Sebastian Lindner
· 14.11.2023
Schon im Februar ging es um Millimeter. Auf der 1. Etappe der UAE Tour wurde es im Finale richtig eng, nachdem das Rennen fast den ganzen Tag auf der Windkante gefahren wurde. Eine Gruppe, in der sich auch zahlreiche Sprinter befanden, schaffte es schließlich bis nach Al Mirfa auf die Ziellinie. Mit dabei: Caleb Ewan (Lotto Dstny) und der Belgische Meister Tim Merlier (Soudal - Quick Step).
Auf dem Zielstrich ist mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden, wer von den beiden Sprintern nach dem Tigersprung die Nase vorn hat. Am Ende kann der deutlich größere Belgier sein Rad aber weiter nach vorne schieben. Er feiert seinen zweiten Saisonsieg, Ewan nimmt’s zunächst gelassen, nachdem er 15 Minuten lang auf die Entscheidung warten musste.
Die Strade Bianche Donne läutete eine Woche der haarscharfen Entscheidungen ein. Nachdem zunächst ein Pferd für Wirbel auf der Strecke gesorgt hatte, mussten die beiden SD-Worx-Teamkolleginnen Lotte Kopecky und Demi Vollering auf der letzten Steigung im Zielort Siena erst noch Kristin Faulkner abfangen, um sich Gedanken um den Sieg machen zu können.
Kopecky ging mit Vollering an ihrem Hinterrad als erste in die letzte Kurve und zog dann durch. Im Windschatten sprintete die Niederländerin neben die Belgierin - und nach Ansicht der Zielfotos auch vorbei. Für Vollering war der Sieg nicht nur der Auftakt für einen sensationellen Frühling, sondern auch eine Saison, die ihresgleichen suchte. Die spätere Gewinnerin des Ardennen-Tripples sowie der Tour de France hatte Tränen in den Augen. Für Kopecky blieben nur die Erinnerungen an ihren Vorjahressieg.
Schon einen Tag später wird es richtig kurios. Zum zweiten Mal in der Saison ist Caleb Ewan beteiligt. Sein Kontrahent dieses Mal: Gerben Thijssen (Intermarche-Circus-Wanty). Beiden sprinten beim GP Jean-Pierre Monsere um den Sieg. Es ist verdammt eng, aber alle halten den Australier für den Sieger. Auch Thijssen klopft ihm, noch auf dem Rad sitzend, auf die Schulter und erkennt dessen Sieg an.
Ewan wird zum Siegerinterview gebeten und erinnert sich dabei an die enge Kiste vor kaum zwei Wochen bei der UAE Tour. Doch das Siegergefühl soll ihm schnell vergehen. Denn kurz darauf die Rolle rückwärts: Thijssen wird nach Ansicht der Bilder aus der Zielkamera zum Sieger erklärt. Und Ewan kann’s nicht fassen. Auf X (früher Twitter) postet er Bilder, die die letzliche Entscheidung in ein seltsames Licht rücken.
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Zwei Tage später sieht zunächst alles danach aus, als wäre eine knappe Entscheidung keine Option. Denn auf der 2. Etappe von Tirreno-Adriatico setzt Fernando Gaviria (Movistar) überraschend früh zum Sprint an und scheint den Sieg einzufahren. Doch Jasper Philipsen (Alpecin-Deceuninck) passt auf und kann die Lücke noch schließen.
Profitieren kann er davon aber nicht, denn in seinem Windschatten rauscht noch ein weißes Trikot mit blauen Streifen und gelben Sternen an heran. Es überholt rechts und kann mit der höheren Endgeschwindigkeit sogar noch vorbeiziehen. Fabio Jakobsen (Soudal - Quick Step) sichert sich seinen zweiten Saisonsieg. Nach dem Rennen gibt er zu Protokoll, dass er sich, gerade in Anbetracht der Geschehnisse der vergangenen Tage, zunächst auch nicht sicher war, wirklich gewonnen zu haben.
Nachdem für den Großteil der Klassikersaison die Zielkamera ein ruhiges Leben fristet, wird es beim Giro wieder spannend. Auf der mit 219 Kilometer längsten Etappe der diesjährigen Italien-Rundfahrt stellt sich die Frage: Pascal Ackermann (UAE Team Emirates) oder Jonathan Milan (Bahrain Victorious)? Erster Sieg seit fast einem Jahr oder zweiter Tagessieg bei der Rundfahrt?
Nachdem ganz genau hingeschaut wurde, war klar, dass der ehemalige Deutsche Meister Ackermann im Fotofinish die Nase vorn hatte. Auch sein italienischer Kontrahent freute sich für den Pfälzer, der lange nichts mehr zu feiern hatte. Milan hingegen verteidigte das Maglia Ciclamino bis Rom. Es war bereits sein dritter zweiter Platz. Allerdings nicht der letzte ...
Denn schon sechs Tage später war es wieder so weit. Erneut ganz genau hingeschaut werden, ehe klar war, dass es für Milan wieder nur Rang 2 sein würde. In Caorle, im Ziel der 17. Etappe, war es dieses Mal sein Landsmann Alberto Dainese (Team DSM), der hauchdünn die Nase vorne hatte.
