MIPS-Helme 2022 im TestFoto: Robert Kühnen

MIPS-Helme 2022 im Test

Robert Kühnen

 4/8/2022, Lesezeit: 4 Minuten

Knautschzone plus Rotationsschutz – in aktuellen Radhelmen steckt fortgeschrittene Schutztechnik. Aber wer schafft den besten Mix aus Prävention und Tragekomfort? Im TOUR-Crash-Test: 13 MIPS Helme zwischen 80 und 145 Euro.

Kawumm! Wenn der behelmte Testkopf auf die stählerne Teststraße prallt und mit Schmackes in die Auffangkiste schießt, macht diese einen ordentlichen Satz nach hinten und die Zuschauer zucken zusammen. Zuschauer zieht dieser Test eigentlich immer ins TOUR-Testlabor. Einen Crash aus nächster Nähe zu erleben – das will sich keiner entgehen lassen. Nervenkitzel light, denn natürlich crasht hier kein echter Kopf im Dienste der Sicherheitsforschung, sondern ein Dummy, der keinen Schmerz kennt. Aus der Nähe zu erleben, wie hart der Aufprall bereits bei der moderaten Aufprallgeschwindigkeit von „nur“ 21 km/h ist, lässt einen trotzdem erschauern – insbesondere mit der Erfahrung rasanter Rennrad-Abfahrten im Hinterkopf.

MIPS-Technologie im FahrradhelmFoto: Matthias Borchers
MIPS-Technologie im Fahrradhelm

Wir leisten uns bei TOUR (zusammen mit unserem Schwestermagazin BIKE) einen Luxus, den kein anderes Fahrradmagazin für sich reklamieren kann: Wir testen im Dienste unserer Leserschaft Helme auf Sicherheit – und zwar mit eigenem Equipment, also unabhängig von Herstellern. Und das nicht irgendwie, sondern mit beträchtlichem Aufwand, wie er vergleichbar nur in wenigen Forschungseinrichtungen betrieben wird. Die nach offizieller EN-Norm vorgeschriebenen Standardprüfungen sind weniger streng und ignorieren manche Fortschritte im Helm-Design der vergangenen 20 Jahre. Seit vielen Jahren werden zwar angepasste Tests-Standards diskutiert, aber die Mühlen der europäischen Komitees für Standardisierung mahlen langsam.

De facto haben sich bei Helmen längst neue Sicherheitsfeatures etabliert, die die gängigen Normen nicht abbilden. Das ist ganz wesentlich einem schwedischen Unternehmen zu verdanken, das seit 20 Jahren hartnäckig seine Philosophie verfolgt und einen Schutzmechanismus ersonnen hat, der anders wirkt als die klassische Schlagdämpfung über einen EPS-Schaum, der beim Aufprall Energie aufnimmt. Mips, das für „Multi Directional Impact Protection System” steht, hat einen Rotationsschutz erdacht, eine zusätzliche, bewegliche Kunststoffschale zwischen Helmpolster und Helmschale.

MIPS verringert die Rotation des Kopfes

Die Aufgabe dieser inneren Schale besteht darin, bei einem schrägen Aufprall – wie er zum Beispiel beim Sturz über den Lenker typisch ist – etwas zusätzliche Rotations­bewegung der Helmschale zuzulassen. Das senkt die Wahrscheinlichkeit von Hirnschäden, die auftreten, wenn der Schädel sich so schnell dreht, dass die träge Masse des Gehirns nicht folgen kann und Blutgefäße bei der Scherbewegung zwischen Schädelknochen und Gehirn einreißen. Der Übergang von leichter Gehirnerschütterung zu schwerer Kopfverletzung ist dabei nach Ansicht der Mediziner fließend. Das heißt, man sollte möglichst alles tun, was die Belastung des Gehirns bei einem Unfall senkt.

Helme mit Mips-Technologie bringen mehr Gramm auf die Waage, doch die Messdaten sprechen für sich: die Drehraten des Kopfes nach dem schrägen Aufprall gehen im Schnitt um 40 Prozent zurück, wenn ein Mips-­System im Helm eingebaut ist. Die Wahrscheinlichkeit, eine mittlere Gehirnerschütterung durch die Rotation zu erleiden, sinkt sogar um drei Viertel, von durchschnittlich 39 auf nur noch 10 Prozent – verglichen mit einem Helm ohne Mips.

Ausführlich ist das Test-Vorgehen des Fahrradhelm-Crashtests im TOUR Magazin 5/22 beschrieben. Im Video ist der Crashtest eindrucksvoll dargestellt.

Fahrradhelme mit MIPS-Technologie

Das Mips-Konzept hat viele Hersteller überzeugt, die Technik in die Helme einzubauen, auch wenn das keine Norm fordert und zusätzliches Geld kostet. Wie verbreitet das System ist, lässt sich am aktuellen Angebot eines großen Online-Händlers ablesen: 1.000 von insgesamt 4.000 verfügbaren Straßenhelmen sind inzwischen mit MIPS ausgestattet, nur wenige Marken beschreiten gänzlich eigene konstruktive Wege in Sachen Sicherheit (siehe auch Helmtest in TOUR 9/2020).

Unser Testfeld spiegelt auch wider, dass die Einstiegspreise für Mips-Helme gesunken sind: Der günstigste Helm kostet 80 Euro, der teuerste im Testfeld 145 Euro. Die spannende Frage lautet: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Preis und Schutzwirkung? Um das herauszufinden, unterzogen wir jeweils mindestens zwei Helme jedes Modells dem Crash-Test, überprüften aber auch den Tragekomfort und testeten die ­Belüftung mit einem Mini-Windkanal.

MIPS Helme im Test

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