzieren und mit etwas Rückenwind sogar in die Nähe der Medaillen zu fahren.
Zum Kreis der Außenseiterinnen zählen darüber hinaus Lotte Kopecky, Kristen Faulkner und Lauretta Hanson. Alle drei verfügen über die Klasse, an einem perfekten Tag für ein Spitzenergebnis zu sorgen, auch wenn die Strecke und die Konkurrenz ihnen die Rolle der Geheimfavoritinnen zuweisen.
Eine Fahrerin sticht im Starterfeld besonders heraus. Taylor Knibb geht für die USA an den Start, ist aber eigentlich kein Radprofi. Die Amerikanerin zählt vielmehr zu den besten Triathletinnen der Welt und feiert ihre größten Erfolge auf der Mittel- und Langdistanz. Gerade deshalb ist ihr Leistungsvermögen im Vergleich zu den Spezialistinnen nur schwer einzuschätzen. Zwei nationale Meistertitel und ein 19. Platz bei den Olympischen Spielen in Paris zeigen aber, dass sie nicht komplett chancenlos ist.

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