Um es noch ein wenig spannender zu machen, hängte sich auch der Spezialist für ansteigende Zielankünfte, Michael Matthews (Team Jayco-AlUla) noch mit rein. Dass er sich letzlich als Dritter geschlagen geben musste, war im bewegten Bild kaum zu erkennen.
Natürlich muss auch das wichtigste Rennen der Welt mit einem Fotofinish aufwarten können. Dafür sorgten Matej Mohoric (Bahrain-Victorious) und Kasper Asgreen (Soudal - Quick Step) auf der 19. Etappe der Tour de France.
Schnell war klar, dass das Teilstück eines für Ausreißer werden würde. Eine große Gruppe setzte sich so auch schnell vom Feld ab. Während die deutsche Hoffnung Nils Politt (Bora-Hansgrohe) in der entscheidenden Phase die Kette riss und Georg Zimmermann bei seiner dritten langen Flucht im Finale die Körner fehlten, attackierten Mohoric und Asgreen gemeinsam mit Ben O’Connor (AG2R-Citroën) kurz vor dem Ende nochmal aus der Gruppe heraus. Dem Australier ging auf der Zielgerade aber die Körner aus, die anderen beiden machten es extrem spannend und wussten erst lange nach der Zieldurchfahrt, wer gewonnen hatte. Als die Entscheidung zu Gunsten Mohoric’ ausfiel, kommentierte er ihn sehr emotional.
Und nochmal wurde es bei der Tour ganz eng. Zum Glück sind die Champs-Elysees verdammt breit, denn ansonsten hätten im großen Finale in Paris Jordi Meeus (Bora-Hansgrohe), Jasper Philipsen (Alpecin-Deceuninck), Dylan Groenewegen (Team Jayco-AlUla) und Mads Pedersen (Lidl-Trek) vielleicht gar nicht alle nahezu auf einer Linie nebeneinander über den Zielstrich rollen können.
Dass Boras Meeus am Ende zum Überraschungssieger und Philipsen den fünften Tagessieg der Rundfahrt mit einem perfekt getimten Tigersprung wegschnappte, war im ersten Augenblick nicht zu erkennen. Denn genauso gut hätten auch Groenewegen oder Pedersen, die Dritter und Vierter wurden, das bessere Ende für sich haben können. Ein engeres und gleichzeitig breiteres Finale gab es bei der Tour kaum.
Auch die Frauen können es im Massensprint eng machen, wie Elisa Balsamo (Lidl-Trek) und Lorena Wiebes (SD Worx) auf der 1. Etappe der Simac Ladies Tour bewiesen. Dabei war im Grunde nicht davon auszugehen, dass irgendein Kraut gegen die unangefochtenen Sprint-Queen Wiebes gewachsen sein könnte. Die 24-jährige Niederländerin ist bei flachen Ankünften seit zwei Jahren das Maß aller Dinge.
Doch zum Auftakt der Rundfahrt in ihrer niederländischen Heimat musste sie sich der Ex-Weltmeisterin beugen - obwohl sie in einer leichten Kurve die Innenbahn hatte. Allerdings konnte diese Entscheidung nur die Auswertung eines Zielfotos treffen. Laufende Bilder konnten keine Siegerin ermitteln. Am letzten Tag der Simac Ladies Tour sprinteten beide nochmals gegeneinander. Wiebes revanchierte sich.
Eine Rundfahrt später wird es wieder eng - eigentlich völlig unnötig. Die Österreicherin Carina Schrempf (Fenix-Deceuninck) ist zwar schon 29 Jahre alt, doch erst im zweiten Jahr Straßenprofi. Die fehlende Erfahrung macht sich auf der 1. Etappe der Tour de Romandie feminin bemerkbar.
Schrempf attackiert an der 3000-Meter-Marke aus dem rasenden Feld heraus und rettet tatsächlich ein paar Sekunden auf die Zielgerade. Den Sieg zum Greifen nahe, richtet sie sich auf, um ihren ersten Sieg auf internationalem Parkett zu feiern. Doch ist ihr nicht klar, wie groß der Tempoüberschuss des Feldes ist. Sieht Schrempf 25 Meter vor dem Ziel noch aus wie die sichere Siegerin, ist das auf dem Zielstrich nicht mehr der Fall. Sofia Bertizzolo aus Italien hat an der entscheidenden Stelle tatsächlich noch die Nase vorne und kann ihrerseits den ersten Saisonsieg feiern, während Schrempf nur verschämt Lehrgeld zahlen kann.
Für den letzten Tag im World-Tour-Kalender haben sich die Sprinter nochmal etwas aufgehoben. Die 6. und letzte Etappe der Tour of Guangxi endet im Massensprint - inklusive Fotofinish zwischen Olav Kooij (Jumbo-Visma), Juan Sebastian Molano (UAE Team Emirates) und Ethan Hayter (Ineos Grneadiers).
Im dieser Reihenfolge spuckte der Computer anhand der Aufnahmen des Zielfotos dann auch die Tageswertung aus. Ob Kooij einen kleinen Bonus bekam, weil er auf den Tag genau 22 Jahre alt wurde, ist nicht bekannt.